Kampf gegen Betrüger "Organisierte Kriminalität vom Feinsten"

Wer steht vor der Tür? Ein Blick durchs Guckloch reicht oft nicht, um die immer trickreicheren Betrüger zu erkennen, die ihre Opfer zunächst per Telefonanruf kontaktieren.

(Foto: Bodo Marks/dpa)

Hundert und mehr Fälle von betrügerischen Anrufern beschäftigen die Polizei täglich im Raum München. Wie man sich vor falschen Polizisten und Handwerkern schützt, erklärt Arno Helfrich, Leiter des Kommissariats für Prävention.

Interview von Irmengard Gnau

Trickbetrüger sind seit Monaten in der Region unterwegs. Eine 89-Jährige aus Unterhaching musste kürzlich erst diese schmerzliche Erfahrung machen. Betrüger gaben sich als Polizisten aus und stahlen den Schmuck der alten Dame. Welche Schwierigkeiten die Betrugsversuche an der Haustür der Polizei bereiten und wie sich Bürger gegen die dreisten Tricks wehren können, erklärt Kriminalhauptkommissar Arno Helfrich aus Ismaning, Leiter des Kommissariats für Prävention und Opferschutz im Polizeipräsidium München.

SZ: "Falsche Polizisten stehlen Schmuck" - beinahe jede Woche sind in der Zeitung Meldungen wie diese zu lesen. Haben diese falschen Polizisten und falschen Handwerker die Enkeltrickbetrüger ersetzt?

Arno Helfrich: Die Enkeltrickbetrüger sind nicht mehr das große Problem, Gott sei Dank. Wir hatten das Glück, im vergangenen Jahr in Zusammenarbeit mit den polnischen Behörden sehr viele Täter beim Telefonieren festnehmen zu können. Dadurch konnten wir die Gruppe offenbar so dezimieren, dass sie momentan zumindest in München kein großes Problem mehr darstellen. Stattdessen haben wir festgestellt, dass die Zahlen der Anrufe falscher Polizisten zunehmen. Wir haben zuerst in eine ähnliche Täterrichtung vermutet, wurden dann aber eines Besseren belehrt: Diese Täter sitzen in der Türkei und telefonieren dort munter, weil uns leider durch die schlechte Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden die Arbeit äußerst schwer gemacht wird. Wir haben keine Möglichkeit, irgendwelche Maßnahmen zu treffen, weil wir dort keine Ansprechpartner haben. Das ist wirklich schwierig.

Wie viele Fälle solcher Trickbetrügereien verzeichnet die Münchner Polizei aktuell?

Es gibt im Bereich München täglich bis zu hundert, wenn nicht zweihundert Anrufe, von denen wir wissen. Die Dunkelziffer ist aber um ein Vielfaches höher. Das Problem ist, dass die Leute mit den Geschichten, die ihnen aufgetischt werden, inzwischen ganz gut umgehen. Aber die Täter werden auch immer besser. Ich habe mir selbst Telefonate angehört, um zu erfahren, wie die Betrüger vorgehen, und ich muss ehrlicherweise sagen: Ich hätte den Unterschied zwischen falschen und echten Kollegen teils selbst nicht erkannt. Da sind Profis am Werk. Und die Schadenssummen sind hoch, in der Regel fünfstellig.

Kriminalhauptkommissar Arno Helfrich leitet im Polizeipräsidium eine Ermittlungsgruppe, die knapp 20 Mitarbeiter zählt. Sie müssen darauf reagieren, dass sich Trickbetrüger immer neue Maschen einfallen lassen.

(Foto: Privat)

Wie läuft ein Betrugsversuch typischerweise ab?

Meist geht es so los, dass die Täter anrufen und fragen: Sind Sie die Frau Huber, Müller, Maier? Hier spricht die Polizei, wir haben vor Kurzem bei Ihnen in der Nachbarschaft einen Einbrecher festgenommen und festgestellt, dass dieser Mittäter hat. In deren Aufzeichnungen steht ihr Anwesen auch drin. Ist denn bei Ihnen alles in Ordnung? Meist heißt es dann, nein, es ist alles ok. Aber keine Sorge, wir helfen Ihnen. Haben Sie denn überhaupt Wertsachen zu Hause? Das ist so ganz unverfänglich. Dann heißt es oft, ja, ich habe Gold oder Wertsachen oder Geld daheim oder auf der Bank. Und dann heißt es: Das ist gut, dass Sie es sagen, denn die Bankmitarbeiter stecken mit den Tätern unter einer Decke. Wenn Sie irgendwelche Abhebungen machen, geben die Ihnen Falschgeld. Aber wir sind für Sie da, wir kommen jetzt bei Ihnen vorbei und schauen Ihr Geld an und nehmen es mit, denn dann ist es sicher. Oder alternativ: Die Menschen sollen eine Testabhebung machen und die Polizei kontrolliert dann, ob es Falschgeld ist. Die ganze Geschichte wird so aufgebaut, dass der Druck auf die Angerufenen groß wird. Die Leute werden außerdem ununterbrochen am Telefon gehalten und mit angeblichen neuen Ermittlungsergebnissen versorgt, sodass sie denken: Oh, jetzt pressiert es wirklich, aber die Polizei arbeitet daran. Bei den Anrufen kommt noch dazu, dass die Täter das sogenannte Call-ID-Spoofing nutzen und sich dadurch unter einer anderen Nummer melden - zum Beispiel der 089/110 oder einer bekannten Ortsvorwahl mit der 110 dran. Das soll den Leuten vorgaukeln, dass tatsächlich die Polizei dran ist. Hier ist es wichtig zu wissen: Die 110 wird Sie niemals anrufen! Die gibt es nicht als Anrufnummer.

Wer steht besonders im Fokus der Betrüger?

Wir beobachten die Versuche grundsätzlich in ganz Deutschland, die Region München ist keine Hochburg. Es ist auch kein Phänomen der Großstadt, die Täter suchen im Telefonbuch nach alt klingenden Vornamen und rufen diese Nummern an. Dabei ist es wichtig zu betonen: Die Opfer solcher Betrügereien sind keine alten Tatterer, die werden überrumpelt.

Was tun Sie als Polizei, um den Betrügereien Herr zu werden?

Wir klären die Bürger auf, versuchen, ältere Menschen gezielt zu informieren. Und wir versuchen, so gut wie möglich an die Abholer ranzukommen, also diejenigen, die das Geld bei den Leuten abholen oder als Handwerker auftauchen. An die Telefonierer kommen wir derzeit leider nicht ran. Unser Wunsch wäre es natürlich, vergleichbar wie beim Enkeltrick, in Zusammenarbeit mit den Kollegen in der Türkei die Täter beim Telefonieren zu überführen. Dann wären nämlich auch empfindliche Haftstrafen zu erwarten. Das ist Bandendiebstahl, das ist im Prinzip organisierte Kriminalität vom Feinsten.

Trickbetrug

2016 stieg die Zahl der Delikte in München auf 365 nach 31 im Jahr 2015. Im Zeitraum von Januar bis August 2017 verzeichnete die Polizei in München circa 300 Schadensfälle, allerdings erhöhte sich der Schaden deutlich: auf mehrere Millionen Euro. Das Polizeipräsidium München hat eine eigene Ermittlungsgruppe für solche "Phänomene" gegründet, die knapp 20 Mitarbeiter umfasst. Außerdem klären die Beamten mit einer Informationskampagne und in Informationsveranstaltungen über das Thema auf. Die nächsten Termine sind am Mittwoch, 15. November, 14 Uhr, in der Canisius-Gemeinde München, Farnweg 5, sowie am Mittwoch, 13. Dezember, 10 Uhr und 13.30 Uhr im Polizeipräsidium an der Ettstraße. Anmeldung unter Telefon 089/29 10 36 99. gna

Wie verhält man sich richtig bei einem Betrugsversuch?

Grundsätzlich gilt: Nicht unter Druck setzen lassen. Finger weg von Geschäften am Gartenzaun und lassen Sie Fremde nicht in die Wohnung. Wenn angebliche Handwerker vor der Tür stehen, fragen Sie im Zweifelsfall bei den Gemeindewerken oder der Hausverwaltung nach, ob es wirklich einen Wasserschaden oder was auch immer gibt. Zur Jahreswende hin gibt es jetzt auch wieder verstärkt Anrufe von falschen Microsoft- oder Apple-Mitarbeitern, weil die Software-Lizenz angeblich zum 31. Dezember ausläuft. So sollen Menschen dazu gebracht werden, Geld zu überweisen. So etwas tun diese Firmen nicht. In solchen Fällen sollte man einfach auflegen und die Polizei verständigen. Und auch keine Scheu haben, dafür die 110 zu wählen. Diese Informationen sind sehr wertvoll für uns.

Verändern die vielen falschen Polizisten auch die Wahrnehmung der "echten" Polizei bei den Menschen?

Ja, die Kollegen haben es immer mal wieder schwerer, weil die Menschen ihnen nicht mehr abnehmen, dass sie Polizisten sind. Aber damit müssen wir leben. Wir versuchen, die Kollegen dafür zu sensibilisieren, das nicht persönlich zu nehmen, sondern dass es in unserem Sinne ist, wenn die Leute vorsichtig sind. Zwischen Vorsicht und Angst ist es freilich immer eine Gratwanderung. Es gibt viele Angriffe auf die persönliche Sicherheit. Wenn der Betrüger vermeintlich "der Polizist" oder "die Bank" ist, schwindet langsam das Vertrauen in die Menschheit. Das ist ein Problem, da müssen wir ein bisschen aufpassen.