Gesuchte Fachkräfte Lehrjahre in den Rathäusern

Im Ottobrunner Rathaus schätzt man die Ausbildung im eigenen Haus mehr denn je.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

Städte und Gemeinden finden in der Konkurrenz zur Privatwirtschaft nur schwer qualifiziertes Personal. Deshalb gehen viele dazu über, ihre Fachkräfte selbst auszubilden.

Von Anna Hordych, Ottobrunn/Haar/Grünwald

Wenn das schillernde Musical "Hair" die vergangene Hippie-Ära im Kulturzentrum Ottobrunn aufleben lässt, braucht es einen Techniker, der die Bühne in pink- oder neongrüne Lichter taucht. Angehender Fachmann für diese technischen Bravourstücke ist Ferdinand Schuhbeck. Er lernt bei der Gemeinde Ottobrunn Bühnentechnik und Kulissenbau und ist Experte, was Licht- und Tonregulation angeht.

Ausbildungsstätte des jungen Mannes ist das Wolf-Ferrari-Haus, ein Kulturbetrieb, der in den Händen der Gemeinde liegt. An der Berufsschule lernt Schuhbeck "Veranstaltungstechnik". Er ist damit eine absolute Ausnahme unter den Kommunen im Großraum München - und für die Gemeinde Ottobrunn so etwas wie eine "Perle".

Im technischen Bereich suchen die Kommunen händeringend Fachkräfte

Wenn Kommunen Stellen ausschreiben, mangelt es zwar meist nicht an Bewerbungen, nur fehlt es den Bewerbern oft an der nötigen Qualifikation. So melden sich auf Stellenanzeigen Verkäufer und Sekretärinnen, aber nur selten gelernte Verwaltungskräfte. Gerade im technischen Bereich suchen die Gemeinden im Landkreis München händeringend nach Fachkräften. Doch beim Werben um geeignete Bewerber ziehen sie in der Konkurrenz mit Privatbetrieben oftmals den Kürzeren.

"Die freie Wirtschaft zahlt den Leuten zum Teil das Doppelte", sagt Personalleiterin Heidi Hüneburg aus Haar. Beim Gehalt ihrer Fachkräfte sind den Gemeinden die Hände gebunden. Die Tarifverträge für den öffentlichen Dienst geben klare Vorgaben für die Gehälter. Bislang wird allein Mitarbeitern in der Kinderpflege eine Arbeitsmarktzulage gewährt. Niemand in den Rathäusern bestreitet, dass diese finanzielle Motivation gerade im Erziehungsbereich erforderlich ist. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass andere Fachkräfte aus dem öffentlichen Dienst abwandern, weil sie in privaten Betrieben zu besseren Konditionen angestellt werden. Allerdings lässt sich der Mangel an Fachkräften nicht pauschalisieren. So spielen etwa die Entfernung zu München und der Verkehrsanschluss eine Rolle dabei, wie gravierend die Unterbesetzung ausfällt.

Mann am Mischpult: Ferdinand Schuhbeck macht im Wolf-Ferrari-Haus der Gemeinde Ottobrunn eine Ausbildung zum Bühnen- und Tontechniker

(Foto: Claus Schunk)

Grünwald stellt jeden Herbst 25 Auszubildende ein

Um die Personallücke zu schließen, gehen daher immer mehr Kommunen dazu über, verstärkt selbst auszubilden. Die Gemeinde Grünwald etwa stellt jeden Herbst 25 Auszubildende ein - zwei Drittel im Bereich Kindertagesstätten. "Es lohnt sich, junge Leute auszubilden", weiß Personalleiter Rudi Pleithner aus Erfahrung. "Die meisten Azubis können wir hinterher übernehmen." Zehn Bewerbungen hat Grünwald nach eigenen Angaben auf eine Stelle.

Davon können andere Gemeinden nur träumen. In Haar etwa kamen auf zwei Ausbildungsstellen im Bäderwesen exakt genauso viele oder besser gesagt wenige Interessenten. Und das waren zwei Jugendliche, die aus Afghanistan geflohen waren und die Mittelschule in Haar besuchten. Dass beide nicht schwimmen konnten, "weil sie schließlich aus trockenen Regionen mit viel Sand kommen", wie Personalchefin Hüneburg sagt, war nicht die beste Voraussetzung. Doch in Haar bekam man das Problem in den Griff: "Wir haben den vorgesehenen Schwimmunterricht stark intensiviert. Zum Glück waren die Jungs von Natur aus sportlich und zeigten sich sehr geschickt, auch später im kommunikativen Umgang mit Badegästen", berichtet Bürgermeisterin Gabriele Müller.

Haar fand lange keinen Interessenten für die Stelle des Bademeisters

Der Entschluss, die beiden jungen Männer selbst auszubilden, rührte daher, dass man keine Bademeister gefunden hatte: "Einzig Rettungsschwimmer meldeten sich für den Job, aber keine ausgebildeten Bäderfachangestellten", erzählt die Personalabteilungsleiterin.

Auch in anderen Bereichen werden Kräfte gesucht. Der Gemeinde Haar etwa fehlt es an Landschaftsgärtnern und Fachinformatikern. In Brunnthal sieht es dagegen mit Blick auf den Hoch- und Tiefbau "zappenduster" aus, wie der dortige Bauamtsleiter sagt. Er vermisst ausgebildete Architekten, Bautechniker und Ingenieure - und die kann man nicht selbst ausbilden. Aber auch sonst stößt die Option, Personal selber auszubilden, an ihre Grenzen: In Brunnthal kann man keinen neuen Verwaltungsfachangestellten ausbilden, weil es im Rathaus an Mitarbeitern fehlt, um ihn zu schulen. Ähnlich ist es in Neubiberg. Dort kann erst 2017 wieder ein Auszubildender aufgenommen werden, weil die Gemeinde "personell so eng aufgestellt ist", wie es heißt.

Aus Afghanistan ins Schwimmbad: Der ehemalige Flüchtling Ali Abdullah Ahrar ist neuer Bademeister in Haar.

(Foto: Angelika Bardehle)

Die Schulung im eigenen Haus schafft Freiräume

Dabei lohnt es sich für Gemeinden, Lehrlinge einzustellen, wie die Erfahrung zeigt. Laut Wolfgang Walter aus dem Rathaus Ottobrunn erlaubt die Schulung im eigenen Haus, Berufsprofile "auf die Organe der Gemeinde abzustimmen". Die neue Stelle, die das Rathaus von September an vergibt, ist eine clevere Kombination von Fächern: Das "Büromanagement" koppelt IT-Expertise, rechtliche Kompetenzen und Verwaltungskenntnisse.

Für Azubis wiederum bietet eine Stelle bei der Gemeinde Vorteile: "Gut sind die geregelten Arbeitszeiten", findet der angehende Veranstaltungstechniker Ferdinand Schuhbeck. Von Kollegen aus der Berufsschule, die bei Privatunternehmen arbeiten, weiß er dagegen, dass diese sich komplett nach den Projekten ihrer Firmen richten müssen und auch mal kurzfristig ein Team ins Ausland begleiten. Schuhbeck kann sich daher vorstellen, nach der Ausbildung in Ottobrunn zu bleiben. Dabei dürfte auch das schöne Gefühl eine Rolle spielen, unangefochtener Technikexperte der Gemeinde zu sein.