Landkreis Surfen auf der Straße

Pullach will mithilfe der Bürger ein unabhängiges öffentliches Netz von Wlan-Hotspots aufbauen. Auch andere Gemeinden arbeiten an einem Ausbau der freien Zugänge ins Internet

Von Markus Mayr, Landkreis

Die Pullacher haben in Sachen öffentliches drahtloses Netzwerk (Wlan) ihre Finger am Puls der Zeit. Am Rathaus und rund ums Bürgerhaus können Passanten schon ein sogenanntes Freinetz nutzen. Bald sollen auch an den Bahnhöfen Hotspots entstehen. Die Vision von Marcus Eckert lautet "Freies Wlan für Pullach mit Freifunk München". Die Initiative Freifunk leistet technische Hilfestellung und bringt Erfahrung im Netzwerken mit.

Marcus Eckert treibt als kommissarischer Kämmerer der Gemeinde seit Juli den Ausbau des unabhängigen Bürgernetzes voran. Im Rathaus und im Bürgerhaus stehen jeweils fünf sogenannte Freifunk-Router, die den kabellosen und barrierefreien Internetzugang ermöglichen. Die ersten Profiteure des freien Online-Zugangs sind die unweit des Rathauses in der Mittelschule untergebrachten Flüchtlinge, die so mit Familien und Freunden in der Heimat in Kontakt bleiben können.

Am Montagabend warb Eckert auf dem Info-Markt der Bürgerversammlung für die Initiative, indem er kostenlose Router anbot. Denn ein Freinetz kann nur funktionieren, wenn an möglichst vielen Orten solche Netzwerkgeräte stehen, also wenn möglichst viele Leute eines bei sich zu Hause aufstellen. Doch obwohl die Besucher Interesse zeigten, mitgenommen hat niemand einen der Router.

Davon lässt sich Eckert allerdings nicht entmutigen. Er ist überzeugt davon, dass ein dezentrales Bürgernetz "gewaltige Vorteile" zu seiner Alternative hat. Die da wären: ein Netz eines herkömmlichen Telekommunikationsanbieters wie der Telekom oder Kabel Deutschland, das um ein "Vielfaches" teurer wäre. Der Kämmerer weiß, wovon er spricht. Nachdem der Gemeinderat "mit großer Mehrheit" beschlossen hat, ein flächendeckendes Wlan-Netz aufzubauen, wandte man sich erst einmal an die Großen. Doch schnell war klar, das man mit Freifunk als günstigerem Partner auf Augenhöhe besser dran ist.

Vor dem Rathaus sieht man sie jetzt öfter: Pullacher greifen zu ihren Handys. Das frei zugängliche Wlan-Angebot der Gemeinde macht es möglich.

(Foto: Claus Schunk)

Mit seinem Bestreben ist Pullach nicht allein im Landkreis. Die Gemeinde Feldkirchen klärt derzeit rechtliche Fragen zum Betreiben eines öffentlichen Wlan-Netzes im Ortsgebiet. "Wlan wird es früher oder später in Feldkirchen geben", kündigte Bürgermeister Werner van der Weck (SPD) in der jüngsten Gemeinderatssitzung an. Man sei bereits in Kontakt mit einem Datenschutzbeauftragten getreten.

Haar hat einen Hotspot vergangenes Jahr im Biergarten Gasthof Zur Post eingerichtet und jetzt wird geprüft, ob man das für die kommende Sommersaison im Freibad bereit stellt. Unabhängig davon wurde nach Auskunft aus dem Rathaus speziell für die Flüchtlinge an der Turnhalle der Volkshochschule Wlan geschaffen. Auf dem Rathaus in Unterschleißheim "wurde kürzlich eine Antenne als bauliche Voraussetzung für einen Hotspot errichtet", um den Besuchern des Rat- und Bürgerhauses den kostenlosen Internetzugang zu ermöglichen, sagt Steven Ahlrep von der Stadtverwaltung. "Ein weiterer Ausbau für die Stadt ist durchaus denkbar." Das Rathaus wurde wegen seiner hohen Besucherzahlen, zum Beispiel bei Wochen- und Weihnachtsmärkten, als Hotspot auserkoren.

Pullach versucht derzeit allerdings in einer Vorreiterrolle im Landkreis ein unabhängiges Bürgernetz aufzubauen, dessen Wohl und Wehe auf breiter Fläche ganz von den Bürgern abhängt. Die Gemeinde kann es an öffentlichen Plätzen vormachen, doch die engen Maschen müssen Privatleute knüpfen, indem sie bei sich zu Hause Router aufstellen. Doch manch einer hat mitunter Bedenken, was die Sicherheit angeht. "Hafte ich nicht für das, was Gäste meines Freifunk-Netzes online tun?" Diese häufig gestellte Frage verneint Freifunk München auf seiner Website. Ganz legal würden die Gäste "durch einen verschlüsselten Tunnel zum Freifunk Gateway und von da erst ins Internet geleitet". Die eigene Anonymität sowie die Sicherheit des eigenen Rechners blieben gewahrt. Die in deutschem Recht verankerte Störerhaftung wird dabei umschifft. Das sei der "Witz von Freifunk", sagt der Pullacher Wlan-Pionier Eckert. Die Gäste werden über europäisches Ausland ins Internet geleitet, das Haftung in dieser Form nicht kennt. Der Paragraf macht denjenigen für Schäden und Verstöße von Nutzern haftbar, der das Netz anbietet.

Freinetz

Ein Freinetz wird von Menschen in Eigenregie aufgebaut und gewartet. Wer mitmachen will, stellt seinen Wlan-Router für den Datentransfer der anderen zur Verfügung. So entsteht eine wachsende dezentrale Infrastruktur, die es ihren Mitgliedern ermöglicht, Daten auszutauschen. Zusätzlich können Teilnehmer ihren Internetzugang freigeben und anderen den drahtlosen Zugang ins weltweite Netz ermöglichen. Die nicht-kommerzielle Initiative Freifunk ist die Avantgarde der frei Vernetzten in Deutschland, mit Ursprung in Berlin.

Sie besteht nach eigenen Angaben aus über 100 Gruppen und hat bundesweit bereits knapp 4000 Zugangspunkte geschaffen. Sie strebt nach überwachungsfreier, digitaler Kommunikation. Sensible Nutzerdaten werden nicht gespeichert, man bewegt sich anonym durchs Netz. Die Initiative machte diesen Sommer mit freiem Wlan für Flüchtlinge von sich Reden. mmm

Im Pullacher Rathaus können derzeit noch kostenlos Freifunk-Router beantragt werden. Ansonsten kostet ein Gerät rund 15 Euro und muss mit einer frei herunterladbaren Software bespielt werden. Jeder entscheidet selbst, wie viel seiner heimischen Bandbreite er den anderen Freifunkern zur Verfügung stellen möchte. Eine Registrierung sei nicht nötig, Nutzerdaten würden ebenfalls nicht gesammelt, heißt es auf der Webseite von Freifunk.