Grünwald "Verbündeter auf Augenhöhe"

Diakon Günter Bacher beherrscht die Gebärdensprache seit vielen Jahren.

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Günter Bacher wird zum Diakon geweiht und übernimmt sein Amt danach im Pfarrverband Grünwald. Der 48-Jährige unterrichtet seit vielen Jahren Gehörlose und beherrscht fließend die Gebärdensprache. Sein Amt als Seelsorger will er mit Demut und Humor angehen.

Von Anna Reuß, Grünwald

Günter Bacher braucht nur eine einzige Bewegung, um seine Liebe zur Gebärdensprache auszudrücken. Er ballt die rechte Hand zur Faust und schlägt sie auf die flache linke Hand. Die Bewegung dauert nicht einmal eine Sekunde und ist so kurz wie das Wort selbst: Amt. Und doch sagt sie viel aus. Die Faust: ein Stempel. "Darauf kommt es beim Amt an. Kriegst du den Stempel oder kriegst du ihn nicht." Er sagt es nahezu ekstatisch: "Da wird der Beamte mal eben auf seinen Stempel reduziert. Sensationell".

Für Bacher ist die Sprache konkret und unmittelbar. "Gebärdensprache ist wahnsinnig nah an der Realität", sagt er und formt die Hände zu einer Kralle mit angewinkelten Fingern, die er ineinander verkeilt. Das Wort, welches er gebärdet: Krieg. "Das merkst du auch im Körper. Man spürt die Verhärtung."

Bacher ist einer von sechs Männern im Erzbistum München und Freising, die diesen Samstag im Liebfrauendom zum Diakon geweiht werden. Danach wird der 48-Jährige im Pfarrverband Grünwald eingesetzt. Geboren wurde er in Altötting - "Das qualifiziert schon mal für einen katholischen Beruf", sagt er. Sein Vater war Rangierlockführer, seine Mutter Sekretärin. Dass er einmal Priester werden wollte, wusste er schon in der Grundschule. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine Ausbildung zum Industriekaufmann, um Geld für ein Studium zu sparen. Schließlich ging er ins Priesterseminar nach Passau.

Entscheidung gegen den Priesterberuf und für eine Familie

Ein Jahr lang lebte er in München, wo er an der Universität ein paar Veranstaltungen in Gehörlosenpädagogik besuchte. Und auf der Zielgeraden zum Leben als Pfarrer im Zölibat lernte Bacher mit 26 Jahren seine heutige Frau kennen. Die Entscheidung gegen den Priesterberuf und für eine Familie habe er in drei Sekunden gefällt, sagt er. Er zieht die Augenbrauen nach oben und lächelt: "Da stand der Weihe plötzlich das Hindernis der Ehe im Weg."

Sein Arbeitgeber blieb dennoch die Kirche. Er wurde Religionslehrer, das empfahl ihm sein bester Freund. Bacher hatte da seine eigenen Ideen. "Erst einmal an einer Gehörlosenschule in der Sprache fit werden und dann später in die Gehörlosenseelsorge gehen, das wär's", habe er sich damals gedacht. "Mir war klar, es geht irgendwie weiter."

Also hat er dem Ordinariat einen Brief geschrieben, in dem er fragte, ob es möglich wäre, ein paar Stunden in der Woche an einer Gehörlosenschule zu unterrichten. Zu dem Zeitpunkt war er in der Gebärdensprache noch ein Anfänger, doch das minderte nicht seinen Mut. Zunächst konnte die Kurie seinem Wunsch nicht nachkommen, doch wenige Wochen später fragte man ihn, ob er unbefristet an einer Gehörlosenschule anfangen möchte. Sofort hat er zugesagt. Wieder so eine Drei-Sekunden-Entscheidung. "Ich weiß halt genau, was zu mir passt."

Bis in die achtziger Jahre gab es nahezu keinen Gebärdenunterricht. Das ging auf den Mailänder Kongress von 1880 zurück, bei dem führende europäische Gehörlosenpädagogen beschlossen, die Gebärdensprache aus dem Unterricht fernzuhalten. Einen "Schwachsinn" nennt Bacher das. Zwar seien Gehörlose trainiert darin, von den Lippen abzulesen, doch in anspruchsvollen Sachfächern habe auch das Grenzen. Um das zu demonstrieren, formt Bacher ein stummes B und ein stummes M. Der Unterschied ist kaum zu erkennen.

"Mitglieder einer sprachkulturellen Gemeinschaft"

So fing er im Februar 1996 mit vier Stunden pro Woche an der bayerischen Landesschule für Gehörlose an. "Für die Schüler natürlich großartig, dass ich das in Gebärdensprache gemacht habe. Und jede Gebärde hilft", sagt er. Es mache ihn stolz, wenn er sieht, was aus seinen ehemaligen Schülern geworden ist und was manche von ihnen erreichen konnten. "Einer ist zum Beispiel der Chefredakteur der Deutschen Gehörlosenzeitung."

Er meint Thomas Mitterhuber, einer von Bachers ersten Schülern im Schuljahr 1996. Von seinem ehemaligen Lehrer habe er selbstreflektierende Denkweise, nicht nur in religiöser Hinsicht gelernt, erzählt Mitterhuber. Der Unterricht war vielmehr Ethik als Religion. Mitterhuber sagt, Bacher war motiviert, unkonventionell und offen für Neues: "Ich erinnere mich noch gut an eine Stunde bei ihm, in der wir Szenen eines Star Wars-Film anguckten und über Parallelen zu Religionen diskutierten." Bacher habe Gehörlose nicht als behinderte, defizitäre Menschen gesehen, sondern als Mitglied einer sprachkulturellen Gemeinschaft. "Und ich hoffe, auch als Diakon wird Bacher weiterhin das bleiben: ein Verbündeter auf Augenhöhe."

Heute ist Bacher, der Autodidakt, fließend in Gebärdensprache. Das hat allerdings zwölf Jahre gedauert. Seinen eigenen Mentor, den Geistlichen Albert Zott, nennt Bacher eine Koryphäe der Gehörlosenseelsorge: ein Mann, der wie er selbst Gehörlosenpädagogik studieren durfte und das Priesterseminar besuchte. Von ihm hat Bacher Karteikarten mit religiösen Gebärden bekommen. "Die habe ich alle durchgeackert." Sprache ist etwas, das ihn bis heute durch sein Leben begleitet. Er lernte Englisch, Latein, Französisch, Hebräisch, Griechisch und ein wenig klassisches Arabisch. Es fasziniert ihn, dass Sprachen auf verschiedene Weisen Realität ausdrücken. "Jede Sprache hat eine andere Perspektive auf die Wirklichkeit." Das Hebräische nennt er "kraftvoll und lebhaft". Und doch ist es die Gebärdensprache, die für ihn der Realität am nächsten ist.

Sprache ist auch für seine Arbeit in der Seelsorge wichtig. Bacher versteht es, sich selbst zurückzunehmen. Am meisten erfüllen ihn dabei die Trauergespräche. "Da muss man ganz sensibel sein. Es ist toll, für einen anderen ein Angebot zu sein, an dem er seine Trauer abarbeiten kann." Er sagt den Menschen dann: Ich bin da. Ich höre zu. Einen guten Seelsorger, glaubt er, machen zwei Dinge aus: Demut und Humor. Das weiß er nur zu gut von seinem Unterricht: "Wenn du in 39 Schulwochen nur griesgrämig bist, ist das eine Katastrophe." In der Arbeit mit den Gehörlosen sei das Wichtigste die Mimik, denn "die merken auf zehn Meter Entfernung wie du drauf bist", sagt Bacher. "Ich war schon immer so einer, der mit Händen und Füßen geredet hat. Das war einfach drin."

Ein ganz christlicher Ansatz von Spiritualität

Im Frühjahr wird er mit anderen zusammen den Psalm 23 im Nymphenburger Schlosspark gebärden: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln", heißt es dort. Das, glaubt er, sei ein ganz christlicher Ansatz von Spiritualität. "Im Körper spüren, was in einem biblischen Text wirklich steht." Es wird nicht Bachers erste Aktion dieser Art: 2014 hat er für die Ministrantenwallfahrt nach Rom den Refrain des Wallfahrtliedes gebärdet, Jugendlichen beigebracht und ein Video davon auf Youtube hochgeladen, damit andere davon lernen konnten. Auf dem Petersplatz haben dann 40 000 junge Menschen mitgemacht, "und die Bischöfe auch", erzählt er.

Der Wunsch Diakon zu werden, reifte über die Jahre heran. In der Schule empfand er es als "komisches Gefühl", dass er zwar den Gottesdienst halten, jedoch nie den Segen mitgeben durfte - im Gegensatz zu seiner evangelischen Kollegin, einer Pfarrerrin. Der Weihbischof habe am Rande einer Veranstaltung gesagt, Rekrutierung von Diakonen und Pastoralreferenten sei noch zu wenig passiert, es brauche Leute, die mit Hörgeschädigten arbeiten. Daraufhin entschied sich Bacher endgültig für die vierjährige Ausbildung. "Für mich war immer klar: Die Gehörlosen brauchen auch dieses Sakramentale. Und da braucht man eben jemanden, der das kann." Diakon komme von dem griechischen Wort Diákonos, sagt er. Das bedeutet Diener.