Kultur des Erinnerns Die Stelen müssen weichen

Stadtrat entscheidet einstimmig, dass die Gedenk-Installation für NS-Widerstandskämpfer noch zwei Jahre am Platz der Freiheit stehen bleiben darf. Danach sollen dort andere Kunstaktionen stattfinden

Von Sonja Niesmann, Neuhausen

Die Erinnerung hat jetzt ein Ablaufdatum. Zwei Jahre noch können die Stelen am Platz der Freiheit in Neuhausen stehen bleiben, dann müssen sie abgebaut werden. So hat es der städtische Kulturausschuss in seiner Sitzung am Donnerstagnachmittag einstimmig und ohne jegliche Diskussion beschlossen. Eine Arbeitsgruppe um den Künstler Wolfram Kastner hat die zwölf weißen Stelen mit Fotos und Kurzbiografien von 13 Menschen, die sich in den Jahren der nationalsozialistischen Diktatur gegen Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit gewehrt und das teils mit ihrem Leben bezahlt haben, konzipiert. Im Juni 2016 wurden sie aufgestellt, in Nachbarschaft zu einem Granitstein, der ebenfalls an die Opfer des Regimes erinnert.

Die Gedenkstelen am Platz der Freiheit sind ein Hingucker.

(Foto: Stephan Rumpf)

Schon bei der Einweihung äußerte Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten und CSU-Landtagsabgeordneter, den Wunsch, die ursprünglich bis Oktober 2017 befristete Installation dauerhaft am Platz zu belassen. Auch in der Neuhauser Bürgerversammlung im November vergangenen Jahres fand ein entsprechender Antrag eine Mehrheit.

Die Stelen veranlassten Passanten zum Stehenbleiben und zur Beschäftigung mit dem Thema Widerstand, lautete die Begründung, so werde der wenig wahrgenommene Platz der Freiheit endlich seiner Bedeutung gerecht. Die SPD im Neuhauser Bezirksausschuss wollte das einen Monat später auch in einen Beschluss gießen lassen, es fand sich aber nur eine Mehrheit für eine zweijährige Verlängerung.

Ein Team um Wolfram Kastner hat die Gedenkstelen konzipiert.

(Foto: Stephan Rumpf)

Die befürworten auch die Kultur-Stadträte. Dann aber soll die Gedenk-Installation, die das Kulturreferat mit 14 000 Euro gefördert hat, Platz machen für weitere "wechselnde Kunstinterventionen um das vielfältige Thema Freiheit". Die unlängst etwas verschönerte Grünfläche am Platz der Freiheit könne so "gemäß ihrer Benenennung ein Ort für demokratisches Selbstbewusstsein" werden.

Die Argumentation gegen eine dauerhafte Installation ist zweigleisig angelegt. Zum einen dürfe sich das wichtige Gedenken nicht auf 13 Personen beschränken. Die Widerstandsforschung habe in jüngster Zeit immer wieder neue Akteure bekannt gemacht, denen man beim Gedenken gerecht werden müsse. Zum anderen müssten an die Qualität eines Kunstwerks im öffentlichen Raum "höchste Anforderungen" gestellt werden. Da der Auftrag für ein Kunstwerk oder ein Denkmal im öffentlichen Raum oftmals "den Höhepunkt des eigenen Schaffens" für einen Künstler darstelle, sei die Stadt darauf bedacht, die jeweiligen Künstler über einen Wettbewerb sorgfältig auszuwählen.

Aus der Sicht von Kastner und seinem Team, zu dem auch Ernst Grube gehört, ist diese Argumentation nicht nur "sehr verschwurbelt", sondern auch nicht stichhaltig. Bei diesem Widerstandsdenkmal gehe es keinesfalls um "den Höhepunkt des eigenen Schaffens" eines Künstlers und auch nicht um einen "unspezifischen Freiheitsbegriff", sondern um die konkrete, öffentliche Würdigung von Personen, die Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. "Wir sind in unserem Konzept von Anfang an davon ausgegangen, dass nicht nur die derzeit geehrten 13 Personen dort gewürdigt werden, sondern dass die Tafeln nach einer zu bestimmenden Zeit immer wieder mit Porträts und Biografien anderer Personen des Widerstands gegen die Nazis in München ausgetauscht werden" - in Zusammenarbeit mit dem NS-Dokumentationszentrum übrigens, teilt die Arbeitsgruppe mit.