Kreativtrainer "Messi läuft mit dem Ball am Fuß so, als hätte er keinen Ball am Fuß"

Der Kreativtrainer Matthias Nowak möchte erreichen, dass Sportler sehr viele Bewegungen unterbewusst ablaufen lassen.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Matthias Nowak will, dass Fußballer den Ball vergessen. Darum lässt er sie hüpfen und klatschen. Die Damen des FC Bayern wurden mit seiner Hilfe Meister. Jetzt ist er international gefragt.

Von Philipp Crone

Das, was der Mann auf dem Parkplatz des FC Bayern da gerade vorturnt, soll schwierig sein? Matthias Nowak trägt einen grauen Trainingsanzug, blondes, schulterlanges Haar und macht sich bereit für die Übung. Dann springt er in kurzen Hopsern nach vorne, gleichzeitig boxt er mit den Armen nach oben, mal zur Seite, klatscht über dem Kopf die Hände zusammen oder hinter dem Rücken und ruft dabei "Drei, fünf, vier, sechs".

Das, was der 51-jährige frühere Techniktrainer des FC Bayern da macht, ist nicht schwierig. Es ist unmöglich.

Im ersten Moment zumindest, wenn einer seiner Spieler aus den Jugendmannschaften an der Säbener Straße oder Spielerinnen von der Frauenmannschaft die Übung versucht. Rechnen und alle vier Gliedmaßen gleichzeitig unterschiedlich bewegen, nach einer bestimmten Vorgabe. In diesem Fall: Jede Armbewegung ergibt beim Zählen plus zwei, jedes Klatschen minus eins, dabei bewegen sich die Beine wie die der Pferde beim Dressurreiten, die Übung heißt Horse Jump.

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Und was soll das jetzt für einen Fußballer bringen? Nowak kennt diese Frage nur zu gut. Seine Kunden kennen aber auch die Wirkung seiner Arbeit nur zu gut. Bis November war sein Kunde der FC Bayern, derzeit verhandelt er mit Clubs der Premier League, die ihn engagieren möchten.

Dass er gefragt ist, dieses Gefühl ist für Nowak relativ neu. Ihn begleiteten sein ganzes Berufsleben lang vor allem Skepsis und Ablehnung. Aber er hat auch positive Erfahrungen gemacht, zuletzt vier Jahre bei der Frauenmannschaft des FC Bayern, die Deutscher Meister geworden ist. Der Mann, der ein wenig an Campino von den Toten Hosen erinnert, nur mit blonder Mähne, schaut bei solchen Fragen ein ganz kleines bisschen betroffen.

Schon wieder Zweifel, denkt er sich wohl. Und gleichzeitig lächelt er, denn nach Jahrzehnten als Techniktrainer, mit Erfahrungen aus Brasilien, Workshops auf der ganzen Welt und immer mehr Unterstützung aus der Wissenschaft ist er nun selbstbewusst genug, um zum Beispiel Sätze zu sagen, wie: "Gehirntraining wird sich etablieren." Oder auch Kritik an fundamentalen Elementen des Fußballs zu üben: "Fünf gegen zwei ist im Grunde keine sinnvolle Übung." Er wird das gleich noch erklären. Man muss mit dem Mann im Trainingsanzug nur ein paar Minuten auf dem Parkplatz stehen, um zu verstehen, wovon er spricht.

Autofahrer dürfen auch nicht überlegen: Jetzt kuppeln oder schalten?

Nowaks Grundidee ist einfach: Der Kopf muss in Sachen Bewegung und Körperkoordination überfordert werden, damit er lernt und die Körperkoordination besser wird. Nowak sagt dazu: "Ich will erreichen, dass bei allem, was man mit dem Ball am Fuß macht, möglichst wenig Lichter im Kopf angehen. Die Hirn-Kapazitäten kann ein Spieler besser verwenden, um richtige Entscheidungen in Spielsituationen zu treffen."

Je mehr Bewegungen unterbewusst automatisch ablaufen, desto mehr Bewusstsein hat der Sportler zur Verfügung, um richtig zu reagieren. Ein Autofahrer darf in einer brenzligen Situation auf der Straße ja auch nicht bewusst daran denken müssen, ob er erst die Kupplung tritt oder den Schalthebel bewegt. "Messi läuft mit dem Ball am Fuß so, als hätte er keinen Ball am Fuß." Also muss das Bewegungsgehirn trainiert werden, wie ein Muskel beim Krafttraining, bis an den Rand der Überforderung. Nur dann wächst der Muskel. Oder wie es der frühere Dortmunder Trainer Thomas Tuchel formuliert hat: "Eine Übung muss Stress erzeugen."

Deshalb ist ein Fünf-gegen-zwei auch nicht sinnvoll, sagt Nowak. Wenn es für den Spieler etwas bringen soll, müsste man die Übung erschweren. "Zum Beispiel kann man eine Zusatzregel aufstellen: Der Ball darf bei diesem Ein-Kontakt-Spiel immer nur in der Reihenfolge rechts, rechts, links gespielt werden." Der erste Spieler kickt mit rechts, der zweite auch, der dritte muss den Ball mit links weiterspielen. Alle müssen pausenlos mitdenken, bewusst ihre Position zum Ball immer wieder korrigieren, und dabei zählen. Ihr Kopf wird gefordert, überfordert. Nowak kennt diese Momente von seinen Sportlern - wenn sie überfordert sind, dann einen Ehrgeiz entwickeln. Und nach einer Zeit mit den Übungen, die immer schwieriger werden, weil immer mehr Regeln dazu kommen, merken sie im Spiel, wie sie besser spielen. Wie besser? Gleich. Der Reihe nach, sagt Nowak. Auch das ist eine wichtige Regel beim Gehirn- und Techniktraining.

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Nowak hat zum November seinen Vertrag beim FC Bayern aufgelöst, weil er es jetzt im Männerprofifußball wissen will, derzeit laufen Gespräche mit englischen Vereinen. Jeder Club sucht Ressourcen und Bereiche, mit und in denen die Spieler noch besser werden können. Nowak hat klare Vorstellungen, wie sich der Fußball entwickelt hat, und vergleicht ihn gerne auch mit anderen Sportarten wie etwa Basketball. Fußball kommt da oft nicht so gut weg - obwohl er ihn so liebt.

Nowak stammt aus Hagen in Nordrhein-Westfalen. Als Kind hat er nichts anderes gemacht, als Fußball zu spielen. "Ich war der Einzige in meiner Klasse, der im Trainingsanzug und mit Ball unter dem Arm in die Schule kam." Er war gut, sechs Stunden pro Tag auf dem Bolzplatz, auf der Straße, wurde Jugendbundesligaspieler, Rechtsaußen, kickte mit dem heutigen Trainer Michael Skibbe oder Olaf Thon. "Damals war das ein anderer Sport, ich hatte rechts außen jede Menge Zeit und Raum." Nowak kickte und kickte, jeden Tag, meist auf Beton. Mit 16 rutschte er in einem Training beim SSV Hagen aus, es wirkte harmlos, aber es war das Ende seiner Karriere, in den Sprunggelenken hatte Nowak schon keinen Knorpel mehr. Ein Schock.