Pullach Hamlet mit extra viel Testosteron

Das Berliner Neue Globe Theater bringt das Shakespeare-Stück im Pullacher Bürgerhaus auf die Bühne. Für die Kampfszenen hat das rein männliche Ensemble einen eigenen Stuntkoordinator engagiert

Von Johanna Mayerhofer, Pullach

Es schwingen Schwerter durch die Luft. Der Kampf Mann gegen Mann als Sinnbild für innerliche Konflikte. Ein dänischer Prinz zwischen Rache, Liebe, Eifersucht und Familiensinn in einer Welt, die aus den Fugen gerät. Shakespeares Hamlet gilt als eine der berühmtesten Geschichten, die auf den Theaterbühnen dieser Welt erzählt wird. Am Freitag feiert das Berliner Ensemble Neues Globe Theater mit dem Shakespeare-Klassiker in Pullach seine Premiere - und transportiert das Königsdrama mit modernem Text in die heutige Zeit.

"Tolle Stücke mit tollen Szenen nutzen sich nicht ab", sagt Sebastian Bischoff. Zusammen mit Andreas Erfurth und Kai Frederic Schrickel hat er in diesem Jahr das Neue Globe Theater in Potsdam gegründet. Hervorgegangen ist die schauspielgeführte Theatergruppe aus dem Ensemble Shakespeare und Partner, das bereits mehrere Male in Pullach zu Gast war. Hamlet ist die erste Produktion, die die Schauspieler unter ihrem neuen Ensemblenamen aufführen werden. Bereits zum vierten Mal gastiert das siebenköpfige Team im Pullacher Bürgerhaus. "Es ist wie nach Hause kommen", sagt Bischoff. Ohne eigenes Schauspielhaus ziehen die Berliner mit ihren Stücken von Ort zu Ort. "Das ist Fluch und Segen zugleich", sagt Erfurth. Jede Aufführung in ungewohnter Atmosphäre und mit neuem Publikum - "Wir feiern jedes Mal Premiere", sagt Schrickel.

Und Action: Sebastian Bischoff als Clown.

(Foto: Claus Schunk)

Als erste Produktion unter neuem Namen haben sich die Berliner den Krimi unter Shakespeares Stücken ausgewählt. Hamlet, ein dänischer Prinz, studiert im deutschen Wittenberg. Als sein Vater stirbt, reist er zur Beerdigung ins dänische Helsingör. Dort reißt eine Erscheinung des Vaters den Prinzen aus seiner Mitte. Claudius, der jüngere Bruder seines Vaters und neuer Mann an der Seite von Hamlets Mutter soll den Vater heimtückisch ermordet haben. Dieser fordert Hamlet zu Rache auf. Ein erbitterter Kampf um Liebe und Verrat beginnt.

"Jeder Mann spielt bei uns auch mal eine Frau", sagt Regisseur Schrickel. In der Tradition von Shakespeare und des elisabethanischen Theaters um 1600 wird das Stück in einer All-male-Besetzung gezeigt - es spielen nur Männer. Ungewöhnlich finden die Schauspieler das nicht. "Man schlüpft ja in eine Rolle und vermittelt die Essenz der Gefühle", sagt Bischoff. Die Schauspieler des Ensembles übernehmen auch verschiedene Rollen im Stück. Als "eingeschweißte" Gruppe bezeichnet Bischoff die Truppe. Die Hamlet-Regie übernimmt, wie in jedem Stück der Berliner, ein Schauspieler aus den eigenen Reihen. "Wir verzichten auf Fremdregie, das stärkt das Gemeinschaftsgefühl", sagt Schrickel.

Saro Emirze als Hamlet sowie Till Artur Priebe als Horatio (von links) gehen ordentlich zur Sache.

(Foto: Angelika Bardehle)

Als textliche Grundlage dient dem Ensemble die deutsche Übersetzung des Shakespeare-Dramas der Dramaturgen Maik Hamburger und Adolf Dresen. "Den Text, überwiegend in Versform, haben wir vollständig übernommen und an ein paar Stellen noch heutiger gemacht", sagt Schrickel. Außerdem hat der Regisseur das ursprünglich sechsstündige Stück auf drei Stunden verkürzt. "Wir haben vor allem versucht, die politischen Themen auszuklammern." So gewinnt das Stück an Dynamik - und an Unterhaltungswert. "Theater ist immer auch Entertainment", sagt Schrickel. Für Unterhaltung sorgen vor allem die Kampfszenen - eine Herausforderung für das Ensemble. Mit Kai Fung Rieck holten sich die Berliner einen erfahrenen Stuntkoordinator an ihre Seite und studierten die Kampfchoreografien ein.

Ein Spiel aus Nähe und Distanz - in Pullach wird am Freitag kein Vorhang fallen und keine Lampe ausgehen. In der Tradition des Londoner Globe Theatres gestalten die Berliner eine offene Spielweise - und suchen den Kontakt zum Publikum. "Wir mischen uns vor den Aufführungen immer unter das Publikum", sagt Bischoff.

Feinheiten optimieren und letzte Korrekturen vornehmen - bereits seit Montag feilen die Schauspieler in Pullach an ihrer Endproduktion. Dazu laden sie auch junge Schauspielinteressierte ein: An diesem Mittwoch- und Donnerstagvormittag gewähren die Berliner Schulklassen aus München und Umgebung einen Einblick in den Schauspielalltag und die Welt von Shakespeare. "Die kulturelle Bildung liegt uns sehr am Herzen", sagt Andreas Erfurth. Er sieht das Theater vor allem als "Werkzeug, sich und die Welt besser zu verstehen."

Nach der Premiere in Pullach ziehen die Berliner weiter in ihre Heimat und zeigen ihr Stück unter freiem Himmel an der Ruine der Franziskanerklosterkirche. Den Pullachern bleiben sie aber treu: Im Februar wird das Ensemble mit Othello erneut die Bühne des Bürgerhauses bespielen. Doch zunächst heißt es: "Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage."

Die Premiere am Freitag im Bürgerhaus Pullach, Heilmannstraße 2, beginnt um 20 Uhr.