SZ-Serie "Schlüsselposition", Folge 3 Zwischen Tontauben und Wildschweinen

Siebzigerjahre-Charme trifft High-Tech: Die Olympia-Schießanlage bietet beste Trainingsmöglichkeiten für Weltklasse-Schützen wie Alexander Kindig.

(Foto: Claus Schunk)

In der Olympia-Schießanlage in Garching-Hochbrück trainieren ausschließlich Spitzenschützen. Darüber, dass auch mehr als 40 Jahre nach den Spielen technisch alles auf dem neuesten Stand ist, wacht Martin Riedl.

Von Stefan Galler, Garching-Hochbrück

Vor 300 Jahren, da hatten diejenigen, die über eine besonders ruhige Hand und ein gutes Auge verfügten, die Chance auf große Meriten. Wer damals mit der Büchse so gut umgehen konnte, dass er sich den Titel eines Schützenkönigs sicherte, lebte ein Jahr lang steuerfrei, musste ein Jahr lang keine Zeche im Wirtshaus zahlen und erhielt für diese Zeit ein Pferd inklusive Sattel und Zaumzeug.

Derart ruhmreich ist das Leben eines Sportschützen heute nicht mehr, im besten Fall bekommt er irgendwann in seiner Karriere eine olympische Medaille um den Hals gehängt; regionale Könner dürfen sich zumindest mit Wurst oder Brezn dekorieren lassen. In Garching-Hochbrück kennen sie die Besten der Welt, denn hier ist das größte Zentrum des zivilen Schießsports beheimatet: die anlässlich der Spiele 1972 errichtete Olympia-Schießanlage.

Trotz des Siebzigerjahre-Charmes ist alles vom Feinsten

Für einen Rundgang muss man Zeit mitbringen, denn das Gebiet ist weitläufig: Auf einer Gesamtfläche von 40 Hektar ist alles geboten, was das Herz des Sportschützen begehrt - alleine die riesige Tontauben-Anlage hat 2,4 Hektar. Martin Riedl, der Chef des insgesamt fünfköpfigen Hausmeister-Teams, kann seinen Stolz kaum unterdrücken, als er den Besucher herumführt. Denn hier ist - trotz des omnipräsenten Siebzigerjahre-Charmes - alles vom Feinsten. Und dementsprechend nicht der Öffentlichkeit zugänglich: "Schießen ist zwar ein Gesellschaftssport, aber unsere Anlage ist ein Leistungszentrum und deshalb dem Spitzensport vorbehalten", sagt Riedl. "Bei uns schießt nur die Crème de la Crème." Also vor allem Mitglieder der Bundeskader, auch mal Biathleten, aber doch meistens Sportschützen.

So auch an diesem kalten Freitagvormittag: In der gigantischen Luftgewehrhalle mit ihren 102 Einzelschießständen übt Alexander Kindig, Junioren-Weltmeister mit der Luftpistole 2014, unter Anleitung von Pistolen-Bundestrainer Jan-Erik Epple. Der junge Sportler bereitet sich auf die Europameisterschaft Ende Februar vor. "Das ist unsere wichtigste und meist genutzte Halle", erzählt Hausmeister Riedl im Flüsterton, schließlich will er den Meisterschützen nicht aus der Konzentration reißen.

Pistolero Kindig kann sich anhand modernster Monitore genau informieren, wie weit seine Versuche von der Mitte der Zielscheibe entfernt sind. "Früher mussten die Scheiben mit einem Seilzug herangeholt werden, damit man die Ergebnisse sehen konnte", erzählt Riedl.

Manchmal verwandelt sich die Luftgewehrhalle in eine Halle für Armbrustschützen

Die Wartung und Funktionsprüfung der Monitore gehört zu den Aufgaben des Verwalters und seiner Kollegen Martin Abeltshauser, Jürgen Gruber und Patryk Pres. "Wir erneuern die Scheiben, holen das Blei aus den Behältern der Messrahmen, überprüfen die Beleuchtung und bereiten die Reinigung der Hallen für den Putzdienst vor", sagt Riedl. Dazu kommen Umbauten, etwa, wenn sich die Luftgewehrhalle in eine Halle für Armbrustschützen verwandelt: Die Monitore werden abgebaut, die Distanz der Stände verändert.

Einmal im Jahr ist es allerdings vorbei mit der Gelassenheit, die das Team normalerweise ausstrahlt: 14 Tage vor dem Oktoberfestanstich werden 82 elektronische Schießstände in Hochbrück abgebaut - und im Schützen-Festzelt auf der Wiesn wieder aufgebaut. "Da stehen wir schon gewaltig unter Zeitdruck", sagt Martin Riedl, seine Kollegen nicken zustimmend. Während des größten Volksfestes der Welt findet dort das Traditionsschießen statt - einer der wichtigsten Wettkämpfe, die der Bayerische Sportschützenbund (BSSB) jedes Jahr austrägt.

Fliegender Wechsel hinüber in den zweiten zentralen Komplex der Olympia-Schießanlage, der sogenannten Keiler-Halle. Früher liefen hier im Zielbereich Wildschweinen nachempfundene Metall-Figuren auf einem Laufband an den Schützen vorbei, doch mittlerweile zielen die Sportler auf neutrale Objekte, die Disziplin heißt heute offiziell "Laufende Scheibe". Eine Trainingsgruppe des Deutschen Schützen-Bundes (DSB) macht gerade Mittagspause, die hochmodernen Kleinkaliberwaffen liegen an den Ständen auf dem Boden. Sie sehen eher aus wie aus einem Science-Fiction-Film, ohne den typischen Holzstutzen am Gewehrende. Martin Riedl kennt sie alle und betet die Hersteller herunter: "Anschütz, Walther, Bleiker. Und alle gesichert, so wie es sein muss, wenn Schützen ihre Waffen unbeaufsichtigt liegen lassen", sagt er.

Seit 14 Jahren ist Riedl mittlerweile in Hochbrück tätig, nachdem er zuvor 16 Jahre bei Siemens gearbeitet hatte. "Ich bin der dienstälteste Mitarbeiter hier", sagt er. Zunächst sei der gelernte Elektroinstallateur "Indianer" im Hausmeisterteam gewesen, mittlerweile ist er der Herr über die historische Sportstätte. Jeden Tag um 7.30 Uhr beginnt sein Dienst, um 16.30 Uhr sperrt der Freisinger den Laden hinter sich zu. Und er geht ganz sicher, dass alles gut verschlossen ist, denn Eindringlinge, die womöglich ein privates Schießtraining absolvieren wollen, sollen unbedingt ferngehalten werden.

Der Sitzungssaal erinnert mit dem runden Tisch an König Artus` Tafelrunde

Zudem sind im Verwaltungsgebäude, vor allem im Sitzungssaal, der mit seinem riesigen runden Tisch an König Artus' Ritter der Tafelrunde erinnert, einige sehr wertvolle Reminiszenzen aufbewahrt: zum Beispiel die von Riedl als "Tafelsilber" bezeichneten Pokale von Wettbewerben aus dem 19. Jahrhundert. Oder auch eine rund 150 Jahre alte Schützenfahne, deren künstlerische Gestaltung dem berühmten Maler Carl Spitzweg zugerechnet wird.

Nicht zu vergessen die Original-Flagge der Olympischen Spiele 1972 im klassischen Hellblau sowie die offizielle goldene Olympiascheibe mit dem Münchner Kindl in der Mitte. An jeder Ecke erinnern Schautafeln oder auch die zum Großteil noch originalen Wegweiser an die Spiele 1972. Auch draußen, bei der Tontaubenanlage, wo beispielsweise die Ehrentafel der damaligen Sieger hängt.

Insgesamt zwei Millionen Sportschützen gibt es in Deutschland, 1,3 Millionen sind im Deutschen Schützen-Bund organisiert, davon 465 000 in Bayern. Martin Riedl gehört nicht dazu. Er selbst greift so gut wie nie zur Waffe. Höchstens, wenn er die Messanlagen einstellen muss. "Ich bin ja auch gar kein Schütze", sagt er lachend. "Sondern Wassermann."