Unterföhring Wurzeln der Hoffnung

Zuheir Darwish lebt und arbeitet in Unterföhring. Dort sind auch seine Bilder zu sehen.

(Foto: Robert Haas)

Der Maler Zuheir Darwish musste selbst aus seiner Heimat Syrien fliehen. Nun lebt er in Unterföhring - und verkauft seine Bilder zu Gunsten von Flüchtlingen in der Türkei.

Von Julia Weller, Unterföhring

"Als ich im Knast war, habe ich immer an die Wände gemalt", sagt Zuheir Darwish und streckt seine Hände aus. Die Finger sind bunt, seine Wohnung ist es auch. Er redet vom Knast, nicht vom Gefängnis, wenn er von seiner Flucht nach Deutschland erzählt. Ein Bild im Esszimmer spricht dieselbe ehrliche Sprache: Über die Leinwand spannt sich ein Drahtgitter. "Wenn ich mich mit Worten ausdrücken könnte, würde ich nicht malen", sagt der staatenlose Künstler, der seit einigen Jahren in Unterföhring lebt.

Der Baum ist Darwishs Leitmotiv

In Darwishs Wohnung sind überall virtuelle Bäume zu sehen. Sie stehen auf Flusssteine gemalt in der Vitrine oder hängen als Zeichnungen an der Wand. Der Baum ist Darwishs Leitmotiv. Wie er darauf gekommen ist? "Der Baum ist ein Symbol des Lebens: Er gibt den Menschen alles, nimmt ihnen aber nichts", sagt er.

Wo immer er hinschaue, auf jedem Stein und sogar auf jedem Auto sehe er ihn, den Baum der Hoffnung. "Und ohne die Hoffnung geht es nicht", sagt der 38-Jährige. "Hätte ich nicht immer den Baum gesehen, dann wäre ich heute nicht hier."

Darwish wurde in Syrien geboren, seine Eltern besaßen jedoch keine Staatsangehörigkeit. Er wuchs bei einer befreundeten kurdischen Familie auf, bis er wegen Konflikten zwischen Kurden und Arabern in den Libanon floh. Dort geriet er in Gefangenschaft.

"Guantanamo in Deutschland"

Über die Ukraine gelangte er schließlich nach Deutschland, wo er zehn Jahre lang auf die Anerkennung als Flüchtling wartete. "Guantanamo in Deutschland" nennt er die Asylbewerberheime in der Oberpfalz, in denen er in dieser Zeit als Geduldeter lebte.

"Ich durfte nicht raus, ich durfte nicht lernen", erzählt Darwish, der mittlerweile fließend Deutsch spricht. "Wir hatten Essen, wir hatten alles, aber da war immer dieser Schmerz in der Seele." Die Erinnerung an den Krieg seiner Kindheit verarbeitet Darwish in seiner Kunst. "Manche Bilder sind tieftraurig", sagt er. "Aber der Baum ist immer da."

Nicht alle Bäume in seinen Bildern sind auf den ersten Blick erkennbar, für manche muss man den Kopf neigen. "Viele der Werke sind von mehreren Seiten aus anzusehen", sagt seine Frau Susanne Greiner, "da muss man erst überlegen, wie er es eigentlich meint."

Greiner und Darwish haben sich 2011 bei einer Syriendemo am Sendlinger Tor kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt hatte Darwish schon drei Kinder, alle in Deutschland geboren, alle ohne Papiere. "Die Kinder können nichts anderes als Deutsch, das sind doch Deutsche", sagt Greiner und kritisiert den Umgang der Behörden mit den staatenlosen Kindern. "Wenn sie Glück haben, bekommen sie vielleicht mal eine Ermessenseinbürgerung, aber ein Recht darauf haben sie nicht."

Mit seiner Frau gründet Darwish einen Hilfsverein

Obwohl er selbst kein deutscher Staatsbürger ist, fühlt Darwish sich in Deutschland zu Hause. "Ich habe hier alle meine Freunde und wenn ich Unterstützung brauche, dann bekomme ich sie auch." Trotzdem: "Wenn es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, wäre ich nicht geflüchtet."

Der Künstler erzählt von Waffen, von Unterdrückung und von Armut. Im vergangenen Jahr reiste er mit seiner Frau in den Süden der Türkei. "Die Leute leben dort wie in der Steinzeit", sagt Darwish. "Schlimmer!", ruft Greiner dazwischen. Die beiden hatten ein paar hundert Euro mitgebracht, Einnahmen aus dem Verkauf von Darwishs Bildern. Mit dem Geld wollten sie die Menschen unterstützen, die vor dem Krieg aus Syrien in den türkischen Süden geflohen waren.

In Gaziantep, 60 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt, erzählten die Menschen ihnen von einer Bäckerei, die Brot kostenlos an Flüchtlinge verteilt. "Wir können ja nicht unsere gesamten Einnahmen selbst dorthin tragen", sagt Greiner, "also brauchen wir einen Partner vor Ort, mit dem wir zusammenarbeiten können."

Die Bilder des Künstlers sind in Unterföhring zu sehen

Darwish und Greiner gründeten den Verein "Baum der Hoffnung" und sammeln seitdem Geld unter dem Motto "Bilder für Brot". Im September stellt der Künstler 28 seiner Werke in der Münchner Bank in Unterföhring aus. Die Bilder können käuflich erworben werden, der Erlös geht an die türkische Bäckerei.

"Wenn ich mich selbst bemalen und mich verkaufen könnte, um ein Kind zu retten, würde ich auch das machen", sagt Darwish. Sein großer Traum ist die Eröffnung einer Schule oder eines Internats, denn Bildung ist für ihn das bedeutendste Mittel gegen Krieg und Zerstörung. "Es wird schwierig, einen geeigneten Ort dafür zu finden", sagt seine Frau, "aber irgendwie werden wir auch das schaffen."

Darwish zückt das Handy und vergrößert mit der eingebauten Kamera die dunkelste Ecke eines Bildes. Inmitten des schwarzen Nichts sind plötzlich Wurzeln zu erkennen. "Ein Stück Hoffnung steckt immer drin", sagt er, "denn wenn ein Baum tot ist, wächst ein neuer nach."

Die Ausstellung "Baum der Hoffnung" in der Bankfiliale in der Münchner Straße 80 in Unterföhring ist von diesem Freitag bis einschließlich Freitag, 2. Oktober, zu besichtigen. Geöffnet ist montags bis freitags jeweils von 8.30 bis 12.30 Uhr sowie von 14 bis 16 Uhr, donnerstags sogar bis 17.30 Uhr.