Brunnthal Touristen am Strand

In Brunnthal zeigen ein Maler und ein Bildhauer ihre kraftvollen Werke in einer gemeinsamen Schau

Von Franziska Gerlach, Brunnthal

Was ist eigentlich stärker, Wasser oder Holz? Ganz nüchtern betrachtet ist die Sache klar. Nicht den Hauch einer Chance hätten die schlanken Holzfiguren, wenn die gewaltigen Wellen echt wären. Sie würden einfach fortgerissen, hinab in die unendlichen Weiten des Meeres. Doch im beschaulichen Brunnthal kann die Nordsee ihnen nichts anhaben. Im geschützten Raum der Galerie Kersten, inmitten kunstinteressierter Gäste, sind sie "Touristen am Strand" - diesen Vergleich hat Galerist Holger Weinstock gewählt.

Ihren Reiz zieht die Ausstellung, die bis zum 2. Januar läuft, aus dem überraschend harmonischen Zusammenspiel zweier an sich gegensätzlicher Künstler und ihrer Werke. Der Maler Malte von Schuckmann ist ein norddeutscher Blondschopf im gestreiften Hemd, 37 Jahre alt, und klemmte ein Surfbrett unter seinem Arm, fände man das durchaus passend. Mehr als ein Jahr lang hat er sich auf die Ausstellung vorbereitet, in die er 27 Bilder eingebracht hat. Roman Strobl zeigt 15 Skulpturen. Er kommt aus Tirol und erlernte bereits im Alter von 14 Jahren das Holzschnitzhandwerk im väterlichen Betrieb. Später studierte er Bildhauerei im italienischen Todi.

Heute ist Strobl 64 Jahre alt und hat bereits Altkanzler Gerhard Schröder und Franz Beckenbauer in Holz verewigt. Mit einer frisierten Kettensäge - die Zähne feilt er fein - bringt der Künstler, der in Hannover und in Going in Tirol lebt, das starre Material zum Tanzen. Die Geschmeidigkeit, mit der er die Bewegungen seiner Skulpturen ausstattet, gilt als sein Markenzeichen. Manche seiner feingliedrigen Figuren scheinen die Bodenhaftung beinahe verloren zu haben, andere balancieren ihr Gewicht auf den Ballen, verdrehen dabei die Hüfte und gehen tief in die Knie. Anatomisch sind sicher nicht alle der von Strobl gesägten Positionen möglich. "Ich mache es aber so, dass es noch logisch aussieht", sagt er.

Auch Malte von Schuckmanns Nordsee sieht immer anders aus, mal kräuselt sie sich nur, liegt ganz still da, meist aber lässt der Maler sie toben; dann darf sie sich aufbäumen wie ein Pferd, das seinen Reiter abschütteln will. Bis zu 15 Schichten trägt er auf, bis die Schaumkronen glitzern, bis es auch in Öl so aussieht, als hätten sich die Strahlen der Abendsonne in einer Welle verfangen. Nach seinem Studium an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg besuchte von Schuckmann bis zum Jahr 2006 die Kunsthochschule in Kiel. Seither widmet er sich ausschließlich der Nordischen Küstenlandschaft und der Nordsee, die ihm aufgrund ihrer Unberechenbarkeit reizvoller als die Ostsee erscheint. Angst vor den Launen des Meeres? Das zwar nicht, sagt er. Respekt habe er aber schon. Zugleich brauche er den Kontakt zur Inspiration, er müsse die See spüren und sehen. "Das ist ein tolles Gefühl, alleine am Strand zu sein, wenn es schüttet und stürmt", sagt er. Dann wendet er sich einer Dame zu, die sich als Fan entpuppt und erklärt, vor einigen Jahren eines seiner Bilder auf Sylt gekauft zu haben.

Auch Strobls Arbeit erfordert ein Gespür dafür, wie viel er dem Holz zumuten kann, an welchem Punkt es bricht - einerseits. Andererseits ist natürlich gerade im Umgang mit einer Kettensäge Vorsicht geboten. "Ich lebe schon gefährlich", sagt Strobl und schmunzelt. Früher habe er auch mit Stein gearbeitet, der Kopf des Medusenbrunnens in der Sendlinger Straße in München stamme etwa von ihm, auf Dauer sei ihm das Material aber "zu statisch" gewesen. Auch zum Wasser habe er an sich wenig Bezug, gibt er zu. Trotzdem sei er fasziniert von den Bildern des Künstlers, der mit ihm in Brunnthal ausstellt, sogar eine Gemeinsamkeit hat Strobl mittlerweile festgestellt. Eine Dramatik in der Bewegung, die bei von Schuckmanns Wellen die gleiche Richtung nimmt wie die Hände vieler seiner Holzfiguren: nach oben.

Die Ausstellung ist bis zum 2. Januar Montag bis Freitag von 9 bis 12.30 und 14 bis 18 Uhr geöffnet, Samstag von 10 bis 13 und Sonntag von 13 bis 16 Uhr. Zwischen 24. und 27. Dezember sowie am 31.Dezember und 1. Januar bleibt sie geschlossen.