Kroetz-Uraufführung am Cuvilliés Pornographie des Grauens

Ein Stück über die Tosa-Klause und das Martyrium des kleinen Pascal: Mit "Du hast gewackelt" testet Franz Xaver Kroetz in München die Grenzen des Erträglichen im Theater aus - und gewährt einen Blick in Abgründe, die man kaum aushalten kann.

Von Egbert Tholl

Vor mehr als zehn Jahren wurde der fünfjährige Junge Pascal aus Saarbrücken ermordet. Auch wenn man wohl die genauen Umstände seines Todes nie mehr wird feststellen können, so entstand im späteren Gerichtsprozess doch das Bild eines Martyriums, das der Junge durchlitten haben soll.

Uraufführung Franz Xaver Kroetz-Stück im Cuvilliés-Theater von "Du hast gewackelt". (von links: Ulrike Willenbacher, Manfred Zapatka, Lukas Turtur, Franz Pätzold, Gerhard Peilstein und Katharina Schmidt bei einer Fotoprobe.)

(Foto: dpa)

Er soll über einen längeren Zeitraum vergewaltigt worden sein, eine Vielzahl von Männern haben befriedigen müssen, mit der Hand, mit dem Mund, mit seinem Körper. Als Tatort galt lange das Hinterzimmer einer Kneipe in Saarbrücken, in dem der Junge missbraucht worden sei, für 20 Mark pro Penetration, kassiert angeblich von der Wirtin. Ob all das wirklich geschehen ist, ließ sich nie beweisen. Zeugenaussagen erwiesen sich im Prozess als unbrauchbar. Die Angeklagten wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen, im Jahr 2009 wurde die Akte endgültig geschlossen.

Eineinhalb Jahre nach den Vorgängen um Pascal schrieb Franz Xaver Kroetz darüber ein Stück, das niemand haben wollte. Erst jetzt erfuhr "Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind", das seit 2004 als Buch vorliegt, seine Uraufführung, im Cuvilliés-Theater des Münchner Residenztheaters.

Die Ablehnung seines Stücks war für Kroetz letztlich der Anlass, das dramatische Schreiben aufzugeben. Er fing an, darüber nachzudenken, "ob es überhaupt noch Sinn macht zu schreiben, wenn es keiner haben will". Vor der Münchner Premiere beschied er dem Residenztheater, man solle den Text behandeln wie den eines toten Autors, also ohne jegliche Kommentierung durch den Dichter selbst; denn das Theater sei ihm ziemlich weggestorben, und "ich bin ihm wohl auch weggestorben".

"Albtraumartig dicht alles, nichts Realistisches"

Tatsächlich schrieb Kroetz nach "Du hast gewackelt" nur noch ein Stück, eine zweiteilige, von naiver Entrüstung angefeuerte Abrechnung mit dem Fernsehen. Dieses "TV-Massaker" wurde 2006 im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels, welches nun unter Intendant Martin Kušej nicht nur im Volksmund, sondern offiziell Residenztheater heißt, uraufgeführt.

Nun gehört das dampfend-grantige Sinnieren über das eigene Verstummen seit den achtziger Jahren zum Dichter Franz Xaver Kroetz, und für die Öffentlichkeit scheint, was dessen künstlerisches Handeln betrifft, inzwischen längst die Frage wichtiger zu sein, weshalb er nicht noch einmal den Baby Schimmerlos gespielt hat, in Helmut Dietls "Zettl"-Film. Gleichwohl meinte Kroetz über "Du hast gewackelt", besser könne er nicht schreiben, und dieser Aussage wohnt eine gewisse Wahrheit inne. Das Stück wirkt beim Lesen und auf den Zuschauer ebenso widerwärtig, wie es die Vorgänge sind, von denen es handelt. Die nach der Münchner Premiere entscheidende Frage ist nur: Ist diese Widerwärtigkeit notwendig für die künstlerische Aussage oder nicht?

Es dürfte Kroetz klar gewesen sein, dass er mit seinem Text die Grenze des Erträglichen im Theater auf jeden Fall berührt, wenn nicht gar überschreitet. Auf den ersten drei der insgesamt 22 Seiten beschreibt er minuziös den Raum einer versifften Kneipe in Bahnhofsnähe, beschreibt jeden Heizkörper und jedes Senffass und lässt darüberhinaus keinen Zweifel daran, wie er sich die Umsetzung des Stücks vorstellt: "Albtraumartig dicht alles, nichts Realistisches."

Ihm schwebt in der Beschreibung eine Art Höllen-Karussell vor, in dem sich die Tische drehen und man im Hintergrund zu- und absteigen kann. Daneben schildert er mit Akribie, wie sich die Menschen in diesem Ort verhalten, ihren "Sexual-Hospitalismus", schildert das stumme Tun der gehbehinderten Wirtin Wally und ihres weiblichen, völlig verblödeten Faktotums Elfi. Eine Zeitlang glaubt man beim Lesen, es würde hier überhaupt nicht mehr gesprochen werden, ähnlich wie in Kroetz' "Wunschkonzert".

Viele Motive wirken, als kämen sie direkt aus den Prozessakten. Und tatsächlich führen die fünf Männer, wenn sie endlich zu sprechen beginnen, Reden wie Verteidigungsreden vor Gericht. Die Männer bilden auch einen Chor: Jede Erzählung wird vom Kollektiv aufgegriffen, die Ausrede jedes Einzelnen wird zum Argument der Horde. Er habe so süß gelächelt, so verführerisch, er wollte immer Geld, wollte immer mehr, er konnte ja sagen, wenn es weh tut. Man sei doch mit dem Jungen in den Zoo gegangen, zu McDonald's, habe ihm sogar ein Playmobil-Piratenschiff für 79,99 Mark (ermäßigt) gekauft. Und man habe ihm doch gesagt, das sei sein Geld, er dürfe es nicht der Wirtin geben. Jeder wollte den Jungen für sich; vielleicht war der Mord letztlich einer aus Eifersucht.

Der schmale Grat, den der Dramatiker Kroetz hier beschreitet, wird umso gefährlicher, je mehr er das Grauen mit einer Kapitalismus-Kritik verknüpft. Hier sprechen nur die Täter, sie geben in ihren Reden die Worte Pascals wieder, so wie sie sie gehört haben wollen. Diese Täter sind alle völlig heruntergekommen, 20 Mark für eine Vergewaltigung sind für sie viel Geld. Deshalb reden sie davon. Nicht nur als Ausrede fürs eigene Tun. Und sie schildern im Detail, was sie taten. Das ist einerseits eine Pornographie des Grauens, andererseits ein Blick in Abgründe, den man kaum aushalten kann.

Die junge und sicherlich beherzte Regisseurin Anne Lenk begeht nun im Cuvilliés-Theater einen Kardinalfehler. Sie verzichtet völlig auf den von Kroetz so ausführlich gezeichneten dämonischen Hyperrealismus und stellt die Darsteller der verwahrlosten, teils infantilen Figuren auf eine völlig leere, später geflutete, von Metallwänden umgebene Bühne. Die Argumente der Täter, ihre Entschuldigungen werden also nicht mehr in dem Umfeld vorgebracht, in dem sie entstanden sind; sie erhalten im leeren Raum, unbeabsichtigt wohl, eine merkwürdige Objektivität. Das Requiem für ein totes Kind schlägt um in eines der Täter. Es ist kaum auszuhalten. Und doch ist es wahr. Aber nur aus Sicht der Täter. Das ist brutal. Unerträglich.

Korrektur: In "Pornographie des Grauens" wurde in der Rezension der Uraufführung des Theaterstücks "Du hast gewackelt" von Franz Xaver Kroetz am Residenztheater München behauptet, die Angeklagten im Prozess um die Vorgänge in der Tosa-Klause und das Verschwinden des Jungen Pascal seien "Täter" und es habe im Prozess "keinen Schuldspruch" gegeben. Das ist falsch. Richtig ist, dass die Angeklagten aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurden, mithin auch nicht als "Täter" bezeichnet werden können. Wir haben die entsprechenden Passagen korrigiert.