Kultur Geiger im Netz von New Yorks Justiz

Musizierverbot: Solange die Rechtslage nicht klar ist, darf Stefan Arzberger nicht öffentlich auftreten.

(Foto: Henner Kaiser)

Stefan Arzberger wird versuchte Tötung vorgeworfen, doch seit August ist der Prozess ins Stocken geraten. Nun gibt es ein Benefizkonzert für ihn.

Von Rita Argauer, München/New York

Im Januar zerschlug sich die Hoffnung für Stefan Arzberger binnen zweier Minuten. Dabei hofft der Leipziger Geiger, der nun seit fast einem Jahr in New York auf seinen Prozess wartet, derzeit nicht einmal auf einen Freispruch.

Der Musiker hofft schlicht darauf, dass der Prozess endlich eröffnet wird, dass die Anklage erhoben wird und dass sich endlich etwas bewegt in seiner Situation. Er nennt sie "Limbo". Das sagen die Amerikaner zu Situationen, in denen kein Anfang und kein Ende erkennbar ist. Solche Sachen hat Arzberger in New York gelernt, seit er dort in diesem Zwischenzustand lebt, nachdem er im vergangenen März verhaftet worden war.

Seit August passiert nicht

Natürlich gibt es regelmäßig Hearings, also Anhörungen, vor Gericht. Das im Januar dauerte zwei Minuten. Man wartet auf die Vorlage eines psychologischen Gutachtens - so lange das nicht geschieht, geschieht nichts. Seit August wartet Arzberger darauf, schon im Sommer hatte er mit Psychologen gesprochen. Eine Begründung für die Verzögerung gibt es nicht. Das nächste Hearing ist am 23. Februar. "Es passiert nichts", sagt Arzberger, wenn man ihn nach seinem Leben in New York fragt.

Dafür aber in München. Da haben sich Dirigent Hansjörg Albrecht, dessen Münchener Bach-Chor und das Münchener Bachorchester mit der Sopranistin Christiane Oelze, der Geigerin Lena Neudauer und diversen Musikern aller großen Münchner Orchester zusammengetan, um für Arzberger zu spielen. Das Programm könnte nicht passender sein: "Aus der neuen Welt", Dvořáks neunte Symphonie.

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Doch so wie es für Arzberger in New York nicht absehbar ist, wann diese Situation endet, so ist auch der Anfang seines Dilemmas nicht mehr sichtbar für ihn. Seine Erinnerung beginnt wieder, als er sich am frühen Morgen des 27. März 2015 in Handschellen im Hudson Hotel in Midtown wiederfindet. An diesem Abend hätte er, Primarius des Leipziger Streichquartetts, mit dem Ensemble in New York auftreten sollen. Den Abend davor hatte er frei.

Vom Opfer zum Täter

Was in dieser Nacht passiert ist, erzählen die Überwachungskameras des Hotels zumindest zum Teil: Arzberger betritt kurz vor vier Uhr nachts die Lobby, in Begleitung einer Frau, die sich später als Transvestit herausstellen wird. Eine gute halbe Stunde später sieht man diese Person das Hotel verlassen - unterm Arm Arzbergers Tablet-Computer, anschließend versucht sie, mit den Kreditkarten des Geigers Geld abzuheben. Ein Raubdelikt, der Geiger ist ein Opfer. Bis jetzt.

Am Morgen gegen halb acht Uhr sieht man Arzberger nackt durch die Hotelflure schlurfen, wahllos an Zimmertüren klopfend, bis ihm eine ältere Dame namens Pamela Robinson öffnet. Daraufhin beginnt er, die 64-Jährige zu würgen, bis der Sicherheitsdienst ihn stoppt. Die Polizei verhaftet ihn.

Das ist der Moment, in dem Arzbergers Bewusstsein zurückkehrt - daran kann er sich erinnern. An die Vorfälle zuvor, an die ganze Nacht, nicht. Der Vorwurf lautet: Mordversuch. Eine Zivilklage des Opfers auf Schmerzensgeld kommt hinzu. Nach 30 Stunden ist Arzberger gegen eine Kaution von 100 000 US-Dollar frei. Doch er darf New York nicht verlassen. Und er darf seinen Beruf nicht mehr ausüben. Er ist zur Untätigkeit verdammt. Limbo. Eine Situation, die zudem auch noch eine ganze Menge Geld verschlingt.

"Das ist sehr frustrierend"

In der Lobby des Hotels Vier Jahreszeiten in München sitzt Monika Henschel. Die Bratscherin ist Präsidentin des Verbandes Deutscher Streichquartette. Und sie gehört zum inneren Kern eines Unterstützerkreises, der sich aus Musikern, Wirtschafts- und Privatleuten aus ganz Deutschland gegründet hat. "Sie ist einer dieser Engel", sagt Arzberger in New York am Telefon. "Wer Stefan kennt, weiß, dass er bei vollem Bewusstsein niemals zu so einer Tat in der Lage wäre", sagt Henschel in München.

Da aber die amerikanischen Richter und Staatsanwälte Arzberger eben nicht kennen, muss bewiesen werden, dass Arzberger bei seinem Gewaltausbruch nicht bei klarem Verstand war. Und das kostet in den USA Geld, viel Geld. "Das Rechtssystem in den USA ist ein anderes", sagt Henschel, "das ist sehr frustrierend".

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Etwas frustriert wirkt auch Rainer Ohler. Der Sprecher der Unternehmensgruppe Airbus gehört auch zu Arzbergers Supportern. Seit dieser mit dem Leipziger Streichquartett kurz nach der Fukushima-Katastrophe in Japan gespielt hatte, zollt Ohler, der diese Reise, die damals kaum ein deutscher Musiker antrat, mit seinem Unternehmen gesponsert hat, dem Musiker Respekt. "Es ist das Mindeste, ihn jetzt in dieser Situation zu unterstützen", sagt Ohler.

Doch die Situation ist vielschichtig. Ohler und Henschel sind überzeugt davon, dass Arzberger unter Drogen stand, als er die Frau angriff. Unfreiwillig. K.-o.-Tropfen sollen ihn ausgeknockt haben, ein Rausch, der "auch die Persönlichkeit verändern kann", sagt Henschel. Das hat sich der Unterstützerkreis von Florian Eyer, Professor für Toxikologie am Klinikum rechts der Isar, bestätigen lassen.