40 Jahre Gebietsreform Der Brückenbauer

Vor Kurzem hat die Gemeinde das Bürgerhaus renoviert - der Festsaal sieht aber aus wie früher.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Mit gerade einmal 21 Jahren kam Georg Hornburger 1978 in den Aschheimer Gemeinderat, um die missmutig neu hinzugekommenen Dornacher dort zu vertreten. Seither vermittelt er behutsam zwischen den beiden Orten.

Von Irmengard Gnau

Georg Hornburger ist Dornacher. Zugehörig zur Gemeinde Aschheim. Nur wenn er ganz weit weg fährt, in den Urlaub, wo niemand mit den Ortsnamen im Münchner Umland etwas anfangen kann, ist er manchmal auch Münchner, also quasi. "Das ist einfach so", sagt Hornburger und lacht. Wer mit dem 61-Jährigen durch Dornach läuft, hat den Eindruck, er kennt jeden im Ort, auf der Straße grüßt er dezent, aber bestimmt, wann immer ein Auto vorbeifährt. Und jeder scheint ihn zu kennen, den Hornburger Schorsch.

Er ist ein Vereinsmensch, wie er sagt, schon immer. Früher engagierte er sich in der Jugendarbeit in Dornach, er ist bei der Feuerwehr, Ansprechpartner für die Partnerschaften der Gemeinde mit anderen Kommunen, seit mehr als 40 Jahren versieht er außerdem den Mesnerdienst in St. Margareta, der alten Ortskirche, in der immer noch jeden Sonntag ein Gottesdienst gefeiert wird. So einer war prädestiniert, die Dornacher auch in Aschheim zu vertreten.

Eine Medaille für die Dornacher

Damals, 1978, als Dornach mit seinen stolzen Dorfbewohnern mit der Nachbargemeinde zusammengelegt wurden, eingemeindet, auch wenn viele im Ort diesen Ausdruck bis heute vermeiden. Zu sehr schmerzte es die Dornacher, dass ihrer Gemeinde damals bei der Gebietsreform die Selbständigkeit "entzogen" wurde, "ohne zwingenden Grund und gegen den Willen der Bürger", wie es auf einer Medaille heißt, die jeder Dornacher noch als mahnendes Andenken bekam.

Es gibt sie noch, die Zeichen der früheren Eigenständigkeit Dornachs, wie etwa das Wappen, auf das Georg Hornburger hinweist.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Hornburger hat seine auch noch. Aus heutiger Sicht scheint ihm der Text fast ein wenig unangenehm. Doch er sagt: "Man muss die Dornacher auch verstehen. Die Gemeinde war bald 1200 Jahre alt und dann war plötzlich die Selbstständigkeit weg. Die Gebietsreform mag politisch, organisatorisch und finanziell sinnvoll gewesen sein, aber das ist eben auch eine Gefühlssache."

Die Dornacher wehrten sich lange gegen die Pläne der Regierung, mit juristischer Unterstützung und trotziger Symbolik, doch mit gerade einmal 700 Einwohnern war die dörfliche Gemeinde trotz ihres Gewerbegebietes, das gute Einnahmen abwarf, am Ende chancenlos: Die Eingemeindung wurde schließlich hoheitlich angeordnet; Aschheim freute sich über die "reiche Braut", wie spitze Zungen bis heute sagen. Umso wichtiger war es den Dornachern, eigene Leute in den neuen, gemeinsamen Gemeinderat nach Aschheim zu entsenden, Gesichter, die man kannte und bei denen sich die Dornacher darauf verlassen konnten, dass sie sich für ihre Sache einsetzen würden.

Hornburger war 1978 gerade 21 Jahre alt, als er sich aufstellen ließ. Dass er tatsächlich gewählt worden war, rief ihm die Gemeindesekretärin im Vorbeigehen vom Fenster des Rathauses aus zu, erinnert er sich. Seither sitzt der Dornacher im Gemeinderat, seit 28 Jahren ist er auch Dritter Bürgermeister. Von einer Seite vereinnahmen lassen aber will er sich nicht, das betont Hornburger. Er ist kein Hitzkopf, wofür er sich einsetzt, das muss schon Hand und Fuß haben. Er setzt mehr auf die Verständigung. Begrüßt jeden Bürger per Handschlag beim Neujahrsempfang der Gemeinde, begleitet Reisen zu den Partnerkommunen, besucht den Seniorenfasching. "Zusammenwachsen muss gelebt werden, nicht von der Gemeinde aufoktroyiert", sagt Hornburger.

Das Bürgerhaus ließen die Dornacher noch 1975 bauen, auch um die Selbständigkeitsambitionen zu unterstreichen.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Viel der "Integrationsarbeit" im Alltag leisten die Vereine. Im Männergesangsverein, in der Blasmusik, bei den Veteranen oder im Burschenverein sitzen Aschheimer und Dornacher seit Jahren zusammen. Die katholische Pfarrgemeinde verbindet die beiden Orte sogar noch länger. Die Feuerwehr allerdings gibt es nach wie vor in Aschheim und Dornach separat. Das gesicherte Fortbestehen beider Vereine war ein zentraler Bestandteil des Eingemeindungsvertrags, den der damalige Aschheimer Bürgermeister Franz Ruthus mit den Dornacher Vertretern schloss, um den Übergang für die Eingemeindeten abzufedern.

"Dass es einmal nur noch eine gemeinsame Wehr gibt, das erlebe ich nicht mehr", sagt Hornburger, selbst Mitglied, und schmunzelt. So lange sie es sich leisten kann, will die Gemeinde beide Feuerwehren unterhalten. Immerhin besucht man sich heute gegenseitig bei den Festen. Und auch beim First Responder arbeiten die Dornacher und die Aschheimer Freiwilligen Feuerwehrleute seit Jahren mit einem gemeinsamen Dienstplan erfolgreich zusammen.

Wichtige Symbole

Wenn Hornburger durch Dornach spaziert, bleibt sein Blick dennoch mit einem gewissen Stolz an den Symbolen hängen, die an die Geschichte als eigenständige Gemeinde erinnern. Das Dornacher Wappen mit Ähre und Zahnrad, erst 1972 eingetragen, prangt gut sichtbar an der Feuerwache und am Bürgerhaus. Das ließen die Dornacher noch 1975 bauen, auch um die Selbständigkeitsambitionen zu unterstreichen. Vor Kurzem hat es die Gemeinde renoviert, mit viel Geld. Auch ein Zeichen: Keiner der Ortsteile soll bevorzugt werden. Gleich dahinter liegt ein wenig versteckt die ehemalige Gemeindekanzlei.

Der neue Gemeinderat präsentierte sich 1978 mit der Urkunde.

(Foto: Archiv Stilling)

Als Anfang der 2000er-Jahre zur Debatte stand, das Gebäude abzureißen, erhob sich ein Sturm der Entrüstung. Das Haus wurde schließlich renoviert, heute nutzt es der Jugendtreff Blubb. Hornburger blickt prüfend in die Höhe zum Dornacher Maibaum. Die Tafeln zeigen das Dornacher Handwerk damals und heute. In Aschheim steht auch ein Baum. Als der am 1. Mai errichtet wurde, feierten viele Dornacher mit.

Aus heutiger Sicht war es eine kluge Taktik der Aschheimer Rathausspitze um den damaligen Bürgermeister Franz Ruthus, dem neuen Gemeindeteil möglichst viel seiner Eigenständigkeit zu lassen und Dornacher von Anfang an im Gemeinderat einzubinden. Diese behutsame Politik trägt heute Früchte. Die noch Missmutigen werden immer weniger. Man hat gemeinsame Kämpfe gefochten, gegen die Nordostverbindung zum Beispiel, die beide Ortsteile zu durchtrennen drohte. Die junge Generation kennt sich durch die gemeinsame Schule, die Sport- oder anderen Vereine.

Als Anneliese Stilling, Tochter des ehemaligen Bürgermeisters Ruthus, vor einigen Jahren eine Straße im Ort wählen durfte, die nach ihrem Vater benannt werden sollte, habe sie bewusst jene ausgewählt, die am nächsten zu Dornach liegt, erzählt sie. Für das Zusammenwachsen brauchen die Aschheimer und Dornacher auch kein großes Jubiläumsfest heuer, finden sie. Viel wichtiger für den Prozess waren die Aktiven, gerade auch auf Dornacher Seite. Brückenbauer wie Hornburger. "Georg Hornburger", sagt Stilling, "ist ein echter Glücksfall."

Ein Ehevertrag gegen den Schmerz

Um den Übergang der für Dornach so schmerzhaften Eingemeindung zu lindern, griffen die beiden Bürgermeister Franz Ruthus aus Aschheim und Karl Hammerschmidt aus Dornach zu einem bemerkenswerten Mittel. In einem freiwilligen Eingemeindungsvertrag legten sie Kriterien für die gemeinsame Zukunft fest. Aschheim sicherte in dem Vertrag schriftlich 13 Punkte zu, darunter dass die Dornacher Feuerwehr und die Vereine weiter bestehen und unterstützt würden. Der Ortsname "Dornach" sollte zudem erhalten bleiben, mit dem Zusatz "Gemeinde Aschheim, Landkreis München". Die Steuersätze für Dornach wurden nur schrittweise ans Aschheimer Niveau angeglichen.

Sicherlich war es auch nicht unwesentlich, dass Dornach Freizeitanlagen wie ein Bolzplatz, eine Sommerstockbahn und Tennisplätze sowie die bevorzugte Nutzung des eigenen Bürgerhauses zugesichert wurden. Den Vertrag bewerten viele Aschheimer heute als zentral dafür, dass beide Ortsteile in ihrer Eigenständigkeit zusammenwachsen konnten.

Interessanterweise findet sich bereits ein erster Aktenvermerk mit dem Datum vom März 1973 für den Vertrag im Aschheimer Rathausarchiv. Das legt den Schluss nahe, dass beide Seiten, der Dornacher wie der Aschheimer Bürgermeister, bereits zu diesem Zeitpunkt voraussahen, dass sie wohl zusammengelegt werden würden und dies auch, je nach Lesart, als beste Lösung oder zumindest als geringstes Übel betrachteten. Gleichwohl kämpfte Dornach bis zuletzt um seine Selbstständigkeit. Unterzeichnet wurde der Vertrag erst im Sommer 1977. gna