Verkehr Immer mehr Menschen pendeln in den Landkreis München

Egal ob mit dem Auto oder mit der S-Bahn: Pendler wissen nie, ob sie rechtzeitig am Arbeitsplatz oder zu Hause ankommen.

(Foto: Johannes Simon)
  • In der gesamten Region München wohnen nur 40,3 Prozent der insgesamt 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten am Arbeitsort.
  • Laut einer Studie fahren 164 021 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte zur Arbeit in den Landkreis München, davon 113 205 aus den Landkreisen, die an München grenzen. Andersherum ist es etwa die Hälfte.
  • Probleme mit den S-Bahnen und Staus gestalten die Planung des Arbeitsweges oft schwierig.
Von Lenja Hülsmann

Drängelnd stehen sie vor der geschlossenen Zugtür, als die S-Bahn aus München in Vaterstetten hält. Der erste Wagen ist voll, die hinteren sind menschenleer. So sparen sich die Berufspendler wertvolle Minuten, denn der Treppenabgang ist dann nur wenige Schritte entfernt. Im Zehnminuten-Takt fahren hier die Züge der S 4 und der S 6 ein. Der Großteil der Pendler, die hier aussteigen, arbeitet im Neukeferloher Technopark, bei Bosch oder bei Lego zum Beispiel.

Knapp 50 Leute kommen so in kurzen Abständen an der Station an. Dann schwärmen sie aus, verlassen den Bahnhof durch den mit bunten Graffiti verzierten Tunnel. Eine junge Frau trägt weite blaue Hosen und eine rote Fransenjacke, ein Mann komm im Anzug mit gestreifter Krawatte und Sonnenbrille. Viele scheinen sich zu kennen, plaudern. Immer wieder hört man englische Gespräche. Der Großteil ist jung. Johannes Najjar, Brille und Dreitage-Bart, läuft mit dem Schwarm. Eine Stunde pendelt er jeden Morgen von Pasing zu seiner Arbeitsstelle bei Bosch. "Meine Frau muss in die andere Richtung", sagt er. Pasing liegt in der Mitte.

So wie Najjar geht es vielen, die in den Münchner Landkreis pendeln. Die Bahnen sind voll, fallen aus und auch auf den Straßen stockt der Verkehr. Laut Werner Karl von der Polizei in Ottobrunn hat der Verkehr zu den Stoßzeiten auf vielen Straßen, die in den Landkreis führen, stark zugenommen. Auf der Kreisstraße M 22 von Putzbrunn über Ottobrunn nach Unterhaching fließt der Verkehr nur zähflüssig. "Das gab es vor fünf Jahren noch nicht", sagt Karl. Ähnlich sei es an der Kreisstraße M 24 Richtung B 471 in Höhenkirchen. "Zehn Minuten Wartezeit sollte man für die Ampel schon einplanen", rät er. Erst 2013 wurde dort die Ampelanlage in Betrieb genommen, als das Abbiegen auf die B 471 aufgrund des hohen Verkehrsaufkommens nicht mehr möglich war.

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Ein Grund für die überfüllten Straßen und öffentlichen Verkehrsmittel ist die hohe Einpendlerzahl in den Landkreis München. Laut einer Studie des Planungsverbands Äußerer Wirtschaftsraum München aus dem Jahr 2015 fahren 164 021 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte zur Arbeit in den Landkreis, davon 113 205 aus den Landkreisen, die an München grenzen. Die Anzahl der Auspendler ist geringer: Im Landkreis München gibt es 82 968 Auspendler - etwa halb so viele wie Einpendler.

In der gesamten Region München wohnen nur 40,3 Prozent der insgesamt 1,3 Millionen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten am Arbeitsort. Ein Großteil der Pendler lebt aber in der Region. Nur 16,1 Prozent der 794 263 Pendler kommen aus den Nachbarlandkreisen, die meisten (6,6 Prozent) aus den südlichen Landkreisen wie zum Beispiel Rosenheim.

Die Pendler empfinden den Weg zur Arbeit nicht unbedingt als Belastung. Viele klagen aber über Verzögerungen durch Bauarbeiten vor allem in den Sommerferien. Bis zum 15. August fahren etwa zwischen dem Ostbahnhof und Hohenbrunn aufgrund von Bauarbeiten teilweise keine Bahnen. Der Schienenersatzverkehr braucht 57 Minuten für die Strecke, 40 Minuten länger als die S-Bahn. "Die Planer fahren selbst wahrscheinlich nicht mit der Bahn", vermutet Maria Konter, die normalerweise von Giesing bis Wächterhof mit der S-Bahn zur Arbeit fährt. "Das wäre ein Drama mit dem Bus, ich muss ja pünktlich zur Arbeit kommen", sagt sie. Für eine Woche muss nun das Fahrrad herhalten. "Das geht vermutlich schneller, danach bin ich nur fix und fertig", erklärt sie.

Viele haben weite Wege, weil die Mieten in München zu teuer sind

Besonders schwierig sei das Pendeln für Kitamitarbeiter, sagt Michael Germayer, Vorstand des Arbeiterwohlfahrt-Kreisverbandes München Land. "Sie müssen pünktlich am Arbeitsplatz sein und können nicht flexibel über ihre Arbeitszeit verfügen", erklärt er. Ausfallende Züge oder Staus müssten daher einkalkuliert werden. Nach Germayers Angaben legen viele der 520 Mitarbeiter weite Wege zum Arbeitsplatz zurück, auch, weil die Mietkosten in München immer weiter steigen. Nicht nur die Arbeiterwohlfahrt tut sich deshalb zunehmend schwer, Fachpersonal zu finden.

Keine Probleme bei der Mitarbeitersuche habe dagegen der Kaugummihersteller Wrigley am Standort Unterhaching, berichtet Pressesprecherin Iris Radìere. Die Hälfte der 230 Angestellten wohnen im Münchner Stadtgebiet, knapp weitere 50 leben direkt in Unterhaching oder in angrenzenden Gemeinden wie Taufkirchen, Ottobrunn, Oberhaching und Neubiberg. "Einzelne Kollegen legen weitere Wege zurück, beispielsweise aus Augsburg oder Rosenheim", sagt Radìere. Zwei Mitarbeiter aus Stuttgart und dem Allgäu hätten auch eine Zweitwohnung, da die Distanz zu den Heimatorten zu weit sei, um täglich von dort zu pendeln.

Um die Anfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln attraktiver zu machen, erstattet Wrigley nach Radìeres Angaben allen Mitarbeitern, die keinen Firmenwagen haben, die Monatskarte des öffentlichen Nahverkehrs. "Jene Mitarbeiter, die weiter entfernt wohnen, als es das MVV-Netz abdeckt, erhalten von unserem Unternehmen die Monatskarte der Deutschen Bahn erstattet", erklärt Radìere.

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