Pullach Die tausend Gewänder des Dramas

Nicht gerade hoffähig: Die Beziehung von Laertes (Dierk Prawdzik) zu seiner Schwester Ophelia (Thomas Kellner, vorne) trägt inzestuöse Züge.

(Foto: Claus Schunk)

Das "Neue Globe Theater" inszeniert seine mitreißend-verspielte "Hamlet"-Premiere mit einem reinen Männer-Ensemble und lotet neben tragischer Intensität gerade auch die komische Seiten des Stücks aus

Von Udo Watter, Pullach

Da torkeln sie auf die Bühne, mit ihrem Dosenbier und ihren überdimensionierten Wikingerhelmen. In ihrer Mitte: Claudius, König von Dänemark, bärtig, mächtig, besoffen und ein herzerweichender Sänger vor dem Herrn. "Dänen lügen nicht", so tönt es in den Saal hinein, eine textlich etwas übermütige Version von Michael Holms Hit "Tränen lügen nicht". Claudius' Untertanen tragen ein rotes T-Shirt mit der Aufschrift "The King's Men" - ein Bekenntnis zum Dänenkönig, aber auch eine Anspielung auf die englische Schauspieltruppe, bei der William Shakespeare im frühen 17. Jahrhundert Mitglied war.

Sein größter Klassiker "Hamlet" kam jetzt im Pullacher Bürgerhaus zur Aufführung - eine Premiere, inszeniert von der Potsdamer Theatergruppe "Neues Globe Theater". Und nicht nur die ausgelassene Gesangseinlage inmitten einer Welt, die eigentlich aus den Fugen ist, gab den Ton vor: In dieser Inszenierung von Regisseur Kai Frederic Schrickel sind die Grenzen zwischen Tragödie und Komödie fließend, vermählt sich immer wieder das Alberne mit dem Schrecklichen: Zitate, Spiegelungen, Spiel im Spiel, Metaebenen, Maskeraden - ja, nichts ist sicher, die Weltordnung ist nachhaltig gestört. Die "faule Tat" des Claudius' (Urs Stämpfli), der Hamlets Vater ermordet hat und sich kurz darauf auch noch mit dessen Gemahlin und Hamlets Mutter Gertrud vermählte, hat das Land Dänemark vergiftet. Derjenige, der dies am deutlichsten spürt, ist Hamlet (Saro Emirze), nicht zuletzt durch seine nächtliche Begegnung, mit dem "Geist" des toten Vaters, der ihn zur Rache verpflichten will.

Das Ensemble des 2015 gegründeten Neuen Globe Theaters, hervorgegangen aus "Shakespeare und Partner Berlin", gewinnt diesem wohl berühmtesten Drama der Welt allerlei inspirierende Facetten ab und stellt spannende Fragen. Es ist ein All-Male-Ensemble, insgesamt sieben Männer, die die verschiedenen Rollen in Pullach spielen, auch eine Reverenz an das zu Shakespeares Zeiten übliche Gender-Switching. So verkörpert Thomas Kellner sehr anrührend die Ophelia, zart, kokett, von leicht lüsterner Anmut. Als sie, getäuscht in ihrem Liebesverlangen, dem Wahnsinn anheimfällt, gerät Kellers Performance mitunter vielleicht etwas theatralisch. Die Gefahr, feminines Gebaren zu übertreiben, läuft Andreas Erfurth nicht: er spielt seinen Part als (bärtige) Gertrud mit nüchtern anmutender Souveränität, die an die echte Queen erinnert, zudem obliegt es ihm, eine beeindruckende Vielfalt an glamouröser Garderobe zu tragen. Das virulente Gefühlschaos, das sich zunehmend tragisch entfaltet, betrifft vor allem die anderen. Wer liebt eigentlich wen? Diese Frage wird nie ganz klar beantwortet, doch stark angedeutet. Hamlet, der zwischendurch mal sexy halterlose Strümpfe und High Heels trägt, fühlt sich zu seinem Freund Horatio hingezogen, Ophelias Tod lässt ihn kalt und Laertes' Trauer um Ophelia wird von ihm geradezu veralbert. Laertes (Dierk Prawdzik) scheint seiner Schwester auch erotisch verbunden - nicht nur ein gemeinsamer Tanz deutet auf inzestuöse Anziehung hin. Der Wahnsinn habe Methode, meint Gertrud über ihren melancholisch-aufmüpfigen Sohn Hamlet, der seinerseits zögert - "angekränkelt von des Gedankens Blässe" - zur Tat zu schreiten. Hamlet ist nicht fassbar, einerseits ein schneidiger Haudegen, der sich in Schwertkämpfen bewährt. Andererseits das Zweifeln, das Zögern, die Unsicherheit. Dennoch, selbst der berühmte Monolog "Sein oder Nichtsein", der erst relativ spät kommt, nimmt einen gar nicht so mit. Saro Emirze spielt diesen Hamlet überzeugend - es beschleicht einen freilich das Gefühl, dieser Mittdreißiger-Dänenprinz wolle letztlich vor allem mit Horatio (Till Artur Priebe) erotische Momente genießen und inszeniert zudem selber gerne Spiele. Beeindruckend sind die Kampfchoreografien, bei denen er eine Hauptrolle einnimmt. Überhaupt gilt: Tempo der Inszenierung und die elaboriert choreografierten Bewegungen der durchweg überzeugenden Schauspieler - die alle auch in verschiedene Rollen schlüpfen - stimmen: Sebastian Bischoff ist als Polonius mit gelbem Pullunder, Baskenmütze und faltbarer Gehhilfe eine besondere Schau. Das Bühnenbild, das von einem großen, mit weißem Fell überzogenen Kubus geprägt ist, die Vielfalt der gelungenen Kostüme, diverse Erzählebenen und vor allem die vielen komödiantischen Details machen diese Inszenierung zu einem echten Vergnügen. Nicht dass die Tragik zu kurz käme, gerade im zweiten Teil nimmt die Schwere des Geschehens mit und man fragt sich auch hier, warum so viele Figuren sterben müssen, um die Weltordnung wieder herzustellen. Ist sie das am Ende überhaupt? Auch die mitreißend verspielte und gerade deshalb vielleicht sogar tragischer anmutende Inszenierung des Neuen Globe Theaters gibt keine klaren Antworten - aber einige Inspirationen. Der Rest ist Schweigen.