Ottobrunner Jazzfest Kühne Tastenzauberin

Alles andere als Smooth-Jazz: Die japanische Pianistin Aki Takase und ihre Begleiter Jan Roder sowie Oliver Steidle rissen die Besucher im Wolf-Ferrari-Haus mit.

(Foto: Claus Schunk)

Die Ausnahme-Pianistin Aki Takase entführt mit ihren Trio-Kollegen Jan Roder und Oliver Steidle das Ottobrunner Publikum in die abwechslungsreichen Klangräume des Avantgarde-Jazz.

Von Ulrich Möller-Arnsberg

Nur wenige Hände gehen am zweiten Abend des 1. Jazzfestes Ottobrunn in die Höhe, als Bürgermeister Thomas Loderer zur Begrüßung des Publikums die Frage stellt, wer zum ersten Mal da sei. Was die Brüder Cornelius Claudio und Johannes Tonio Kreusch seit zehn Jahren im Wolf-Ferrari-Haus zusammen mit dessen Leiter Horst Frank auf die Bühne stellen, ist für viele längst zum Kult geworden. Aus einzelnen Konzerten sind Zwei- oder Dreitages-Events geworden für Gitarren-, Flamenco- oder Pianofans und solche, die es geworden sind oder noch werden. Jetzt ist das Jazzfest dazugekommen.

Einer freut sich besonders darüber. Cornelius Claudio Kreusch, der, so sagt er bei seiner Ansage, Anfang der Neunzigerjahre von Ottobrunn auszog, um in den USA seine Ausbildung als Jazzpianist zu machen. Und jetzt hole er die großartigen Musiker von dort und anderswoher als Veranstalter eben nach Ottobrunn.

Nach dem Auftakt am Freitag mit den legendären Saxofonisten Joe Lovano, Dave Liebman und Greg Osby sowie Phil Markovitz (Piano), Cecil McBee (Bass) und Billy Hart (Drums), die als Allstars aus New York im Festsaal aufspielten, bestritt die japanische Pianistin Aki Takase mit ihrem Trio das zweite Konzert im Ratssaal des Wolf- Ferrari-Hauses. Seit mehr als 30 Jahren steht die in Berlin lebende Musikerin, die mit Alexander von Schlippenbach verheiratet ist, für zeitgenössischen Avantgarde-Jazz.

Man könnte also als Jazzkenner gedacht haben, der Abend wäre vorhersehbar, gewiss auch ein bisschen gegen die Hörgewohnheiten, auf keinen Fall nur Smooth-Jazz. Und dann waren da im Zusammenspiel von Takase, Jan Roder (Bass) und Oliver Steidle (Schlagzeug) doch ganz viel Überraschung und Unterhaltung auf hohem Niveau. Es braucht ein wenig Zeit, um sich in die musikalische Welt hineinzufinden, die das Trio unter dem CD-Titel "Goldfish" aktuell beim Münchner Jazzlabel Enja herausgebracht hat. Aber dann tut sich ein fantastischer Kosmos auf.

Papierkügelchen und ein Hoeneß-Witz

Den eröffnete Takase mit einem wild-virtuosen Kreuz und Quer über die Tastatur, bevor sie spannungsvoll ins musikalische Detail ging. Elegische, lyrische Momente wechseln mit schroffen Klangkaskaden, vordergründig Verspieltes fällt unvermittelt in hintergründig Schattiertes. Einen musikalischen Bezug kann man in dieser kühnen Welt musikalischer Kombinationen als ersten ausmachen. Die Musik des legendären Jazz-Pianisten Thelonious Monk. Er ist der einzige Heroe aus der al-ten Jazzwelt, den Aki Takase in ihren Tastenzaubereien direkt zitiert. Alles andere ist Eigenproduktion dieses unerschöpflich wirkenden weiblichen Vulkans.

Als sie ihre beiden Triokollegen vorstellt, spricht sie auf der Suche nach dem richtigen Wort lakonisch von "ihren Mitarbeitern", um dann Jan Roder als ihren Lieblings-Bassisten und Oliver Steidle als ihren Lieblings-Schlagzeuger vorzustellen. Jedenfalls verstehen die sich bestens auf die Frau am Klavier und steuern - der eine mit "Icy Blue", der andere mit "O, ja" - eigene Stücke bei. Ein schöner Moment fasst zusammen, was den Abend im stimmungsvollen Ambiente des Ratssaals so einzigartig gemacht hat. Während Takase ihr Klavier für eine der Kompositionen präpariert, indem sie Gegenstände in die Saiten des Resonanzkastens klemmt, wendet sich Schlagzeuger Steidle ans Publikum mit Fake News:

Ob man das bei Facebook mitbekommen habe, dass Cristiano Ronaldo als neuer Spieler des FC Bayern vorgesehen gewesen sei. Es folgt großes Schweigen im Raum, dann fügt Steile doppeldeutig hinzu, Bayernpräsident Uli Hoeneß habe das mit dem Hinweis abgelehnt, beim FC Bayern könnten nur Spieler unter Vertrag sein, die nicht im Verdacht stünden, Steuern zu hinterziehen. Während man sich noch fragt, wie dieser Joke in das Programm gehört, sieht man, dass Aki Takase beim Präparieren kleine Bälle in den Flügel wirft. Und Steidle sagt, sie habe mal hören wollen, wie das klingt, wenn einer Ansagen auf Bairisch macht.

Und so wurde das Konzert mit dem Aki Takase Trio zu einem alles andere als gewöhnlichen Jazzabend, der begeisterten Applaus erntete. Man darf gespannt sein, was sich die Brüder Kreusch fürs nächste Ottobrunner Jazzfest im kommenden Jahr ausdenken. Zunächst aber geht es im Herbst am 11. und 12. November weiter mit dem 1. Classical & Beyond-Wochenende. Dann sind unter anderem als Interpreten auf der Bühne: Moritz Eggert mit "Hämmerklavier" und Ruth Maria Rossel mit "My magic Cello".