Landkreis München Zum Steuern sparen reicht der Weg nach Grünwald

Vaduz? Nein, aber die Burg Grünwald thront ähnlich über der Isartalgemeinde wie das Fürstenschloss über der Hauptstadt Liechtensteins. Und Steuern sparen kann man in dem Münchner Vorort auch.

(Foto: Claus Schunk)
  • In Grünwald leben 11 000 Einwohner - neben 7000 Firmen.
  • Grund sind niedrige Steuersätze.
  • Das ist zwar nicht illegal - allerdings zählt die Organisation Attac Grünwald zu "Schattenfinanzplätzen" wie Gibraltar, Barbados und Panama.
Von Iris Hilberth

Das rosa Sparschwein grinst fett über beide Backen, eine schwarze Brille gibt ihm zugleich ein seriöses, geschäftsmäßiges Aussehen. Die Botschaft der Annonce ist klar formuliert: "Gewerbesteuer sparen. Mit einem virtuellen Firmensitz an einer Top-Adresse in Grünwald."

Um in den Genuss zu kommen, braucht man noch nicht einmal ein solch prall gefülltes Schwein, sondern - gemessen an sonst üblichen Mieten und Grundstückspreisen in Grünwald - nur ein wenig Kleingeld. Lediglich 235 Euro kostet laut dem Inserat ein Briefkasten inklusive Leerung und Postweiterleitung als Steuersparmodell in dem schicken Münchner Vorort.

So offshore ist Deutschland

Panama steht in einem Ranking der Steueroasen nur auf Platz 13. Weiter oben findet sich: Deutschland. Von Bastian Brinkmann und Vanessa Wormer mehr ...

Auch wer im Internet bei einschlägigen Immobilienportalen nach Angeboten sucht, wird schnell fündig: Büro in Grünwald, exklusive Lage, zwei Minuten zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Luxus-Ausstattung, Fußbodenheizung, eigene Telefon- und Faxnummer, sofort verfügbar für 300 Euro, heißt es dort etwa. Größe: ein Quadratmeter.

Die Adressen klingen vielversprechend: Schlossstraße oder Nördliche Münchner Straße. Und sie sind keineswegs nur virtuell. Schon einige Firmen haben sich dort eingemietet. Die Idee von effektiven Bürogemeinschaften wird bereits am Eingang sichtbar: Etwa 40 Firmen-Schildchen stehen auf einem einzigen Briefkasten und machen es dem Postboten einfach, den richtigen Empfänger zu finden. Sollte es bei so viel Business an einer Stelle doch mal zu viel Post für den einen Kasten geben, kann man die Briefe auch gegenüber einwerfen, steht auf einem kleinen Hinweisschild.

Warum sich Firmen dort "niederlassen"

Sind das hier nun lauter Briefkastenfirmen? Die sich lediglich eine Postadresse in Grünwald zugelegt haben, um Steuern zu sparen, weil der Gewerbesteuersatz so niedrig ist in der Gemeinde? Bernhard Heudorf, der hinter der Anzeige mit dem Brillen-Schwein steckt, winkt ab. Bei ihm kämen eher kleine Start-ups und Einzelunternehmen unter oder Firmen, die ihren Sitz eigentlich im Ausland hätten und gerade ihre Deutschland-Dependance aufbauten.

Das könne der Vertreiber von Röntgendiagnostikgeräten aus Fernost sein oder ein Luxuslimousinen-Service. "Das virtuelle Büro ist nur die Einstiegskategorie, der Briefkasten gehört zur Firmengründung", sagt Heudorf. Oftmals bräuchten solche Unternehmer gar kein Büro mehr, da sie fast immer unterwegs seien. Und wenn doch, könnten sie sich bei ihm einmieten, auch stunden- oder tageweise, inklusive Sekretariatsdienst. Büroservice, sagt Heudorf, sei heute anders als früher eine gefragte Dienstleistung, virtuelle Büros ermöglichten Flexibilität.

So ähnlich beschreibt auch Carsten Kuchernig sein Geschäftsmodell "Business Service Center" an der Nördlichen Münchner Straße. "Wir haben überhaupt keine Briefkästen", betont er. Zahlreiche Firmenschilder am Eingang verraten, wer hier seinen Sitz hat, laut Vermieter in kleinen Büros zu 1500 Euro im Monat. Den Telefondienst für alle übernimmt eine von drei festangestellten Mitarbeiterinnen, die an der Telefonanlage erkennen, welche Firma gerade angerufen wird, um sich mit dem entsprechenden Namen zu melden.

Auch Konferenzräume kann man buchen oder nach getaner Arbeit auf der Terrasse und im großzügigen Garten am Isarhochufer entspannen. Das Geschäft läuft gut. Kuchernig baut gerade ein zweites Gebäude, das noch etwas größer werden soll. Interessenten gebe es genügend. "Das hat aber nichts mit dem Hebesatz zu tun", sagt er. Vielmehr sei Grünwald einfach ein "toller Standort" mit guter Lage und ausgezeichneter Infrastruktur.

Panama Papers - von den Reichen sparen lernen

Was ist legal, was ist moralisch legitim, was ist illegal? Offshore-Konstrukte dienen selten einem guten Zweck. Von Hans Leyendecker mehr ...