Hospizarbeit "Es ist eine Zerreißprobe für Familien"

Auch die Geschwister leiden, wenn in der Familie ein Kind schwer krank ist. Deshalb kümmern sich Hospizhelfer wie Karl Hürter auch um sie.

(Foto: Grabowsky/Imago)

Karl Hürter aus Kirchheim kümmert sich um todkranke Kinder und ihre Angehörigen. Im Interview spricht er von seinen Erfahrungen und erzählt, warum er Sterbenden gerne seine Zeit widmet.

Interview von Helena Ott

Karl Hürter sitzt am Bett eines schreienden Kindes. Er beginnt auf einem kleinen Blechinstrument eine Melodie zu spielen und sofort beruhigt sich das Kind - die Mutter sieht in ungläubig an. Solche Momente berührten ihn, sagt Hürter. Der 76-Jährige ist ehrenamtlicher Hospizhelfer im Hospizverein Kirchheim und begleitet in seiner Freizeit Sterbende. Seit acht Jahren betreut er dabei auch schwerkranke Kinder und Jugendliche sowie deren Eltern und Geschwister. Dafür hat er eine Zusatzausbildung des Ambulanten Kinderhospizes München (AKM) absolviert, das den Kirchheimer Hospizverein fachlich unterstützt. Insgesamt gibt es in dem Verein 25 Ehrenamtliche, die Menschen mit unheilbaren Krankheiten und deren Familien besuchen. Sie sprechen mit ihnen über ihre Ängste und das Leben, machen gemeinsam Ausflüge und übernehmen für ein paar Stunden die Betreuung, um Angehörige zu entlasten.

SZ: Warum begleiten Sie in Ihrer freien Zeit Sterbende?

Karl Hürter: Das Sterben war schon als Ethiklehrer für mich ein wichtiges Thema: Mich haben häufig Schüler aus der sechsten oder siebten Klasse gefragt, wie Menschen sterben. Ich wusste, wenn ich im Ruhestand bin, möchte ich kranke Menschen begleiten, dass sie nicht alleine und abgeschoben im Krankenhaus sterben müssen. Es macht mir Freude, als Rentner nicht nur meine Freizeit zu genießen, sondern auch etwas für andere tun zu können.

Warum haben Sie den Schwerpunkt Hospizbegleitung für Kinder und Familien gewählt?

Ich habe selbst mit zwölf Jahren meine Mutter verloren und habe in dieser Zeit die fehlende Empathie der Lehrer gespürt. Es hat niemand nachgefragt, nur ein Mitschüler hat zu mir gesagt: "Jetzt bist du sehr traurig, gell?" Ähnlich habe ich das jetzt bei einem zwölfjährigen Jungen erlebt, der seinen Vater verloren hat. Einen Tag später musste er zu einer Nachholschulaufgabe antreten, obwohl die Schule informiert war.

Wie viele Familien mit Kindern haben Sie schon betreut?

Vier Familien, aber es war sehr unterschiedlich. Die meisten Kinder, die ich begleitet habe, waren so schwer krank, dass sie verbal nicht kommunizieren konnten. Da war ich schon sehr glücklich, wenn ich ein Lächeln erahnen konnte. Jetzt betreue ich zum ersten Mal die Geschwister eines schwerbehinderten Jungen. Mit ihnen kann ich zum Spielplatz oder in den Streichelzoo gehen - ich versuche, die fehlende Zeit der Eltern etwas auszugleichen.

Wie sieht Ihre Begleitung denn konkret aus?

Wenn es noch möglich ist, gehe ich gerne mit den Kindern in die Natur. Mit dem Jungen, der seinen Vater verloren hat, habe ich am Tag, als sein Vater starb, Steine auf der Wasseroberfläche der Isar flitzen lassen, und er hat Kleintiere am Ufer gesucht. Ich glaube, dass die Natur eine sehr beruhigende Wirkung haben kann.

Was brauchen Eltern, die ein schwer krankes Kind zu Hause haben?

Jemanden, der ihnen zuhört. Aber vor allem sind es Kleinigkeiten, wie sich zwei Stunden neben das Bett zu setzen. Ich lese dann Bücher vor oder spiele Musik. Eine Mutter hat mir wiederholt gesagt, wie froh sie ist, dass sie endlich mal wieder in Ruhe die Wäsche bügeln kann, ohne sich zu sorgen, dass ihrem Kind etwas passiert, während sie beschäftigt ist.

Was macht es mit Familien, in denen ein Kind im Sterben liegt?

Es ist eine Zerreißprobe für Familien. Es belastet häufig auch die Partnerschaft stark. Die Gedanken der Mutter kreisen meist besonders um das kranke Kind. Es kommt vor, dass der Vater die Familie verlässt, weil es immer wieder zu Streit kommt. Und Geschwisterkinder leiden natürlich auch; sie vermissen die gleiche Aufmerksamkeit, die das kranke Kind erhält.

Karl Hürter verlor früh seine Mutter. Heute schenkt er anderen die Empathie, die er damals vermisst hat.

(Foto: Claus Schunk)

Kann man Trauernde trösten?

Nein, ich glaube nicht. Als meine Mutter starb, war ich untröstlich. Mitleiden kann man auch nicht. Was man kann, ist versuchen mitzufühlen und zuzuhören, den Menschen Zeit geben und sich für ihre Sorgen und Ängste interessieren.

Was sagen Sie, wenn ein Kind fragt, wie es mit dem toten Papa Kontakt halten kann?

Wenn du magst, könntest du einen Brief an deinen Vater schreiben. Oder wir könnten zusammen zum Friedhof gehen und du könntest Blumen in die Erde setzen und dabei an deinen Vater denken. Ich glaube, es hilft, wenn man den Kinder zeigt, dass sie noch etwas für die Menschen tun können, um die sie trauern.

Wie kann man Familien in schwierigen Zeiten der Krankheit oder Trauer eine feste Stütze sein? Zu diesem Thema lädt der Hospizverein Kirchheim zu einer offenen Gesprächsrunde ein. Die gemeinsame Veranstaltung mit dem Ambulanten Kinderhospiz München (AKM) findet an diesem Donnerstag, 7. Juni, im Café Mohnblume im Collegium 2000 an der Räterstraße 21 in Kirchheim statt. Beginn ist um 19.30 Uhr, Einlass um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei.