Konzertsaal-Debatte Seehofer rückt von Neubau ab

Ob es gebaut wird, ist derzeit unwahrscheinlich: Das "neues Odeon", ein Entwurf des Münchner Vereins der Konzertsaalfreunde.

  • Neue Wende in der jahrelangen Konzertsaal-Debatte: Nach SZ-Informationen wendet sich die Staatsregierung nun doch gegen den Bau eines neuen Konzerthauses in München.
  • Stattdessen soll der Herkulessaal der Residenz saniert und um einige hundert Plätze erweitert werden. Auch die Philharmonie am Gasteig würde nach dem neuen Plan komplett umgebaut werden.
Von Christian Krügel

Ein "neues Odeon" hat der Münchner Verein der Konzertsaalfreunde erst vor elf Tagen präsentiert, Entwürfe für ein spektakuläres Konzerthaus am Finanzgarten. Doch ob dieses "neue Odeon" jemals gebaut wird, scheint fraglicher zu sein denn je. Wenige Tage vor der Präsentation haben nämlich Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bei einem Treffen beschlossen, den Neubau zwar weiter prüfen zu wollen. Nach Informationen der SZ präferiert die Staatsregierung aber offenbar eine andere Lösung: eine Sanierung des Herkulessaals - und den finanziellen Einstieg des Freistaats beim Gasteig.

Seit mehr als 15 Jahren wird über ein weiteres Konzerthaus diskutiert. Das fordert vor allem der Bayerische Rundfunk (BR) für seine Orchester, die keine feste Heimat haben, aber auch die freien Konzertveranstalter, die einen großen Markt für noch mehr klassische Konzerte sehen. Zudem ist die Situation in der Philharmonie am Gasteig, der Heimat der Münchner Philharmoniker, für viele unbefriedigend: Es fehlen Probenräume, die Akustik ist problematisch, das Kulturzentrum muss für bis zu 350 Millionen Euro saniert werden.

Vertrauliche Gespräche zwischen Stadt und Freistaat

Ministerpräsident Seehofer hatte in den vergangenen Jahren mehrmals versprochen, in München ein akustisch einmaliges Konzerthaus zu bauen. Umso überraschender war es, als er selbst im September Reiter eine Kooperation von Stadt und Freistaat bei der Sanierung des Gasteigs vorgeschlagen hatte, womöglich sogar den Bau von zwei neuen Sälen.

Eine Idee, die alle Fachleute inzwischen verworfen haben. Eine Arbeitsgruppe, eingesetzt von Kunstminister Ludwig Spaenle (CSU), empfiehlt klar den Neubau am Finanzgarten, der Minister selbst kündigte ein entscheidendes Gespräch noch vor Weihnachten an. Das hat inzwischen stattgefunden - in größter Vertraulichkeit und im kleinsten Kreis: OB Reiter und sein Kulturreferent Hans-Georg Küppers trafen sich mit Spaenle und Seehofer.

Was der neue Plan vorsieht

Ergebnis: Experten aus Kulturreferat und Kunstministerium sollen nochmals intensiv einen anderen Plan prüfen - der Freistaat saniert den Herkulessaal der Residenz und erweitert ihn um einige Hundert Sitzplätze. Zugleich wird die Philharmonie am Gasteig komplett umgebaut. An den Kosten beteiligt sich der Freistaat, der sich damit mehr Proben und Spielzeiten für die BR-Orchester quasi erkauft. Deshalb muss die Stadt Abstriche für die Münchner Philharmoniker hinnehmen, die wohl mindestens eine Konzert-Abo-Reihe in den Herkulessaal verlegen müssten - eine klare Verschlechterung für das Orchester der Stadt. Die von Seehofer versprochene dritte Konzertbühne für München, wie sie inzwischen auch viele Landtagsabgeordnete fordern, wäre damit vom Tisch.

OB Reiter schweigt zu Treffen und Beschluss ebenso wie Seehofer. Der lässt nur ausrichten, dass er sich erst nach einem weiteren Gespräch mit Reiter im Januar wieder zu dem Thema äußern werde. Spaenle dementiert das Geheimtreffen und seine Inhalte im Gespräch mit der SZ nicht, sagt aber, für eine Entscheidung sei es noch zu früh. Eine Kooperation mit der Stadt bei der Sanierung der Philharmonie sehe er als "echte Alternative", wenn dies mit mehr Probenräumen für die BR-Symphoniker und Mitsprache bei Belegungsrechten verbunden sei. Das bedeute auch eine finanzielle Verpflichtung des Freistaats.

Spaenle spricht von einer "vertieften Zusammenarbeit" der beiden Orchester, die es dann bei der Planung des Konzertbetriebs für Philharmonie und Herkulessaal geben müsse. Mehrere Gutachten waren allerdings zu dem Ergebnis gekommen, dass eine solche Belegung nur mit großer Mühe möglich wäre und eindeutig zu Lasten freier Konzertveranstalter ginge.

Problematische Finanzierung

Spaenle will einen Neubau auch gar nicht ausschließen. Er sieht aber trotz jahrelanger Vorarbeit seines Ministeriums immer noch Klärungsbedarf. "Mir hat noch niemand schlüssig erklären können, wie das Haus betrieben werden soll", sagte er der SZ. Zudem müsse sich der BR nun klar positionieren, was er finanziell beisteuern kann. "Nur bestellen und nicht zahlen kann auch nicht sein", sagte Spaenle. Der BR müsse deshalb "schnellstmöglich an den Tisch". Warum dessen Vertreter nicht zu dem Geheimtreffen eingeladen wurden, ließ der Minister offen.

BR-Intendant Ulrich Wilhelm hatte mit Verweis auf EU-Recht immer ausgeschlossen, den Bau des Konzerthauses aus Rundfunkgebühren zu bezahlen. Dafür stellte er eine Beteiligung an Kosten für die technische Ausstattung in Aussicht. Spaenle will nun seinerseits klären lassen, ob der Freistaat im Hinblick aufs EU-Beihilferecht einen Bau finanzieren darf, in dem der BR Hauptnutznießer wäre. Eine Frage, die in 15 Jahren Debatte offenbar noch nie gestellt wurde.

Rechtlich knifflig dürfte aber auch eine Beteiligung bei der Sanierung des Gasteigs werden, der von einer städtischen Gesellschaft betrieben wird. Dass der Freistaat einer Stadt hilft, eine kommunale Kultureinrichtung zu sanieren, könnte zu einem bayernweiten Präzedenzfall werden.