Vertriebene in Ismaning Auch nur Menschen

Marie Stanzl und Erna Bachinger (von links) kamen vor 70 Jahren aus Lichwe nach Ismaning. Marianne Berghammer ist in der Gemeinde geboren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Vor 70 Jahren wurden die Einwohner von Lichwe als Sudetendeutsche aus ihrem Ort vertrieben, 130 von ihnen kamen nach Ismaning. Bei einem Treffen vergleichen sie ihre Erfahrungen und ziehen Parallelen zu Flüchtlingen heute.

Von Irmengard Gnau, Ismaning

Behutsam streichen Hermann Kaplans Hände über die Seiten des Papiers. Mit Hand hat jemand etwas auf das Titelblatt notiert: "Zug Nr. 86 Wildenschwert nach Allach". Kaplan fährt mit dem Finger über die Zeilen des Dokuments, in dem fein säuberlich Namen, Alter, Nationalität und Beruf aufgelistet sind. In Zeile 963 stockt er. Dort ist sein Name zu lesen: Kaplan Hermann, 3 Jahre.

Gemeinsam mit seiner Mutter, dem älteren Bruder und 96 weiteren Einwohnern des Ortes Lichwe, wurde Kaplan 1946 mit dem Zug aus dem heutigen Tschechien nach Bayern gebracht. Am 12. April 1946 kam er schließlich in Ismaning an.

"Ich bin ein Integrationskind", sagt Josef Bachinger

Insgesamt 130 Lichwer, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrem Heimatort vertrieben wurden, landeten in Ismaning und mussten sich dort eine neue Existenz aufbauen. Eine Herausforderung, die in der Nachkriegszeit weder für die Ansässigen noch für die Vertriebenen einfach war, wie sich knapp 20 Zeitzeugen bei einem Treffen in Ismaning erinnerten. Heute, 70 Jahre später, wird die Aufnahme der Vertriebenen aber von beiden Seiten als gelungen betrachtet. "Ich bin ein Integrationskind", sagt etwa Josef Bachinger mit einem Augenzwinkern.

Marie Stanzl und Erna Bachinger (von links) kamen vor 70 Jahren aus Lichwe nach Ismaning. Marianne Berghammer ist in der Gemeinde geboren.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der 65-Jährige, in Ismaning geboren als Sohn einer Lichwerin und eines Einheimischen, ist nur ein Beweis dafür, dass sich viele der Neuankömmlinge und der Alteingesessenen im Laufe der Jahre so nahekamen, dass sich dies auch in zahlreichen Ehen manifestierte.

Die Vertriebenen von früher ziehen Parallelen zur Gegenwart

Aus ihren eigenen Erfahrungen mit Vertreibung und Ankommen in einer neuen, unbekannten Umgebung ziehen die Zeitzeugen und ihre Nachfahren auch Parallelen zur Gegenwart. Dass viele der Menschen, die heute aus Krisengebieten nach Deutschland kommen, etwa aufgrund eines zeitlich befristeten Aufenthaltsstatus nicht gleich arbeiten dürfen, hält Josef Bachinger für einen Nachteil. Für die Integration der Lichwer sei es sehr wichtig gewesen, dass sie den Ismaninger Landwirten bei der Feldarbeit zur Hand gehen konnten. Auf diese Weise konnten die Neuangekommenen sich selbst ein Zubrot verdienen und zugleich ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitswilligkeit in der Gemeinde unter Beweis stellen.

Wie wichtig solche Anerkennung ist, lässt sich auch erahnen, wenn man unterschiedliche Reaktionen der Einheimischen vergleicht. Einige Zeitzeugen erinnern sich, dass ihnen der damalige Zweite Bürgermeister Ismanings bei der Ankunft 1946 nur unwirsch mit den Worten begegnet sei, was er mit ihnen denn anfangen solle. Andere hingegen unterstützten das Zusammenwachsen. Bürgermeister Erich Zeitler (SPD) machte sich von 1952 an mit seinem Gemeinderat nicht nur in der Außenwahrnehmung für Integration stark, wie ein Zeitungsartikel aus dieser Zeit nahelegt. Er trieb in den Fünfzigerjahren vor allem den Wohnungsbau in Ismaning voran und ermöglichte so den Vertriebenen, endlich aus den meist sehr beengten Notunterbringungen bei Ismaninger Bauern in eigene vier Wände zu ziehen.

Die Zeitzeugen haben ihre Erinnerungen dokumentiert.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die Siedlungen, die so in der Isarau oder an der Wasserturmstraße entstanden, waren für das Ankommen vieler noch einmal zentral. "Meinem Großvater hat erst der Hausbau die Möglichkeit eröffnet, hier in Ismaning wirklich Wurzeln zu schlagen. Er hat sich zum ersten Mal wieder sicher gefühlt", berichtet etwa Marianne Berghammer. Das Gefühl der Eigenständigkeit stärkte die Neuankömmlinge; dazu zählte auch, dass die Gemeinde Ismaning den Vertriebenen bereits früh Flächen zur Verfügung stellte, auf denen diese kleine Schrebergärten anlegen konnten.

Die Ankömmlinge begegneten Vorurteilen

Gleichwohl begegneten die Ankömmlinge auch Vorurteilen. "Es gab solche und solche Leute", erinnert sich Rudi Lukes. Angesichts der großen Menge an Vertriebenen, die nach Bayern kamen - allein Ismaning, das damals 4600 Einwohner hatte, nahm 1100 Vertriebene auf - , sei es verständlich, dass nicht reine Begeisterung geherrscht habe. Warum also scheint die Überforderung heute manchem größer, obwohl prozentual gesehen wesentlich weniger Flüchtlinge ankommen? "In der Nachkriegszeit waren alle in einer ähnlichen Lage", mutmaßt Kaplan. Die Integration war zudem wohl einfacher, weil die Vertriebenen katholisch waren wie die Ismaninger und ebenfalls Deutsch sprachen. "Die gleiche Sprache und Religion waren Gold wert", sagt Kaplan.

Nicht nur die Lichwer Straße zeugt davon, dass die Vertriebenen ihren Platz in Ismaning gefunden haben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Auch wenn dies bei vielen Ankommenden heute nicht gegeben ist, lassen sich aus den Erfahrungen vielleicht Lehren für die Integrationsherausforderungen der Gegenwart ziehen. Rosa Fiedler erinnert sich an einen Satz ihres Großvaters, der Anfeindungen gegen ihren Lichwer Ehemann entgegnete: "Der ist kein Flüchtling. Der ist auch bloß ein Mensch."