Pullach Fake News aus Troja

Müssen erst ihre 18-jährige Entfremdung überwinden: Helena (Claudia Frost) und Menelaos (Jens Schnarre).

(Foto: Claus Schunk)

Das Landestheater Schwaben zeigt Euripides' Tragödie "Helena" als elegische Auseinandersetzung um Sein, Schein und Moral

Von Udo Watter, Pullach

Nein, ein Prinz Charming ist dieser ägyptische Provinzkönig nicht. Massig fläzt er im Stuhl, der Körper ganz in Schwarz gewandet. Auf dem Kopf trägt er eine schwarze Papierkrone, an den Armen schwarze Lederbänder. König Theoklymenos (Sandro Šutalo) mutet zugleich brutal wie lächerlich an und strahlt doch eine sinistre Attraktivität aus. "Feine Kunde bringst du mir", sagt er zu dem gestrandeten Griechen, von dem er nicht weiß, dass es Menelaos ist. Menelaos, der Ehemann der Frau, die er selbst begehrt: Helena.

Die Nachricht: Menelaos ist tot, im Meer ertrunken. Der Weg also frei für die Hochzeit zwischen Theoklymenos und Helena, die seit 18 Jahren hier in Ägypten ist. Wie? Helena, die schönste Frau der Antike, die Leichtlebige, die Liederliche, die wegen Paris ihre Familie in Sparta verlassen und den Trojanischen Krieg heraufbeschworen hat, seit 18 Jahren in Ägypten auf ihren Mann wartend?

Die Pointe in Euripides' Drama "Helena", welches das Landestheater Schwaben am Mittwoch im Pullacher Bürgerhaus gezeigt hat, offenbart sich gleich zu Beginn: Die Titelheldin war überhaupt nicht in Troja. In Euripides' Version des Mythos wurde der spektakulärste Krieg der Antike um das Trugbild einer überirdisch schönen Frau geführt - inszeniert von Hera, die sich an ihre göttliche Rivalin Aphrodite rächen wollte. All die Krieger, die ihr Leben aushauchten an den Wellen des Skamander, taten das um einer Illusion, einer Wolke willen.

"Helena" ist ein selten gespieltes Drama von Euripides ("Medea", "Elektra", "Die Bakchen"). Dabei ist diese Tragödie, die auch Beziehungsdrama und Farce ist, bestürzend aktuell: eine raffinierte Auseinandersetzung mit Schein und Sein, ein Stück über die Absurdität von Krieg und Vertreibung, psychologisch spannend, mit satirischen und sogar postmodernen Aspekten. Das Landestheater Schwaben - für die Regie zeichnet Robert Teufel, für die Dramaturgie Silvia Stolz verantwortlich - arbeitet die tragisch-individuellen, aber auch überzeitlich politischen Elemente schnörkellos und eindrucksvoll heraus.

Peter Handke hat das Stück vor einigen Jahren für eine Aufführung des Wiener Burgtheaters neu aus dem Altgriechischen übersetzt und moderner gefärbt - in Pullach war jetzt eine Inszenierung zu sehen, die dem Farcehaften, das dem Stück auch innewohnt, nur ab und an Raum gewährte. Der ernste Ton ist stimmig: Die Sprache ist pathosschwer, die Sprechweise der Darsteller entsprechend, mit Mut zu Theatralik. Besonders Claudia Frost als Helena und Jens Schnarre als Menelaos haben sowohl als je eigenes Opfer des Schicksals wie auch als gemeinsam unter Entfremdung leidendes Paar allerlei Gründe für elegisches Gebaren. Fake News, Krieg, Flucht, Verweigerung von Asyl, Zwangsheirat - das sind große Themen, welche in die Handlung eingebettet sind. Der individuelle Schmerz, der sich in Frosts Helena spiegelt, fasst einen freilich konkreter an. "Ich - ein Nicht-Ich" sagt sie zu Beginn, man sieht, wie sie ihr Dasein fristet in einem edel-sterilen Warteraum mit marmornen Mauern. Damit diese einsame Gefangene des Schicksals, die ihre Schönheit Verfluchende, wieder zum Ich wird, zumal zum handelnden Ich, bedarf es des Anstoßes von Außen: Das zufällige Auftauchen des schiffbrüchigen Menelaos, der sie erst nicht erkennt, verändert die Lage essenziell. Der listige Fluchtplan ist dann primär Helenas Werk. Sie schlägt vor, dem Theoklymenos den Tod ihres Mannes vorzugaukeln, sie bezirzt ihren Verehrer, das vorgetäuschte Beerdigungsritual auf einem Schiff zu gewähren, um dann zu fliehen. Theoklymenos, der Barbar, ist also der Betrogene und seine Ruderer werden von Menelaos' Männern auch noch hingemetzelt - eine eindrucksvolle Blutdusche strömt illustrativ auf die Bühne herab.

Vielleicht war auch das im Sinne von Handke, dessen proserbische Haltung im Jugoslawienkrieg stark kritisiert wurde: dass die vermeintlich Guten, die Griechen, keinesfalls edler agieren als die Barbaren. Für den Rezipienten gibt es keine moralischen Eindeutigkeiten. Im Stück selbst ist am Ende freilich alles im Sinne der Götter, wie die Dioskuren Kastor und Polydeukes dem auf Rache sinnenden Theoklymenos fröhlich erklären: Die göttliche Ordnung ist wiederhergestellt. Und im Verzicht auf die Rache wird der Provinzkönig fast noch zum Sympathieträger.