Debatte über Integration  Ein Flüchtling verblüfft die Grünwalder

Musterbeispiel für eine gelungene Integration: Hassan Ali Djan las auf Einladung der JU in Grünwald.

(Foto: Claus Schunk)

Als Hassan Ali Djan von Afghanistan nach Deutschland kam, war er Analphabet. Heute ist er Gebäudeelektroniker und hat ein Buch über seine Geschichte geschrieben. Bei einer Lesung sagt er: "Ich kenne viele, bei denen es sogar besser gelaufen ist."

Von Claudia Wessel, Grünwald

"Ich war vorher nicht weltoffen, das wäre gelogen. Ich dachte damals auch: Wie kann das sein, dass eine Frau mehr zu sagen hat als ein Mann? Dass Frauen genauso arbeiten wie ein Mann? Für mich war Vieles Neuland."

Mit diesen Worten antwortete Hassan Ali Djan, 26, Autor des Buches "Afghanistan. München. Ich. Meine Reise in ein besseres Leben" auf die Frage von Nicola Gehringer, Kreisvorsitzende der Jungen Union (JU) München-Land, bei der Lesung am Dienstagabend im Alten Wirt in Grünwald. Gehringer hatte "die Vorfälle in Köln" angesprochen und wollte wissen: "Wie war das damals für Sie, in eine völlig neue, christlich geprägte Gesellschaft zu kommen?"

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"Diesen Mann will ich kennenlernen", dachte sich die designierte JU-Chefin

Veranstalter der Lesung war die Junge Union Grünwald-Straßlach. Die Idee, Hassan Ali Djan einzuladen, kam von der designierten Vorsitzenden Victoria Bühler, 16 Jahre alt. In ihrem Gymnasium in Unterhaching war der Autor im Rahmen eines Afghanistan-Tages bereits aufgetreten. Sie selbst hatte ihn damals nicht erlebt, doch ihr Bruder hatte ihr davon berichtet. "Diesen Mann will ich kennenlernen", habe sie sich damals vorgenommen. Ihre allererste Veranstaltung, bei der sie auch Moderatorin war, wurde dann sofort zu einem riesigen Erfolg.

Gut 100 Personen kamen in den Wittelsbach-Saal im Alten Wirt, die Trennwand musste beiseite geschoben und immer wieder mussten neue Stühle geholt werden. "Wir machen diese Veranstaltungen seit fünf Jahren", sagte der Noch-Vorsitzende Florian Martin Pregler, doch so viele Besucher seien noch nie da gewesen. Auch die Anwesenheit aller drei Grünwalder Bürgermeister sei eine Premiere.

Berührte Mienen waren während der Lesung zu sehen. In Abschnitten, die abwechselnd in Afghanistan und in München spielten, gab Hassan Ali Djan Einblicke in seine Erlebnisse. Er berichtete von seinem kranken Vater, der sich vor Schmerzen auf seiner Matratze gekrümmt habe, aber aufgrund der Armut der Familie nicht zum Arzt habe gehen wollen.

Von seinem Aufbruch im Alter von zwölf Jahren und der letzten Etappe vier Jahre später, einer Lkw-Fahrt von der Türkei nach Deutschland, "zwei Tage eingerollt wie ein Embryo im Ersatzrad unter der Ladefläche, ohne Essen und Trinken". Aus diesem unbequemen Aufenthaltsort kroch er dann in einem Industriegebiet nördlich von München. In anderen Abschnitten ging es um seinen festen Willen, eine Ausbildung als Gebäudeelektroniker zu machen, obwohl er Analphabet war und alle ihm abrieten.

An der Kaufhauskasse begann eine romantische Liebesgeschichte

Die Besucher der Lesung hatten dann sehr viele Fragen an den Autor. "Was machen Sie heute, haben Sie es geschafft?" wollte der erste Fragesteller wissen. Ja, er hat es geschafft und ist jetzt fest angestellt als Gebäudeelektroniker, möchte noch den Meister machen. Er ist außerdem deutscher Staatsbürger, verheiratet mit einer Marokkanerin, eine romantische Liebesgeschichte. Er hatte die junge Frau, die heute Studentin ist, an der Kasse im Karstadt entdeckt, wo sie jobbte. "Das ist die Frau, die ich heiraten möchte", habe er sofort empfunden.

Doch da er noch keine Ausbildung hatte, erfragte er zwar ihre Telefonnummer, meldete sich aber erst drei Jahre später mit dem festen Job in der Tasche wieder bei ihr. Sie erinnerte sich und sie trafen sich, heirateten dann in Dänemark, da die Behördenanforderungen in Deutschland zu groß waren - so viele Formulare, die Hassan aus Afghanistan besorgen sollte, das hätte ihm zu lange gedauert.

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Warum er denn deutscher Staatsbürger werden wollte, war eine weitere Frage. "Ich kann in 125 Länder ohne Visum reisen", sagte Hassan Ali Djan. Doch ein noch wichtigerer Grund sei "die Bestätigung, dass ich hier angekommen bin und das gleiche Recht habe wie Herr Huber und Herr Maier."

"Bei Ihnen ist es ja fantastisch gelungen mit der Integration", sagte ein Zuhörer. "Sind Sie da eine Ausnahme oder kennen Sie noch mehr Menschen, bei denen es so lief?" "Ich kenne viele", sagte der Buchautor, "bei denen es sogar besser gelaufen ist." Fünf Leute, die er bei seiner Ankunft in der Unterkunft kennengelernt habe, hätten ebenfalls alle eine Ausbildung gemacht. Djan erwähnte mehrmals die "falsche Integration in Frankreich". Er frage sich, was Menschen , die in Frankreich aufgewachsen seien, dazu treibe, trotzdem solch schrecklichen Ideologien zu verfallen und ihr eigenes Leben sowie das anderer einfach wegzuwerfen. "Da haben wir es hier noch gut", sagte er über die Situation in Deutschland.

Hassan Ali Djan will Flüchtlinge in der Traglufhalle besuchen

Trotzdem äußerte eine Zuhörerin die Befürchtung, "dass wir das nicht leisten können". Er glaube schon, "dass wir das schaffen", sagte Djan. "Aber nehmen wir mal an: Wir schaffen das nicht. Was dann?" Solle man dann einen Zaun bauen? Die Flüchtlinge mit Panzern aufhalten? Vor denen seien sie ja gerade erst geflüchtet. "Man kann nur das Beste aus der Situation machen", sagte Djan. Er sei dafür, konsequenter zu sein, was das Bleiberecht betreffe und auch schneller zu handeln, wenn jemand keines erhalte. Man müsse aber auch die Fluchtursachen bekämpfen. Drei Einladungen von Anwesenden, mit afghanischen Flüchtlingen zu sprechen, nahm Djan gerne an. Unter anderem in der Traglufthalle Grünwald.