Public Viewing "Jedes Mal das gleiche Affentheater"

Die Uefa will das Public Viewing verbieten lassen. Rechtsanwalt Benjamin Vollrath kritisiert diese Bestrebungen.

Interview Otto Fritscher

München ist im Fußball-Fieber, ähnlich wie bei der WM 2006 und der Europa-Meisterschaft 2008. Viele Bayern-Fans wollen das Champions-League-Finale nicht zuhause am Fernseher verfolgen, sie bevorzugen Public Viewing: in der Eckkneipe, der Schrannenhalle oder auf dem Nockherberg, wo man am Samstagabend 6500 Fußball-Fans zum gemeinsamen TV-Spektakel erwartet. Diese Live-Übertragungen sind den Fußballverbänden Uefa und Fifa ein Dorn im Auge. Der europäische Verband, die Uefa, wollte die Übertragungen verhindern und schickte Abmahnungen mit Unterlassungserklärungen an die Veranstalter. "Das sind Drohgebärden, die man sich nicht gefallen lassen muss", sagt Rechtsanwalt Benjamin Vollrath, der in der Münchner Kanzlei Noerr auf Urheber- und Medienrecht spezialisiert ist.

Volles Haus: In der Schrannenhalle drängeln sich die Fußball-Fans, wenn Großereignisse auf Großleinwand übertragen werden. Was den Großverbänden Uefa und Fifa gar nicht gefällt.

(Foto: Foto: Stephan Rumpf)

SZ: Herr Vollrath, was hat sich in den vergangenen Tagen hinter den Kulissen abgespielt?

Vollrath: Die Uefa hat am Donnerstag Unterlassungserklärungen an Münchner Gastronomen geschickt. Uns sind zwei Fälle, der Nockherberg und die Schrannenhalle, bekannt, aber es dürften wesentlich mehr Public Viewings betroffen sein. Die Veranstalter haben sich an uns gewandt, und wir haben vorsorglich bei den Landgerichten sogenannte Schutzerklärungen hinterlegt, falls es die Uefa noch kurzfristig mit Einstweiligen Verfügungen versuchen sollte.

SZ: Das erinnert an das Vorgehen der Fifa bei der WM 2006.

Vollrath: Ganz klar, jedes Mal ist es das gleiche Affentheater. Aber es ist ein Säbelrasseln ohne Säbel. Es wird versucht, mit wirtschaftlichem Druck den Fans den Spaß zu verderben. Die Großverbände des Fußballs wollen ihre Sponsoren schützen. Nach deutschem Urheberrecht hat die Uefa keinerlei Rechte solchen Veranstaltungen. Public Viewings wären nur dann lizenzpflichtig, wenn dafür Eintritt verlangt wird. Die Fanfeste zum Champions-League-Finale sind aber frei zugänglich und kosten keinen Eintritt. Also braucht man keine Lizenz, um das TV-Signal zu übertragen. Und die Fans können die Biermarke trinken, die sie wollen, und nicht das Bier, das ihnen ein Sponsor der Uefa oder Fifa vorsetzen will.

SZ: Erwarten Sie zur WM in Südafrika erneut Abmahnungen von der Fifa?

Vollrath: Davon gehe ich fest aus. Die Fifa versucht, die Gastronomen zu verunsichern durch solche öffentlich ausgetragenen Aktionen.

SZ: Wie teuer wäre eine Lizenz denn?

Vollrath: Die Fifa staffelt die Höhe der Lizenzgebühr nach Besucherzahl, das kann schnell einige tausend Euro kosten. Die Uefa hat für das Finale nicht mal offizielle Preise veröffentlicht, ich habe zumindest keine gefunden. Das zeigt doch, dass es um Drohgebärden geht.

SZ: Was empfehlen Sie, wenn mit rechtlichen Schritten gedroht wird?

Vollrath: Die Veranstalter von Public Viewings sollten sich sofort rechtlich beraten lassen. Es kann auch sein, dass die Fifa nicht nur gegen Gastronomen vorgeht, sondern andere Berufsgruppen wie Bäcker ins Visier nimmt. Wie das bei den sogenannten WM-Semmeln 2006 der Fall gewesen ist.

SZ: Wo sind die Fallstricke für Gastwirte, die die WM-Sendungen live übertragen wollen?

Vollrath: Es dürfen auch keine verdeckten Entgelte erhoben werden, in Form eines Mindestverzehrs etwa, oder wenn das Bier auf einmal zwei Euro mehr kostet als normal.

SZ: Sind auch andere deutsche Städte von den Aktionen der Uefa betroffen?

Vollrath: Was ich von Kollegen gehört habe, ist München ein Schwerpunkt. Aber man darf sich einfach nicht einschüchtern lassen.

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