Kreispolitiker engagieren sich  "Eine riesige Verantwortung"

Otto Bußjäger (rechts) und Bernhard Hirsch arbeiten seit Wochen frewillig für Flüchtlinge.

(Foto: Angelika Bardehle)

Viele packen in der Flüchtlingshilfe an. Landrat-Stellvertreter Otto Bußjäger ist einer von ihnen. Er mahnt die Politik

Von Stefan Galler, Landkreis

Plötzlich setzen die Wehen ein, die hochschwangere Frau benötigt dringend medizinische Unterstützung, doch die ehrenamtlichen Helfer in den Keferloher Tennishallen wissen nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Die Syrerin hat schließlich keinen Krankenschein, ist nicht versichert. Dann ergreift Otto Bußjäger die Initiative. Der Kreisrat und stellvertretende Landrat (Freie Wähler) macht unmissverständlich deutlich, dass die Kostenübernahme für die Behandlung keine Rolle spielen darf.

"Das Kind wird nicht vor einer Tennishalle auf die Welt kommen, wenn es ein paar Kilometer weiter in Neuperlach einen Kreißsaal gibt", sagt der frühere Grasbrunner Bürgermeister rückblickend. "Da ist es völlig egal, wer das zahlt." Minuten danach wird die Frau ins Neuperlacher Krankenhaus gebracht.

Nur ein Beispiel dafür, wie viele Kreispolitiker in diesen Tagen ihren Einfluss geltend machen, um den zahlreichen ehrenamtlichen Helfern bei der Betreuung von Flüchtlingen unter die Arme zu greifen. "Wir müssen sehr wachsam sein", sagt Bußjäger. "Wir haben als Landkreis gegenüber unseren Leuten eine riesige Verantwortung. Und deshalb dürfen wir die Helfer auf keinen Fall im Regen stehen lassen." Den Engagierten müsse Verantwortung abgenommen werden: "Ehrenamtliche können nicht den Kopf für irgendwelche Entscheidungen hinhalten."

Bußjäger ist praktisch jeden Tag in Sachen Asylbewerber unterwegs. Vergangenen Dienstag etwa transportierte er Schuhe und Kinderkleidung von Keferloh in die Erstaufnahmeeinrichtung nach Dornach. Der Kritik des CSU-Landtagsabgeordneten Ernst Weidenbusch an der Regierung von Oberbayern wegen der dort herrschenden "unhaltbaren Zustände" schließt sich Bußjäger an: "Es kann nicht sein, dass von der Regierung beauftragte Leute um Kompetenzen ringen, während unsere ehrenamtlichen Helfer völlig über ihre Grenzen gehen müssen." Dass alle politischen Kräfte im Landkreis Seite an Seite kämpfen, ist für den Kreisrat ein Segen: "Da kann man nur ein Lob zollen." Herausragende Arbeit attestiert er auch sämtlichen Mitarbeitern im Landratsamt und Landrat Christoph Göbel von der CSU.

Es sei einerseits klar, dass eine "unkontrollierte und zügellose" Einwanderung am Ende auf Kosten der Ehrenamtlichen gehen würde: "Irgendwann geraten die Freiwilligen an einen Punkt, wo sie nicht mehr können", sagt Bußjäger. "Menge und Geschwindigkeit der Flüchtlingsbewegungen müssen die Stellschrauben sein, an denen wir drehen können." Der stellvertretende Landrat appelliert in diesem Zusammenhang an die Bundespolitik: "Wir brauchen von ganz oben klare Aussagen und einen eindeutigen Kurs, wie ihn Willy Brandt in der Ostpolitik und Helmut Kohl bei Wende und Wiedervereinigung vorgegeben haben." Weder die Europäische Union noch die Bundesregierung dürften sich "immer wegducken". Für den Kreisrat der Freien Wähler ist klar, dass "diese Situation unsere Heimat verändern wird". Und deshalb müsse man das Beste daraus machen und nicht nur für eine schnelle Unterbringung sorgen.

"Wir müssen in den Bereichen Wohnen, Arbeiten, Bildung, Gesundheit und Freizeit Voraussetzungen schaffen, dass sich Asylbewerber und anerkannte Flüchtlinge hier wohlfühlen", sagt Bußjäger, der dafür zwei Gründe nennt: Zum Einen könnten so wiederum Voraussetzungen geschaffen werden, dass die Menschen irgendwann gestärkt in ihre Heimat zurückkehren könnten. Und zweitens sei es unsere Pflicht, "unsere Errungenschaften aus den letzten 70 Jahren" beizubehalten: "Die Einwanderer kommen zu uns, weil es bei uns Frieden und Freiheit gibt und weil wir tolerant sind gegenüber anderen Meinungen, Traditionen, Religionen und Lebensweisen."

Um diese so wichtigen Werte auch weiterhin hochhalten zu können, sei es nun nötig, Bürokratie abzubauen: "Es kann nicht sein, dass ich für jeden Deutschlehrer, der den Flüchtlingen Unterricht gibt, auch noch einen Sozialpädagogen brauche. Oder dass der Landkreis Geld für Menschen, die er in der Flüchtlingshilfe direkt anstellt, nicht erstattet bekommt. Sehr wohl aber, wenn er sie über soziale Träger anstellt." Und so lautet Otto Bußjägers Fazit: "Wir stehen uns manchmal selbst im Weg."