Oberschleißheim Waffen für die Krieger dieser Welt

Der Aktivist Jürgen Grässlin zeigt in Oberschleißheim auf, wie viele Firmen in der Region Geld mit Rüstungsexporten verdienen

Von Gregor Bauernfeind, Oberschleißheim

Auch wenn es weh tut, auf seinen Recherchereisen muss Jürgen Grässlin das so genau ansprechen: "Wie wurde der Kopf deiner Mutter abgeschossen?" Solche Situationen, in denen Opfer und Angehörige an Traumatisches erinnert werden, seien sehr unangenehm. "Die Betroffenen übergeben sich, machen sich in die Hose", sagte Grässlin. Seine Gäste konfrontierte der Rüstungsgegner am Freitagabend im Jugendzentrum "Planet O" in Oberschleißheim trotzdem damit, er möchte den Opfern ein Gesicht geben und zeigen, was Waffen in Krisengebieten bewirken. Die kommen zu einem nicht geringen Teil aus Deutschland und - das stellte sich im Laufe des Abends heraus - auch aus München und Umgebung.

Deutschland zählt zu den weltweit größten Waffenexporteuren, momentan rangiert man auf Rang fünf hinter den USA, Russland, China und Frankreich. Und die Branche boomt, die Kurse der Rüstungskonzerne steigen. Das sei schon vor Trump so gewesen, dessen Forderung an Deutschland, sich bei der Nato stärker einzubringen, lasse die Firmen aber aufhorchen, sagte Grässlin den 35 Zuschauern im Jugendzentrum. Ihn schmerzt diese Entwicklung. Grässlin ist seit Jahrzehnten engagierter Waffen- und Rüstungsgegner, hat viel beachtete Bücher über das Thema geschrieben und für seine Mitarbeit am Dokumentarfilm "Meister des Todes" 2016 den Grimme-Preis bekommen.

Besonders prangerte Grässlin an, dass Waffen in Länder exportiert werden, bei denen Amnesty International auf Menschenrechtsverletzungen hinweist, wie im Abnehmerland Nummer 1, Algerien, oder in Saudi Arabien. Er sieht in vielen Fällen Rechtsbrüche. In der Politik erkennt Grässlin, der sich als parteilos bezeichnet, wenig Bemühungen, Waffenexporte zu reduzieren. Die seien unter der rot-grünen Bundesregierung gestiegen wie nie, die aktuelle Regierung habe sie aber noch getoppt mit der Waffenlieferung an die Peschmerga im Irak, einem Land mit Waffenembargo der Vereinten Nationen.

Geliefert würden Panzer, Fregatten und Kampfjets, am gefährlichsten seien aber "Kleinwaffen", sagte Grässlin, also beispielsweise Sturmgewehre. Neben der global verbreiteten sowjetisch-russischen Kalaschnikow sei hier ein deutsches Fabrikat besonders gefragt: das G3 von Heckler & Koch. Mit der Lieferung von Waffen oder mit der Erteilung von Produktionslizenzen gebe man die Kontrolle darüber ab. "Und Waffen wandern. Sie suchen sich ihre Kriege", sagte Grässlin. In Kirkuk koste ein G 3 1450 Dollar und werde auch vom sogenannten Islamischen Staat gekauft. Der morde auch mit anderen deutschen Waffen.

55 Prozent der deutschen Rüstungsexporte kämen aus Bayern, viele davon aus München, der "Rüstungshauptstadt Deutschlands". Unternehmen wie der Leopard-Panzer-Produzent Krauss-Maffei Wegmann, MTU Aero Engines oder Rohde & Schwarz haben hier ihren Sitz. Auch im Landkreis sitzen laut Grässlin Firmen, die zuliefern oder selbst Waffen produzieren. Zum Beispiel die IABG in Ottobrunn. Der "Rüstungsatlas" der Organisation "Aufschrei Waffenhandel" zählt noch zehn weitere Rüstungsfirmen im Landkreis auf.

Er wundere sich, dass Rüstungsexporte nicht stärker im Wahlkampf thematisiert werden, sagte Grässlin im "Planet O". Laut Umfragen seien 83 Prozent der Bürger grundsätzlich gegen diese. Er appellierte an die Zuschauer, sich zu informieren und Politiker auf Rüstungsexporte anzusprechen. "Und ihr seid hier ja genau im richtigen Landkreis", sagte Grässlin mit Verweis auf den Bundestagsabgeordneten und Direktkandidaten für München-Land bei der diesjährigen Wahl, Florian Hahn (CSU). Der Rüstungsexperte Hahn sitzt im Verteidigungsausschuss, hat bei Krauss-Maffei Wegmann gearbeitet und ist Mitglied des IABG-Aufsichtsrates. Mit ihm würde Grässlin gerne über Waffenexporte sprechen, sagte er. "Wenn ihr also wollt, dass ich wiederkomme, dann ladet ihn auf ein Podium ein. Den Termin kann er bestimmen. Ich komme."