Konzertsaal in München Neubau im Finanzgarten bleibt Option

Die Philharmonie am Gasteig: Am Dienstag diskutiert die Staatsregierung die Pläne für den Umbau.

(Foto: Matthias Schönhofer/dpa)
  • Die Staatsregierung will an diesem Dienstag den Umbau der Philharmonie absegnen: Die Beschlussvorlage enthält eine Ausstiegsoption - für den Fall, dass die umstrittene Doppelnutzung im Gasteig doch nicht funktioniert.
  • In der Vorlage von Kunstminister Ludwig Spaenle ist erstmals beschrieben wie eine Doppelnutzung funktionieren soll: Die beiden großen Orchester sollen alle 14 Tage abwechselnd in der Philharmonie und im Herkulessaal spielen.
Von Christian Krügel und Christian Sebald

Die Staatsregierung behält sich einen Ausstieg aus dem gemeinsamen Gasteig-Projekt mit der Stadt München vor. Sollte der Umbau der Philharmonie und deren Doppelnutzung durch die Münchner Philharmoniker und das BR-Symphonieorchester nicht möglich sein, "bleibt der Neubau eines Konzertsaals im westlichen Finanzgarten als alternative Option bestehen", heißt es in der Kabinettsvorlage von Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU). Darin ist auch erstmals beschrieben wie diese Doppelnutzung funktionieren soll: Die beiden großen Orchester sollen alle 14 Tage abwechselnd in der Philharmonie und im Herkulessaal spielen.

Nach der heftig umstrittenen Absage an den Neubau eines dritten Konzertsaals durch Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) befasst sich an diesem Dienstag das Kabinett mit der Frage. In Spaenles Beschlussvorlage heißt es, dass künftig die beiden großen Konzertsäle "grundsätzlich als Einheit zu betrachten" seien und Philharmoniker und BR-Symphonieorchester eng koordiniert werden müssten. "Im Ergebnis wird die gemeinsame Nutzung auf eine Art ,Stagione-Betrieb' hinauslaufen", schreibt Spaenle. "Das heißt: Jedes Orchester bespielt einen Saal für zwei Wochen und zieht dann in den anderen um."

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Oberstes Kriterium dafür, wann wer wo auftritt, solle das jeweilige Konzertprogramm sein. Werke von der Barockzeit bis zur Wiener Klassik sollen vorrangig im Herkulessaal zur Aufführung kommen, Werke von der Romantik bis zur Moderne im Gasteig. In jedem Fall sollen die BR-Symphoniker und die Münchner Philharmoniker beide Säle gleichberechtigt bespielen.

Spaenle offenbar skeptisch, ob Zwillingslösung funktioniert

Spaenle glaubt, dass sich durch den zweiwöchigen Wechsel der Umzugsaufwand für die Ensembles auf ein "zu vertretendes Maß" reduziere. Offenkundig ist er aber selbst skeptisch, ob diese "Zwillingslösung", von der er spricht, funktioniert. Wenn nicht, schreibt er, bliebe doch noch ein neuer Konzertbau eine Lösung. Für diesen veranschlagt er Kosten von 200 bis 300 Millionen Euro. Auf welcher Basis diese Schätzung beruht, lässt er offen. Bislang waren nur die Baukosten vergleichbarer Säle in Europa genannt worden - von 70 Millionen in Katowice bis 320 in Paris.

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Über die Modernisierung der Philharmonie im Gasteig äußert sich der Kunstminister nur zurückhaltend. Sie falle in die Hoheit der Landeshauptstadt, entsprechenden Gesprächen wolle er nicht vorgreifen. Allerdings macht Spaenle deutlich, dass im Gasteig Nebenräume für die BR-Symphoniker geschaffen werden sollen - indem man der staatlichen Hochschule für Musik und Theater Räume in einer Größenordnung von ungefähr 1400 Quadratmetern wegnimmt. Der Hochschule solle dafür "ein adäquater Raumausgleich" in der Nähe ihres Hauptgebäudes an der Arcisstraße angeboten werden.

Was im Herkulessaal verändert werden soll

Im Herkulessaal hingegen müssen sich beide Orchester die dort vorhandenen 800 Quadratmeter großen Probenräume, Lager und Garderoben teilen. Sie werden bisher vom BR alleine genutzt. Auch eine Aufstockung der Zuschauerplätze der derzeit 1260 Sitzplätze und ungefähr 140 Stehplätze im Herkulessaal sei wegen des Denkmalschutzes nicht möglich. Dafür will der Freistaat Heizungs- und Klimatechnik modernisieren. Außerdem strebt er "optisch-ästhetische Verbesserungen" an.

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In seiner Vorlage beruft sich Spaenle auf einen "im Auftrag der Stadt erstellten Architektenentwurf" für die Philharmonie. Tatsächlich gibt es den bislang aber gar nicht. Bislang liege nur eine "skizzenhafte Idee" vor, wie man in das heutige Gebäude einen neuen Saal bauen könnte, heißt es aus dem Münchner Kulturreferat. Dort gibt es nun aber klare Vorstellungen, wie das Projekt angegangen werden könnte. Stimmt der Stadtrat für den neuen Gasteig-Plan, könnten einige wenige Ingenieur- und Akustikbüros eingeladen werden, Entwürfe und Kostenschätzungen abzugeben. Dieses Verfahren könnte im Frühjahr beginnen - vorausgesetzt die beteiligten Orchester, die Stadt und der Freistaat einigten sich auf ein Raumprogramm, das im Gasteig auch wirklich Platz habe.

Derweil befürchten Experten bereits ein Debakel. "Der Worst-Case würde eintreten, wenn man erst während des Umbaus merkt, dass es doch nicht ohne Totalabriss geht", sagt der Akustik-Fachmann Karlheinz Müller. "Dann explodieren die Kosten. Schlimmstenfalls bekommen wir eine Elbphilharmonie auf Raten." Müller gilt als einer der weltweit renommiertesten Fachleute für Bau- und Raumakustik.

Stagione-System Das "Stagione-System" hat sich als Prinzip der Spielplangestaltung an italienischen Opernhäusern entwickelt. Dabei wird eine Produktion über eine begrenzte Zeitspanne hinweg im Block gespielt und anschließend ersetzt, also etwa zehn Tage "La Traviata", danach zehn Tage "Carmen". Die Saison-Planung großer Orchester funktioniert ganz anders: Es wird weder ein stehendes Repertoire erarbeitet, das jahrelang immer wieder gespielt wird, noch ein einziges Programm geplant, das über mehrere Wochen hinweg aufgeführt wird. Die Werke, die maximal zwei- bis dreimal gespielt werden, orientieren sich stattdessen an den Gastsolisten und -Dirigenten. Das Programm wird mit diesen schon Jahre im Voraus abgesprochen und orientiert sich an deren Terminplänen, nicht an festen Aufführungszeiträumen. arga