Krise im Kreißsaal In München gibt es immer mehr Geburten - aber zu wenig Hebammen

Gegenläufige Entwicklung: Während immer mehr Babys in München zur Welt kommen, haben Hebammenverbände Nachwuchssorgen und Geburtshilfen in Kliniken schließen.

(Foto: Robert Haas)
  • In München kamen im vergangenen Jahr so viele Babys zur Welt wie noch nie.
  • Dadurch steigt auch die Nachfrage nach Hebammen.
  • Gleichzeitig sorgen sich die Hebammen um den eigenen Nachwuchs: Die Bewerberzahlen sind deutlich zurückgegangen.
Von Toni Wölfl

Die Stadt hat wieder ein Rekordjahr hinter sich. So viele Neugeborene wie nie kamen 2016 hier zur Welt. Allein 18 107 echte Münchner Kindl, aber auch mehrere Tausend Babys, deren Mütter aus Ottobrunn, Erding oder Abu Dhabi zur Entbindung nach München gekommen sind. Gute Zeiten für Hebammen, könnte man meinen. Doch die Realität der Geburtshelferinnen sieht anders aus. Feste Stellen an Kliniken sind schlecht bezahlt, selbständige Hebammen klagen über hohe Versicherungsbeiträge. Das schreckt viele ab. Die Hebammen sorgen sich um den eigenen Nachwuchs.

"Die Bewerberzahlen sind deutlich zurückgegangen, von 1000 Bewerbungen im Jahr 2007 auf 250 Bewerbungen dieses Jahr", sagt die Leiterin der einzigen Münchner Hebammenschule, Marianne Kerkmann. "Darunter sind viele Mehrfachbewerbungen, das heißt, die interessierten Frauen bewerben sich gleichzeitig an Schulen in verschiedenen Orten." Noch genügt die Mittlere Reife für die Zulassung, doch von 2020 an setzt eine EU-Richtlinie das Fachabitur voraus. Kerkmann hofft, dass die Hebammenausbildung dann an die Hochschulen verlagert wird wie in anderen EU-Ländern und Bundesländern.

Geburtshilfe in höchster Not

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Jedes Jahr treten an der Staatlichen Berufsschule 20 Frauen die Ausbildung an. "Aber nicht wenige Schülerinnen brechen ab, weil sie sich die Arbeit so nicht vorgestellt hatten", sagt Astrid Giesen, Vorsitzende des Bayerischen Hebammenverbands. "Der Hebammenmangel ist massiv. Und das wird in den nächsten zehn Jahren noch schlimmer." Ein großer Teil der aktiven Geburtshelfer sei zwischen 50 und 60 Jahre alt, sagt Giesen. Gehen sie in Rente, drohe ein Kollaps in den Kreißsälen.

Schon heute müssen Schwangere in München früh dran sein, um eine Hebamme zu finden. "Am besten sollten sie sich sofort melden, wenn sie erfahren, dass sie ein Kind bekommen", rät Zahra Shabani. Die freiberufliche Hebamme hat seit 1999 mehr als 5000 Schwangere begleitet. Mit sechs Kolleginnen arbeitet sie in einer Praxis, in der pro Jahr rund 750 Frauen vor und nach der Entbindung betreut werden. "Unsere Kapazität ist ausgeschöpft. Die Nachfrage steigt, aber die Hebammen werden immer weniger."

Das Gesundheitsreferat geht von 400 freiberuflichen Hebammen in München aus. Ihre Zahl sei in den vergangenen Jahren zwar leicht gestiegen, sagt Astrid Giesen vom Berufsverband. "Aber nicht das Leistungsangebot. Das heißt, immer mehr Hebammen arbeiten nur in Teilzeit." Und viele beschränken sich auf Wochenbettbetreuung.

Die Kosten für die Haftpflichtversicherung belasten die Hebammen

"Immer weniger leisten Geburtshilfe", beobachtet auch Claudia Lowitz, die seit 1997 freiberuflich in einer Hebammen-Praxis in der Innenstadt arbeitet. Das habe auch mit der Haftpflicht zu tun. "Wenn bei der Geburt eines Säuglings etwas schief geht, dann ist das am Anfang eines Menschenlebens", sagt Lowitz. "Da kommen im Laufe der Jahrzehnte schnell Millionenbeträge für die Pflege zusammen." Entsprechend hoch liegen die Beiträge für die Haftpflichtversicherung. 7595 Euro pro Jahr, rechnet der Verband vor.

Damit Hebammen das nicht alleine stemmen müssen, hat Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sie mit einem Gesetz entlastet. Dank des sogenannten Sicherstellungszuschlags bekommen Hebammen von den Krankenkassen bis zu 70 Prozent der Beiträge zurück. Dieser Bonus sorgt wiederum für Unmut bei den Frauenärzten, die sich benachteiligt fühlen. Sie hätten gerne die gleiche Unterstützung. "Belegärztlich tätige Frauenärzte erhalten für die Betreuung einer Geburt etwa 200 Euro und müssen hohe fünfstellige Beträge für ihre Haftpflichtversicherung bezahlen", sagt der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring. Neueinsteiger gebe es praktisch keine mehr. Zu kostspielig sei allein schon die Praxisgründung.