Betreuungsplatz-Suche in München "Man prostituiert sich"

Alles andere als kinderleicht: Von August an hat jede Familie Anspruch auf einen Betreuungsplatz. Über ein halbes Jahr hat die SZ sechs Betroffene begleitet - und sie schildern lassen, was sie erleben müssen beim Kampf um einen freien Platz.

Protokolle. Von Katja Riedel, Petra Fröschl, Kassian Stroh

Pia Turbanisch, Mutter von Liam, 1, und Jakob, 7, aus München im März:

Familie Turbanisch

"Ich habe Liam in der ersten Krippe angemeldet, da war ich in der sechsten Woche schwanger. Ich war bei acht städtischen Krippen im Umkreis. Als er auf der Welt war, bin ich zu allen Elterninitiativen in der Gegend gegangen. Einen Platz haben wir immer noch nicht. Das Westend ist sehr kinderreich, die Situation sehr schwierig. Von dreien haben wir schon eine Absage: weil Geschwister bevorzugt werden, weil Alter oder Geschlecht nicht passen. Hier gibt es auch eine private Krippe direkt ums Eck, aber der Platz von 8 bis 14 Uhr kostet 800 Euro. Da bräuchte ich nicht arbeiten gehen.

Im Mai läuft meine Elternzeit aus, Ende April bekomme ich erst Bescheid, ob ich einen Platz bei der Stadt bekomme. Ich bin Sozialpädagogin und würde gern wieder arbeiten, es gibt en masse Stellen, aber mir sind einfach die Hände gebunden. Ich habe zwar meine Mutter in der Nähe, die möchte aber auch nicht Vollzeit eingespannt werden. Ich möchte arbeiten, einfach das anwenden, was ich gelernt und studiert habe. Und ich will auch wieder aus diesem Kinder-Küche-Kirche-Kreis raus. Mit dem Hortplatz unseres Sohnes Jakob, der in die erste Klasse geht, war es genauso schwierig.

Ich habe erst überall Absagen bekommen, aber dann, weil ein Kind weggezogen ist, doch noch Glück gehabt. Man sagt ja nicht: Hallo, ich habe ein Kind und will zu euch kommen, sondern man bewirbt sich regelrecht. Man muss sagen, wer man ist, wie man sich einbringen kann. Einer Elterninitiative, die umzieht, mussten wir versichern, mitzustreichen und Möbel aufzubauen. Man sagt: Klar, ich mache alles, ich kann alles, nur damit man eine Chance hat. Man prostituiert sich.

Das kostet alles viel Zeit: Etwa alle zwei Wochen schreibe ich pro Einrichtung eine E-Mail, und wir rufen an. Immer schön abwechselnd, Mann und Frau, damit man merkt, der Vater interessiert sich auch. Man will ja nichts falsch machen. Bei einer Krippe haben wir ein Riesen-Geschenkpaket mitgebracht, mit Schaufeln für die Kinder und Süßigkeiten für die Erzieher. Wir waren kurz davor, noch einen 50-Euro-Schein reinzulegen, aber dann habe ich gesagt, jetzt ist Schluss. Wir haben auch Karten aus dem Urlaub geschrieben: Hallo, hier ist der Liam, ich freu mich auf euch! Man macht viel."

Mai:

"Bis vor einigen Wochen hatte ich noch eine kleine Hoffnung, doch bald wieder in meinem Beruf arbeiten zu können, als Diplom-Sozialpädagogin. Aber jetzt habe ich auch von den sieben städtischen Krippen, bei denen ich Liam angemeldet hatte, eine Absage bekommen. Die vielen Eltern-Kind-Initiativen und bezahlbaren Krippen von freien Trägern in unserer Umgebung hatten uns da schon längst ihre Ablehnungen zugeschickt. Ich muss also, abgesehen von meinem 450-Euro-Job, den ich einen Tag die Woche habe, weiter zu Hause bleiben.

In der ambulanten Intensivpflege betreue ich da ein behindertes Kind. Das ist einfach nicht das, was ich mir vorgestellt habe und was meiner Ausbildung entspricht. Wenn ich weg bin, hilft meine Mutter aus. Ansonsten muss ich die Arbeit aufs Wochenende legen. Das finde ich schon deshalb schade, weil mein Mann ab Juni als Arzt keine Wochenenddienste mehr macht und ich mich schon gefreut hatte, dass wir endlich gemeinsame Familienwochenenden haben werden. Ich habe jetzt zufällig per Mundpropaganda erfahren, dass es bei der Stadt eine Beratungsstelle geben soll. Da werde ich mich melden, schon zwei halbe Tage würden mir viel bringen. Aber irgendwie habe ich mich inzwischen damit abgefunden, dass das nichts mehr wird.

Einen Platz in einer privaten für 800 Euro, das will ich nicht, da arbeite ich ja nur für die Krippe. Ich rudere gerade innerlich zurück. Mein Mann macht also Karriere, während ich zwar nicht auf Null zurückfahre, aber doch ein paar Stufen zurück steige. Dabei geht es mir gar nicht um Karriere, ich will einfach nur arbeiten und trotzdem Kinder haben. Man fühlt sich schon alleingelassen. Es ist nach wie vor ein Kampf. Soll man noch mehr machen? Nein, ich will mich nicht mit einem Plakat vor die Kita stellen und betteln: "Nehmt mich doch!" Ich muss mich jetzt arrangieren. Und ich bin nicht allein: In Liams Krabbelgruppe haben von zwölf Kindern nur zwei einen Platz bekommen. Richtig perplex war ich, als ich erfahren habe, dass wir nicht mal das Betreuungsgeld bekommen werden. Liam ist nämlich vor dem Stichtag, dem 1. August 2012, geboren worden. Wir gehen wieder leer aus. Und hier geht es mir nicht um die 100 Euro, sondern ums Prinzip."