Höhenkirchen-Siegertsbrunn "Man kann eine Stecknadel fallen hören"

Birgit Mair, 49, ist Mitgründerin des Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung.

(Foto: ISFBB)

Birgit Mair besucht zusammen mit Holocaust-Überlebenden Schulen. Mit der SZ spricht sie über ihre Erfahrungen

Interview von Marie Ludwig, Höhenkirchen-Siegertsbrunn

Rechtsextremismus-Expertin Birgit Mair setzt sich für die Erinnerung an den Holocaust ein. Gemeinsam mit Zeitzeugen hält sie Vorträge an Schulen. Jetzt war sie am Gymnasium Höhenkirchen-Siegertsbrunn.

SZ: Warum haben Sie sich für ihren Besuch mit dem Holocaust-Überlebenden Henry Rotmensch gerade das Gymnasium in Höhenkirchen ausgesucht?

Birgit Mair: Im Rahmen meiner Arbeit biete ich Schulen an, zusammen mit einem Zeitzeugen zu ihnen zu Besuch zu kommen. Bereits im vergangenen Jahr hatte mich die Schule angesprochen, und ich war mit einer Zeitzeugin zu Besuch.

Wieso glauben Sie, dass die Zeitzeugen-Gespräche für Schüler so wichtig sind?

Zunächst sehe ich es als meine Aufgabe, gegen den Rechtsruck der Gesellschaft anzugehen. Und der beste Weg ist, schon Jugendliche gegen die Ideologie des Nationalsozialismus zu erziehen. Natürlich kann man Filme schauen und Bücher darüber lesen, aber jemandem die Hand zu schütteln, der diese Geschichte selbst miterlebt hat, halte ich für tausendmal besser.

Mit wie vielen Zeitzeugen arbeiten Sie zusammen? Und was machen Sie, wenn die Gespräche irgendwann nicht mehr möglich sein werden?

Ich stehe mit drei - vielleicht bald vier - Zeitzeugen im Kontakt. Mir ist natürlich bewusst: Es sind nur noch wenige Jahre, in denen es möglich sein wird. Dann müssen andere die Verantwortung des Weitererzählens und Erinnerns übernehmen und ich setze da sehr auf die Lehrer, die die Vorträge selbst miterlebt haben. Natürlich habe auch ich vor, selbst von den Schicksalen zu erzählen. Schon jetzt nehme ich mit meinen Zeitzeugen O-Töne auf, sammele ihre Bilder oder mache kleine Filmmitschnitte - dennoch sind die Gespräche unersetzlich. Genau deshalb bin ich, solange es unsere Zeitzeugen gibt, auch mit ihnen an Schulen unterwegs.

Wie reagieren Schüler auf die Geschichte der Holocaust-Überlebenden? Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Ich mache das jetzt schon über zehn Jahre und muss sagen, dass noch nie etwas Verletzendes oder Hetzerisches von den Schülern gesagt wurde. Selbst völkische oder rechte Schüler zeigen sich zurückhaltend - oder sind eben krank. Die anderen Schüler sind durch die Bank weg interessiert und auch sehr betroffen. Man kann eine Stecknadel fallen hören - so ruhig ist es jedes Mal, wenn die Zeitzeugen ihre Geschichte erzählen. Nicht selten weinen die Schüler, wollen nach dem Vortrag persönlich einen Blick auf das KZ-Tattoo werfen und stehen sogar Schlange, um die Zeitzeugen zu umarmen.

Was hat Sie am meisten bei der Arbeit mit den Zeitzeugen beeindruckt?

Wir fahren immer zusammen zu den Schulen und auch wieder zurück. Und wenn wir nach dem Vortrag wieder im Auto sitzen, besprechen wir natürlich kurz, wie es gelaufen ist. Aber dann wechseln alle Zeitzeugen direkt zum Alltag. Der 91-jährige Henry Rotmensch erzählt mir von seinem Tanzkurs mit seiner Freundin, und mit Eva Franz plaudere ich über die Familie und Kochrezepte. Sie nehmen sich alle die Zeit zum Erinnern und dann ist auch wieder Alltag - das halte ich für bewundernswert.

Und wie schaffen Sie es, persönlich Abstand zu dem Thema zu gewinnen?

Ganz klar: In der Freizeit keine Filme oder Bücher über den Holocaust ansehen. Ich bin während meiner Diplomarbeit durch alle Höhen und Tiefen der Bewältigung des Themas gegangen und habe nur mit der Zeit emotional Abstand gewinnen können. Wenn alle weinen, dann versuche ich, durch Moderation Halt zu geben.