Dokumentation Versöhnliche Momente am Ort des schlimmsten Grauens

Das alte Tor war im Frühjahr gestohlen worden. Die Männer sangen gemeinsam in der jüdischen Gedenkstätte auf dem Areal.

(Foto: Tibor Bozi for History Channel)

Der Film "Die Befreier" begleitet, exakt 70 Jahre nachdem US-Soldaten das KZ Dachau erreichten, eine Gruppe ehemaliger Häftlinge und GIs in das Lager. Die Dokumentation kann aber nur einen Teil der Emotionen vermitteln, die dieser Moment mit sich bringt.

Von Susanne Hermanski

Seit mein Vater hier ist, isst er! Beim Frühstück hat er sich extra etwas vom Buffet nachgeholt. Das macht er sonst nie. Wir müssen ihn immer daran erinnern, dass er überhaupt etwas essen muss!" Alexandra Kaufmann strahlt übers ganze Gesicht, als sie auf Emanuel Rotstein zukommt. Der Regisseur hat etwas weiter hinten in dem großen Bus Platz genommen, der nun schwankend über die Fahrbahnrillen der Dachauer Straße stadtauswärts schaukelt. Im vorderen Teil erklingen Lieder. Es sind fröhliche Lieder, die Joshua, Alexandras Vater, und die anderen Männer und ihre Angehörigen da angestimmt haben.

Joshua, das ist einer von fünf Männern, die an diesem Tag zurückkehren nach Dachau. Zurück an jenen Ort, wo sie vor exakt 70 Jahren schon einmal aufeinander trafen: drei von ihnen als Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau, zwei als deren Befreier. Und während es den nichtjüdischen Deutschen im Bus Sprache und Atmen längst verschlagen hat, wirken die Fünf, zumindest äußerlich, unfassbar gelassen. Alle sind sie nun um die 90 Jahre alt. Alle hat sie der junge Münchner Regisseur Emanuel Rotstein ausgewählt als Protagonisten einer Dokumentation für den deutschen History Channel.

Rotstein verantwortet seit fünf Jahren die Eigenproduktionen des in München ansässigen Senders. Er war selbst überrascht, wie viele Zeitzeugen der Ereignisse der letzten Apriltage des Jahres 1945 in Dachau heute noch Auskunft geben können. Sowohl ehemalige Insassen als auch Veteranen der US-Armee hat er zu Dutzenden gefunden. Manche waren nach Kriegsende nie wieder in Deutschland gewesen. Konnten bis heute nicht über das Durchlittene sprechen.

Am Tag des Besuchs von Herman Cohn, Ben Lesser, Ernest Gross, Donald Greenbaum und Joshua Kaufman (v. r.) wurde das Ersatztor eingesetzt.

(Foto: Tibor Bozi for History Channel)

Unsägliche Qualen

Emanuel Rotstein hat für seinen Film, der an diesem Wochenende erstmals im Fernsehen zu sehen sein wird, Menschen wie Ben Lesser gewonnen. Der ist heute 86 Jahre alt. Ben, dessen Familie aus Krakau stammte, kam erst drei Tage vor der Befreiung des Lagers ins KZ-Dachau. Da hatte er gemeinsam mit seinem Cousin Isaac schon die unsäglichen Qualen des Todesmarschs von Auschwitz-Birkenau nach Buchenwald und von dort eine einmonatige Irrfahrt, gepfercht in den Güterzug nach Bayern, überlebt.

Während Isaac wenige Tage nach der Befreiung durch die US-Truppen an den Folgen der Unterernährung starb, hat Ben es geschafft. In den USA, wohin er als 18-Jähriger emigrierte, hat er sein Leben später der Erinnerung verschrieben. 2009 gründete er "Zachor", eine Stiftung zur Bewahrung des Andenkens an die Opfer des Holocaust: "Aber wir gehen längst auch darüber hinaus. Mit Vorträgen, Gesprächen und Beratungsangeboten gehen wir an Schulen, um dort gegen jeden Rassismus und Vorurteile zu wirken", sagt er.

Mit niemandem über das Erlebte gesprochen

Ernest Gross ist der Jüngste im Bunde, er war bei seiner Befreiung 16 Jahre. Beim Transport dorthin hatte ihm ein Wärter so massiv auf den Kopf geschlagen, dass er bis heute unter den Folgen leidet. Er beschreibt das so: "Durch den Schlag und die folgende Schwellung wurden in meinem Hirn manchen Verbindungen gekappt. Wenn Sie mir eine Zahl sagen, kann ich mir nichts darunter vorstellen. Ich muss sie aufschreiben. Wenn ich das Schriftbild dann lese, kommt ihr Wert bei mir an."

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Ernest Gross sprach bis zum Tod seiner Frau, die ebenfalls KZ-Überlebende war, mit niemandem über das Erlebte. "Nicht einmal mit ihr." Erst an ihrem Sterbebett wurde Ernest klar, wie wenig er deshalb mit ihr geteilt hatte. Er begann, Leidensgenossen zu suchen und stieß auch auf einen seiner Befreier: Donald Greenbaum, mit dem er seit 2012 befreundet ist. Beide Männer leben in Philadelphia; und auch Greenbaum (90) ist nun mit nach Dachau gereist.

Über Kilometer wehender Gestank der Leichen

Der zweite ehemalige US-Soldat im Bunde ist Herman Cohn. Er wurde 1921 in Essen geboren und konnte mit Teilen seiner Familie 1939 in die USA fliehen. Zurück nach Deutschland kam er vor allem, um von der Armee als Dolmetscher eingesetzt zu werden. Alle Männer erzählen vor Emanuel Rotsteins Kamera und Mikro, wie sie die letzten Tage vor der Befreiung des Lagers erlebt haben. Donald Greenbaum beschreibt den über Kilometer wehenden Gestank der Leichen, der von einem Güterwagen ausging, den die Soldaten vor Dachau zuerst gefunden hatten.

Und Joshua Kaufman ist es, der im Film die klarsten, die unbarmherzigsten Worte findet, für das, was im Lager selbst abgelaufen ist. "Ich habe überlebt, weil ich jeden Morgen zum Zaun gerannt bin. Dort hingen im Stacheldraht die Leichen derer, die es nicht mehr ausgehalten haben und die in der Nacht einfach in den elektrischen Zaun gerannt waren. Fast immer fand ich in deren Taschen noch ein Stück Brot oder irgendetwas Essbares. Es war verdreckt, manchmal mit Kot oder Urin. Aber ich habe es gegessen, und ich wusste: Diesen Tag werde ich überleben."

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Joshua Kaufman, der Sohn ultraorthodoxer Juden aus Ungarn, war damals 17 Jahre alt. Er ist ein großer Mann geworden. Mit seinen 87 geht er kerzengerade, auf dem Kopf eine Kappe, die er nie absetzt: "Das ist mein Markenzeichen, mit der kennen mich alle meine Kunden in Los Angeles", sagt er. Joshua arbeitet bis heute als Handwerker. Nach Dachau hat er neben Alexandra noch seine drei anderen Töchter mitgebracht.

Der Gesang verstummt

Als der Bus sich dem Gelände des KZs in Dachau nähert, verstummt der Gesang. Doch vor dem Tor stellen sich die Männer und ihre Angehörigen noch einmal zusammen und singen ein hebräisches Lied. Alle gehen schließlich festen Schrittes durch das Tor. Nur Herman Cohn ist auf einen Rollstuhl angewiesen, den Joshua schiebt. Für die Kamera des Fernsehteams gibt das bewegende Bilder, von denen schließlich nur ein Bruchteil ganz am Ende des Films zu sehen sein werden.

Trotzdem ist nichts davon vorher besprochen und inszeniert, wie sonst bei Dokumentarfilmen durchaus üblich. Nicht mal die Begegnung mit der italienischen Schulklasse, mit der die Männer schnell ins Gespräch kommen, hat Emanuel Rotstein bestellt. Die Klasse aus Florenz besteht aus jungen Burschen, die ziemlich genau in demselben Alter sind, wie Joshua und die anderen es vor 70 Jahren waren. Joshua und Ernest drücken jeden einzelnen der Jungs an ihre Brust, bevor sie sich von deren Fragen losreißen und weitergehen in Richtung des Krematoriums. Keiner der fünf erspart sich diesen Weg.

"Wir haben es überstanden"

Auf die Frage, wie sie das aushalten können, antwortet jeder der drei ehemaligen Häftlinge ganz ruhig und auf ähnliche Weise: "Wir sind hier. Wir haben es überstanden. Wir haben das Glück, zurückkehren zu können. Und das hätte ich damals nie für möglich gehalten. Das erfüllt mich mit ungeheurer Energie", sagt Joshua. Wie die Deutschen mit der Vergangenheit umgingen, das gefiele ihm sehr; dass sie das Geschehene nicht totschwiegen, dass sie Israel unterstützten, dass sie die Opfer ehren.

Die versöhnlichen Momente am Ort des schlimmsten Grauens sind tief berührend - doch ohne Scham bleiben sie nicht. Rund vier Stunden halten sich die Männer auf dem KZ-Gelände auf. Danach gehen alle zum Essen ins Restaurant, das zur Gedenkstätte gehört. Dafür hatten Rotsteins Leute doch versucht, vorher noch etwas zu arrangieren: koscheres Essen für die Orthodoxen aus der Gruppe. "Geht nicht", war die Antwort des Wirts. Joshua, Ernest und Ben gehen darüber mit einem Lächeln hinweg.

Die Befreier, 31. Mai, 22 Uhr, History auf Sky