Städtepartnerschaft mit Großbritannien Jetzt erst recht

Unterhaching pflegt seit 26 Jahren eine Partnerschaft mit Witney in Großbritannien, dem Wahlkreis von David Cameron. Der Brexit wird die Verbindung nicht erschüttern, aber einige Betroffene ziehen Konsequenzen.

Von Trang Dang, Unterhaching

Manchester, England, Ende der Siebzigerjahre: Hannah Lea, geboren 1960, muss ihre Hausaufgaben bei Kerzenlicht machen. Das Land durchleidet unter der Regierung der Eisernen Lady Margarete Thatcher harte Zeiten. 1982 sucht Lea wie viele britische Arbeitslose ihr Glück in Deutschland. Beruflich wie auch privat. Und sie hat es gefunden. Seit etwa 20 Jahren lebt die gebürtige Engländerin als selbständige Wirtschaftstexterin in Unterhaching.

Umso sprachloser und entsetzter ist sie über den Brexit: "Ich schäme mich in Grund und Boden", sagt die 56-Jährige. Zwölfmal sei sie im vergangenen Jahr in ihre Heimat gefahren. Manchester habe mehrheitlich für Remain, den Verbleib in der EU, gestimmt. Trotzdem sagt sie: "Ich bin wütend." Dass die Briten austreten, daran hat sie keinen Zweifel.

Die Moris Dancers im Jahr 1999.

(Foto: Claus Schunk)

Leas neue Heimat Unterhaching pflegt seit 26 Jahren eine Städtepartnerschaft mit der Stadt Witney in Großbritannien. Mit 29 103 Einwohnern ist die englische Kleinstadt nur geringfügig größer als Unterhaching. Die größte Stadt im Distrikt West Oxfordshire, 19 Kilometer westlich von der Universitätsstadt Oxford, gehört zum Wahlkreis des noch amtierenden Premierministers David Cameron.

Offiziellen Angaben zufolge hat man in Oxfordshire mehrheitlich für einen Verbleib in der EU gestimmt. Eine Tatsache, über die sich die Gemeinde Unterhaching freut. "Gerade weil die Briten für einen Austritt gestimmt haben, sind wir gefordert und noch mehr in der Pflicht, auf lokaler Ebene das Verhältnis zu intensivieren", sagt Simon Hötzl, der persönliche Referenz von Bürgermeister Wolfgang Panzer (SPD). Laut Hötzl sind es im Wesentlichen die ganz normalen Menschen, die sich um die Freundschaft beider Orte bemühen. 1989 und 1990 setzten der damalige Bürgermeister Engelbert Kupka und sein Amtskollege aus Witney ihre Unterschriften auf die Partnerschaftsurkunden.

Die rot Telefonzelle vor dem Rathaus ist ein Geschenk aus Witney

Dem offiziellen Schulterschluss waren einige Aktivitäten des Unterhachinger Städte-Partnerschaftskreises vorausgegangen. Thomas Jaeger, Vorsitzender des Vereins, fallen zahlreiche gemeinsame Ereignisse aus den vergangenen Jahrzehnten ein. Rund 20 Mal sei er schon auf der Insel gewesen. "Wir legen zum Volkstrauertag des jeweils anderen Landes Kränze nieder", sagt der heute 71-Jährige. Die rote Telefonzelle vor dem Unterhachinger Rathaus, ein Geschenk der Stadt Witney zum zehnjährigen Bestehen der Partnerschaft, steht immer noch. Und seit 1992 gibt es in der Gemeinde sogar eine Witneystraße.

Gute Verbindung: Unterhachings früherer Bürgermeister Erwin Knapek, sein Amtskollege Stephan Hayward.

(Foto: Schunk)

"Ich bin enttäuscht, dass es mit einem Brexit ausgegangen ist", sagt Bernard Maidment, FDP-Ortsvorsitzender und Gemeinderat in Unterhaching mit deutsch-britischen Wurzeln und im Rathaus Ansprechpartner für deutsch-britische Angelegenheiten. Aber man müsse zwischen der großen Politik auf europäischer Ebene und der Partnerschaft auf Städte-Ebene differenzieren, sagt der 43-Jährige. Eine Ansicht, die Hötzl und Jaeger teilen.

Und so wird sich durch den Brexit-Entscheid an der Partnerschaft zwischen Unterhaching und Witney voraussichtlich nicht allzu viel ändern. Zum Unterhachinger Bürgerfest wird Witneys neuer Bürgermeister Chris Holliday am kommenden Freitag erwartet - und der Partnerschaftsverein will sich auch weiterhin am Schüleraustauschprogramm, an dem das Lise-Meitner-Gymnasium teilnimmt, finanziell und organisatorisch beteiligen. Erst diese Woche sind Schüler aus England abgereist.

53 Prozent

Im Wahlbezirk West Oxfordshire, zu dem die Stadt Witney gehört, haben die Menschen beim Referendum mehrheitlich für den Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. 35 236 Wähler votierten hier für "Remain". Vielleicht ein kleiner Trost für David Cameron. Der Premierminister ist seit 2001 Abgeordneter von Witney und West Oxfordshire. Cameron und seine Partei, die Konservativen, sind in dem Wahlkreis äußerst beliebt. Selbst als Premierminister stattete er der englischen Stadt mehrmals im Monat einen Besuch ab.

Außer Unterhaching pflegt die Gemeinde Planegg im Westen Münchens eine Partnerschaft nach Großbritannien, zur Stadt Didcot. Es sind die einzigen beiden Partnerschaften mit der Insel. Von den 37 Beziehungen, welche die 29 Landkreisgemeinden mit anderen Kommunen in Europa eingegangen sind, reichen die meisten nach Frankreich und Italien.

Hannah Lea will die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen

Und doch ist auch etwas anders wenige Tage nach dem Brexit. So zieht Hannah Lea endgültig Konsequenzen aus der Zahl 15. Für Briten, die so viele Jahre im Ausland leben, ist das Wahlrecht ausgesetzt. Eine Maßnahme, die Lea als "Schande" bezeichnet. Vor einigen Wochen hat sie bereits beim Landratsamt die Dokumente für eine Einbürgerung eingereicht. Sie will die deutsche Staatsbürgerschaft, sieht ihre Zukunft auf Dauer in Deutschland. Als Übersetzerin mit der Wirtschaftssprache Englisch dürfte sie auch weiterhin beruflich gute Chance haben.

Sie wird nicht die einzige sein. Berichten zufolge, erwägen seit der Abstimmung viele der 105 000 Briten in Deutschland die Einbürgerung. Und auch im Familiären hat das Referendum Spuren hinterlassen. Wie ihr Bruder abgestimmt hat, traue sie sich nicht mal zu fragen, sagt Lea. Sie weiß von vielen Familien, in denen das Thema den Familienfrieden gefährdet. Thomas Jaeger ist dennoch sicher, dass sich die Wogen legen. "Die Partnerschaft, die von unten aufgebaut ist, wird nicht abreißen."