KZ-Überlebender Martin Löwenberg In den Akten als "Kfz-Häftling" bezeichnet

Später, in den Achtzigern, trat er den Grünen bei, doch als die später zu weit nach rechts rückten, aus seiner Perspektive, verließ er sie. Konsequenz, wie Löwenberg sie versteht. Den Kontakt zu den Menschen innerhalb der linken Bewegung aber hat er immer gehalten. So wurde er zu einer Integrationsfigur, auch weit über die Szene hinaus achten sie ihn: Charlotte Knobloch würdigte ihn, die Stadt München zeichnete ihn mit der Medaille "München leuchtet" aus und die Liga für Menschenrechte verlieh ihm die Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Löwenberg hat sich vorgenommen, immer dort zu sein, wo Nazis marschieren. Diesem Vorsatz ist er treu geblieben. Das hat ihm zu gewisser Prominenz verholfen, auch deshalb, weil er dafür 2003 verurteilt wurde: Er hatte öffentlich dazu aufgerufen, sich den Neonazis in den Weg zu stellen, einem Marsch, den der später als Terrorist verurteilte Martin Wiese angemeldet hatte. Martin Löwenberg könnte jetzt schimpfen auf einen Staat, der sich gegenüber NS-Opfern nicht zu benehmen weiß. Aber er strahlt und sagt: "Da habe ich mich sehr gefreut." Diese Solidarität mit ihm nach dem Urteil und die vielen Spenden an ihn, um die Strafe auszugleichen.

Der Staat hat sich keinen Gefallen getan mit diesem Verfahren. "Der Angeklagte", so steht im Urteil, und es klingt wie Hohn, "hatte für sein Verhalten weder einen rechtfertigenden Grund noch einen entschuldigenden Anlass." Und die Münchner Polizei hat sich gar zum Gespött gemacht mit ihrer Schlampigkeit, weil sie in den Akten Löwenberg als "Kfz-Häftling" bezeichnete. Dieter Hildebrandt hat diese Passage in seine letzte Scheibenwischer-Sendung eingebaut.

Zu sehen ist diese Szene in dem Film, der an diesem Freitag auf dem Internationalen Dokumentarfilmfestival läuft: "Es kann legitim sein, was nicht legal ist", lautet der Titel, der die Maxime seines Protagonisten auf den Punkt bringt. Petra Gerschner und Michael Backmund haben Löwenberg über Jahre mit der Kamera begleitet.

Martin Löwenberg will ins Kino kommen am Freitag, wehe, die Gesundheit macht nicht mit, und am 11. Mai zur Gedenkfeier für einen Freund. Es wird dann genau 60 Jahre her sein, dass Philipp Müller tot ist, erschossen in Essen bei einer Demonstration von Zehntausenden gegen die Remilitarisierung. Löwenberg war auch dabei. Nie wird er vergessen, wie er der Mutter und der Ehefrau die Todesnachricht überbrachte. Fips war 21 und kurz zuvor Vater geworden. Das hat den jungen Löwenberg nur weiter bestärkt in seinem Ziel, gegen Gewalt und Krieg zu kämpfen. Müller war der erste Demonstrant, der in der Bundesrepublik durch Polizeigewalt zu Tode kam. In der DDR wurde er zum Helden, in Aubing begraben - und in der Bundesrepublik vergessen. Ein Kommunist eben.

Wie Martin Löwenberg. Auch er hat verloren, könnte man meinen, weil er immer am linken Rand stand und sein Traum vom Sozialismus so schnell nicht wahr werden wird. Dabei wäre er ja schon glücklich, wenn die Bundesrepublik nicht allzu oft vergessen würde, was ihre Gründer über die Würde des Menschen in das Grundgesetz geschrieben haben. Für Martin Löwenberg wird diese Würde allzu oft angetastet.

Ein Verlierer also? Nein, im Stüberl des Altenheims sitzt ein Gewinner. Der Mann hat Hitler und das KZ überlebt, ohne sich brechen zu lassen. Er hat mitgeholfen, dass die neuen Nazis nicht hoch gekommen sind. Bei all dem ist er warmherzig geblieben, man spürt es, wenn man ihm näher kommt. Mitstreiter berichten von einem heiteren Mann voller Witz, als wäre der nach unten wachsende Schnauzbart eine Tarnung. Brummbär hat ihn seine Frau genannt.

58 Jahre lang hatte Martin Löwenberg Josephine an seiner Seite. "Sie war eine gute Frau." Er muss nicht viele Worte machen. Sie waren füreinander da, als er eingesperrt war und die junge Mutter die Tochter versorgt hat. Sie verstand ihn, denn sie war auch Kommunistin. "Sie hat mich gebremst, wenn ich ohne Kopf durch die Wand wollte." Zuletzt hat er sie gepflegt und ist, als es nicht mehr anders ging, mit ihr ins Altenheim gezogen. Vergangenes Jahr ist sie gestorben. Er ist traurig, aber er lächelt, und sein Schnauzbart lächelt mit. "Sie fehlt mir schon sehr, mein Weiberl."

Der Film über Martin Löwenberg läuft am Freitag, 4. Mai, 19.30 Uhr beim Dokumentarfilmfestival im Atelier Kino, Sonnenstraße 12, München.

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