40 Jahre Gebietsreform Stichwort "Zusammenarbeit"

Straßlach ist heute der Hauptort der Doppelgemeinde - mit Schule und Rathaus.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Die kleinen Gemeinden Straßlach und Dingharting kamen bei der Gebietsreform vor 40 Jahren eher zufällig zusammen. Doch die Chemie stimmte: Bereits bei der ersten Kommunalwahl 1978 siegte eine parteifreie Liste mit Kandidaten aus beiden Orten.

Von Irmengard Gnau

Die Linde reckt ihre Äste in den Himmel. Etwas unscheinbar ist sie, keine Tafel weist auf ihren Ursprung hin. Und doch ist der Baum am Ortseingang von Hailafing ein Symbol für den guten Willen. Zusammen mit dem Stamm sollten auch Straßlach und Dingharting mit ihren insgesamt zehn Ortsteilen wachsen, miteinander und zueinander hin. Seit 40 Jahren tun sie das nun, nachdem sie bei der Gemeindegebietsreform "willkürlich" und "grundlos" zusammengelegt worden sind, wie der Verfasser der Heimatkundlichen Stoffsammlung Anfang der Achtzigerjahre noch kritisch anmerkte.

Ob die Vereinigungslinde einmal ein hundertjähriger Riese wird, weiß man nicht. An ihrem Standort neben der Schnellstraße kriege sie schon einige Abgase ab, sagt Albert Geiger und schmunzelt. Der Zahnarzt und langjährige Gemeinderat hat die Linde gut im Blick, sie steht gleich vor seinem Haus auf einem Stück Gemeindegrund. Ein Hailafinger Ehepaar stiftete den Baum, als offiziell feststand, dass Straßlach und Dingharting in Zukunft eine Gemeinde bilden und zum Landkreis München gehören würden. Der Weg dorthin war allerdings von vielen Diskussionen begleitet, weiß Geiger als ehrenamtlicher Ortschronist: "Die Dinghartinger und die Straßlacher mussten sich erst zusammenraufen."

Mit Lorenz Lang (auf dem Wahlzettel links) wurde 1978 ein Dinghartinger erster Bürgermeister der neuen Einheitsgemeinde.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Da der Landkreis Wolfratshausen, zu dem die beiden eigenständigen Orte gehört hatten, bei der Landkreisreform 1972 aufgelöst und zum Teil Bad Tölz zugeschlagen worden war, fanden sich acht ehemalige Wolfratshauser Gemeinden plötzlich im Landkreis München wieder. Einige mögliche Partner für den von der Regierung gewünschten Zusammenschluss zu größeren Gemeindeeinheiten fielen damit von vornherein weg, weil sie jenseits der Landkreisgrenze lagen. Grünwald und Schäftlarn erschienen vielen als zu übermächtig, der mögliche Partner Oberbiberg entschied sich schließlich für Oberhaching. "Damit blieben eigentlich nur noch wir zwei übrig", sagt Geiger.

Ortschronist Albert Geiger, hier auf dem Friedhof in Dingharting, kandidierte damals ebenfalls für den Gemeinderat, allerdings auf der Liste der CSU.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Notgedrungen also trat man in den Dialog. Vor allem in Dingharting war das Misstrauen vor dem Zusammenschluss groß: Jahrzehntelang war das weiter südlich gelegene Dorf größer und bedeutender gewesen als das kleine Straßlach. Doch in den Fünfziger-und Sechzigerjahren waren so viele Münchner und andere aus der Stadt in den grünen Süden gezogen, dass Straßlach 1972 mit 1580 Einwohnern gut doppelt so viele zählte wie Dingharting mit seinen 715. Die Volksschule war bereits 1969 von Dingharting nach Straßlach verlegt worden - nun also sollte auch das Rathaus fallen? "Dingharting wollte so viel wie möglich an Bedeutung retten", sagt Geiger. Die Bürgermeister beider Orte traten 1978 gegeneinander als Kandidaten für den Chefposten im Rathaus der neuen gemeinsamen Gemeinde an.

Lorenz Lang aus Dingharting allerdings sicherte sich einen entscheidenden Vorteil: Anders als sein Konkurrent Karl Borcherding aus Straßlach versammelte er auf seiner Liste der Freien Wählergemeinschaft unter dem Kennwort "Zusammenarbeit" Kandidaten aus beiden Orten hinter sich und warb für eine überparteiliche Politik. Die Freie Wählergemeinschaft gewann eine deutliche Mehrheit im neuen Gemeinderat, Lang blieb bis zum Jahr 1988 Bürgermeister der neuen Einheitsgemeinde.

Diese Tradition hat sich in doppelter Hinsicht gehalten: Bis heute war in Straßlach-Dingharting nie der Kandidat einer etablierten Partei Bürgermeister, erzählt Hans Sienerth, selbst parteilos, der seit 2008 Rathauschef ist. Und auch heute setze sich der Gemeinderat aus einer guten Mischung aus Vertretern beider Orte zusammen. Dennoch merke man gleich, dass es Straßlacher und Dinghartinger gebe, sagt Sienerth und grinst.

Der heute 44-Jährige kam vor 18 Jahren aus Fürth, um für die Gemeinde zu arbeiten, zunächst in der Geschäftsleitung, schließlich als hauptamtlicher Bürgermeister. Ein parteifreier Zugezogener mit Verwaltungserfahrung, das scheint für alle Seiten gut zu funktionieren. "Heute ist klar: Straßlach ist der Hauptort, der braucht eine spezielle Infrastruktur", sagt Sienerth. Neben Rathaus und Schule befinden sich hier auch die Supermärkte. "Aber wenn wir zum Beispiel Straßen sanieren, achten wir darauf, dass wir das in beiden Ortsteilen ausgewogen tun." Ein Wirtshaus etwa gibt es sowohl hier wie dort, betont Albert Geiger. Auch das Vereinsleben ist in Dingharting wie in Straßlach sehr rege und wird gepflegt. Auch untereinander: Die Burschen aus Dingharting helfen den Straßlachern heutzutage beim Maibaumaufstellen und umgekehrt, bei den Festen des Nachbarn ist man gern zu Gast.

Gleichwohl hebt sich die Gemeinde ab vom Großteil des Landkreises. Sie ist bis heute von der Einwohnerzahl her sehr klein, nur 3431 Menschen hatten Ende April ihren Wohnsitz in Straßlach-Dingharting, bei einer Gemeindefläche von mehr als 28 Quadratkilometern. Dass die beiden Orte den Oberen in der Regierungsverwaltung 1978 überhaupt groß genug waren, um eine eigene Einheit zu bilden, lag wohl am Mangel an Alternativen und an der guten Entwicklungsperspektive, die man sah. Mitte der Siebziger sei bereits viel Bauland ausgewiesen gewesen, sagt Chronist Geiger. "Man hat damals gesagt, in ein paar Jahren wird's schon gehen."

Straßlach-Dingharting ist bis heute zu großen Teilen ländlich geprägt, Gewerbegebiete sind eher rar. Kein Vergleich zu Landkreis-Nachbarn wie Unterhaching oder Unterschleißheim, die sich als boomende, zunehmend städtische Unternehmensstandorte präsentieren. "In einem ländlichen Landkreis hätten wir einen ganz anderen Stellenwert", ist Bürgermeister Sienerth überzeugt. Doch die Gemeindespitze achte bewusst auf ein moderates Wachstum.

Ob er die Zusammenlegung vor 40 Jahren als Fehler sieht? Nein, sagt Sienerth. "Straßlach-Dingharting hat sich in den letzten 40 Jahren gut gemacht. Vieles ist besser zusammengewachsen, als mancher vielleicht gedacht hat." Davon zeugt auch die Vereinigungslinde, die mit ihrer grünen Blätterpracht das gemeindliche Nachrichtenblatt im Mai zierte, zum 40. Jahrestag der Gemeindegebietsreform. Ein großes Fest soll es in Straßlach-Dingharting erst in zehn Jahren geben, zum 50-Jährigen. Dann wird die Linde aller Voraussicht nach noch ein Stück größer gewachsen sein.

Der lange Weg zum Doppelnamen

Bis die Einheitsgemeinde Straßlach-Dingharting ihren Namen erhielt, dauerte es zwölf lange Jahre, in denen die Rathausspitze mit der Regierung von Oberbayern rang. Im Januar 1977 stimmten die Gemeinderäte von Dingharting und Straßlach noch separat über den Namen der künftigen gemeinsamen Gemeinde ab - die Straßlacher für "Straßlach", die Dinghartinger für "Dingharting-Straßlach", schließlich war man der flächenmäßig größere Ort. In einer außerordentlichen, gemeinsamen Bürgerversammlung, die der damalige Landrat Joachim Gillessen (CSU) persönlich moderierte, erhielt der letztgenannte Vorschlag eine überwältigende Mehrheit.

Traditionell, erzählt Ortschronist Albert Geiger, waren die alteingesessenen Dinghartinger wesentlich mehr an der Ortspolitik interessiert als die vielen zugezogenen Straßlacher und von daher bei Abstimmungen stärker vertreten. Dennoch blieb die Regierung stur: Doppelnamen waren nicht vorgesehen. Über den Bayerischen Staatsanzeiger erfuhren Bürger und Gemeindeverwaltung im Sommer 1977, dass die Regierung den Gemeindenamen "Straßlach" festgelegt hatte. Auch der Widerspruch des im Mai 1978 gewählten gemeinsamen Gemeinderats unter der Führung des vorherigen Dinghartinger Bürgermeisters Lorenz Lang brachte keinen Erfolg.

Doch die Unzufriedenheit blieb. Und nicht nur bei den Dinghartingern: In ganz Bayern kämpften zusammengelegte Gemeinden um den Erhalt wenigstens des Ortsnamens. Die Nachbarn in Siegertsbrunn konnten ihren Wunsch 1982 durchsetzen, bei der Landtagswahl durften die Bürger auch über den ursprünglich versagten Doppelnamen abstimmen. Das gab auch den Dinghartingern neuen Auftrieb: 1985 beantragte die Gemeinde erneut die Zulassung des Doppelnamens. Dieses Mal fand man Gehör. Bei einer neuen Abstimmung zusammen mit der Landtagswahl 1986 unterstützten mehr als 57 Prozent der Gemeindebürger den Vorschlag.

Dennoch dauerte es bis 1. Januar 1989, bis man endlich "Straßlach-Dingharting" auf das Ortsschild schreiben durfte. Ob es schneller gegangen wäre, wenn der Bürgermeister nicht der Freien Wählergemeinschaft angehört hätte, sondern der CSU? Darüber lässt sich nur spekulieren. Im kommenden Jahr jedenfalls jährt sich die Einführung des Doppelnamens zum 30. Mal. gna