Kontrollierte Heroinabgabe Stoff vom Staat

Noch immer wird eine erfolgreiche Methode des Drogenentzugs politisch blockiert. Ein Junkie berichtet, wie er sich mit Hilfe der kontrollierten Heroinabgabe aus der Szene löste.

Von Monika Maier-Albang

700 Teilnehmer aus unterschiedlichen medizinischen Fachrichtungen diskutieren derzeit beim Münchner Kongress für Suchtmedizin Möglichkeiten, Abhängigen besser zu helfen. Die Münchner Heroin-Ambulanz versucht das bereits - und muss doch um ihre Zukunft fürchten.

Der Mann war Koch. Vielleicht verwendet er deshalb das etwas gewöhnungsbedürftige Bild vom Teller. Er sitze, sagt der Mann mit dem langen dunklen Pferdeschwanz und den zahlreichen Silberringen an der Hand, momentan auf einem "geputzten Teller". Und er habe große Angst, von diesem Teller "runterzurutschen".

Mario Keller (Name von der Redaktion geändert) bekommt Heroin vom Staat. Zweimal am Tag holt er es sich in der Pestalozzistraße ab, morgens und abends. Er muss pünktlich da sein, die Videokamera erfasst sein Gesicht, der Türöffner surrt. Seit fünf Jahren ist Keller pünktlich, Tag für Tag. Schließlich hat er, als das Los ihn aus vielen Mitbewerbern auswählte, gleichsam das große Los gezogen.

Die Chance, wegzukommen von seinem früheren Leben als Junkie, in dem er sich Geld "organisierte", in dem er sich prostituierte, in dem der Körper so gierig war, dass der Kopf alle Vorsicht außer Acht ließ. An solchen Tagen konnte es vorkommen, dass Mario Keller sich in einem Hinterhof einen Schuss setzte, das Heroin dabei mit Regenwasser aus der Tonne aufkochte, wohl wissend, dass dieser Schuss der letzte sein könnte.

Das Leben, das der 43-Jährige heute führt, ist nicht das, das er sich erträumt. Dieses Leben sähe, auf lange Sicht, recht bürgerlich aus. Mit Frau und Kind und einer Arbeit, die Zeit lässt für die Familie. Er kennt das noch von früher. "Ich hab gut verdient, hatte 'ne schöne Wohnung und ein Auto vor der Tür." Heute ist seine kurzfristigere Perspektive: "Mich runterdosieren, clean werden." Den Absprung hat er nicht geschafft. So weit ist Keller nicht.

Aber er ist zur Ruhe gekommen, seit er sich das synthetische Heroin in die Venen spritzt. Jetzt will er mit dem Rennrad eine Tour machen. Für die Betreuer ist das schon ein Erfolg. Wenn jemand einfach tut, was er sich vornimmt. Wenn er sich wieder unter Menschen wagt, sich die Zähne richten lässt, sich selbst, wie Pädagogin Brigitte Burkhard es ausdrückt, "nicht mehr wie den letzten Dreck behandelt".

Non-Responder

Diamorphin heißt der Wirkstoff, um den in Deutschland ein Glaubenskrieg tobt. 2002 startete das "Modellprojekt zur heroingestützten Behandlung Opiatabhängiger". "Stoff vom Staat" hat sich als Kurzformel eingebürgert. Ausgewählt wurden langjährig Drogenabhängige, die auf Methadon, den zugelassenen Ersatzstoff, nicht ansprechen. "Non-Responder", heißen sie im Fachjargon. In München, Hamburg, Köln, Hannover, Bonn, Frankfurt und Karlsruhe nahmen Heroin-Praxen ihre Arbeit auf.

Der Versuch mit rund 1000 Patienten, von denen die Hälfte Methadon, die Hälfte Heroin bekamen, lief 2006 aus. Das Ergebnis der Studie, erstellt vom Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung der Universität Hamburg, ist eindeutig: Patienten, die mit Diamorphin behandelt werden, lösen sich aus der Drogenszene, greifen deutlich weniger zu illegalen Drogen, ihr Gesundheitszustand verbessert sich. Fazit der Studie: "eine signifikante Überlegenheit der Heroin- gegenüber der Methadonbehandlung".

Trotzdem arbeiten die Ambulanzen nach wie vor in einer rechtlichen Grauzone. Während in der Schweiz und in England Diamorphin längst als Medikament für Schwerstabhängige zugelassen ist, gilt das synthetisch hergestellte Heroin in Deutschland als Droge. Momentan ist der Fortbestand der Heroin-Ambulanzen nur durch eine Ausnahmegenehmigung des Bundes möglich - weil der Betrieb "im öffentlichen Interesse" liege.

Mediziner fordern seit langem die Zulassung des Diamporphins als Arzneimittel - dazu allerdings müsste das Betäubungsmittelgesetz geändert werden. Dies scheitert bislang an der CDU/CSU im Bundestag, die vor allem ideologische Gründe anführt. Die Zulassung könnte einen Dammbruch, eine generelle Legalisierung der Droge, nach sich ziehen, fürchtet Maria Eichhorn, drogenpolitische Sprecherin der Union. Und sie sieht zudem das "oberste Ziel" der Behandlung verfehlt: den Ausstieg aus der Sucht.

Oliver Pogarell von der LMU, der das Münchner Heroin-Projekt wissenschaftlich begleitet, kann da nur den Kopf schütteln: "Natürlich wäre das schön. Alle wollen die Abstinenz." Geschafft haben das in München bislang nur zwei der ursprünglich 30 Patienten. Trotzdem ist für Pogarell die Heroinbehandlung eine Erfolgsgeschichte. Eben weil es gelinge, den süchtigen Menschen zu stabilisieren. Weil es ihm hilft zu überleben. Ganz abgesehen davon, dass auch die Beschaffungskriminalität zurückgeht.

Im Juni entschied der Münchner Stadtrat gegen die Stimmen der CSU, die Arbeit der Ambulanz mit 280 000 Euro zumindest bis Mitte nächsten Jahres zu sichern. "Toll" sei das, sagt Mario Keller, und zugleich doch auch ein "bisschen enttäuschend". Weil die Zitterpartie weiter geht. Wieder einmal. Als der Fortbestand der Ambulanz zuletzt auf der Kippe stand, habe er an Auswandern gedacht, sagt er. Andere Patienten wurden deutlicher, erzählt die Pädagogin Burkhardt. "Sie sprachen von Selbstmord."

Keller war ein Jahr lang im Methadon-Programm: "War gar nicht gut." Er trank weiter, fühlte sich körperlich unwohl. Dabei fehlte ihm nicht der Wille zum Ausstieg. Nach dem 15. Entzug hat er aufgehört mitzuzählen. Stets blieb er eine Zeitlang clean: "Aber dann hat die Vergangenheit mich eingeholt." Die Vergangenheit. Das ist der Stiefvater, der ihn geschlagen hat. Eine Mutter, die sich das Leben nahm, als er 19 war. Heute vermutet er, dass sie es wohl schon einige Male versucht hatte. Als Jugendlicher hatte er kleine blaue Pillen gefunden und probiert, "Valium war es wohl."

Zwei Jahre nach dem Tod seiner Mutter lernte er eine Frau kennen, "meine große Liebe". Die Freundin, erzählt er, sei ermordet worden, "von einem Sexualstraftäter". Von diesem Schicksalsschlag erholte er sich nicht. Er begann, sich vor den Blicken der anderen zu fürchten, wachte nachts schweißgebadet auf, bekam Depressionen. Irgendwann fing er an, sich mit Tabletten zu betäuben, dann mit leichterem Stoff, später mit Heroin. Auf das Methadon als Ersatzstoff hatte er große Hoffnungen gesetzt, die sich nicht erfüllten. Viele Methadon-Patienten, sagt die Ambulanz-Ärztin Gabi Martin, "betäuben sich weiterhin mit Alkohol oder Tabletten." Keller sagt, ihm fehle der Alkohol nicht mehr: "Seit der Heroin-Behandlung habe ich nicht mehr das Bedürfnis, mich wegzuknipsen."

Wenn die Patienten in der Ambulanz sich das synthetische Heroin spritzen, dauert es fünf bis zehn Minuten, dann sind sie wieder klar im Kopf. Sie können in die Arbeit gehen, was einige auch tun. Oder zumindest versuchen, ihren Tag sinnvoll zu verbringen. Die Abgabe erfolgt in einem engen Zeitfenster von einer halben Stunde, das habe, sagt Ärztin Martin, etwas mit Disziplin zu tun. Im Vorzimmer der Ambulanz stehen Yucca-Palmen, fast wie in einer normalen Arztpraxis.

Aus dem Tresor

Doch da sind die Überwachungskameras und die Schleuse am Eingang. Sobald im "Drückraum" einer der vier Tische frei ist, kann der Nächste zum Ausgabeschalter gehen. Er bekommt an einer Durchreiche die von einem Pfleger aufgezogene Spritze, setzt sich mit desinfizierten Händen an den desinfizierten Tisch. Das Prozedere ist Welten entfernt vom Fixerdasein draußen, dem schmutzigen Teller, um im Bild zu bleiben.

Am Ende muss jeder seine Spritze abgeben. Kein noch so kleiner Rest des Diamorphins darf nach draußen gelangen. Deshalb liegt der Stoff auch im Tresor. Dass die Städte die Praxen gleichsam zu Hochsicherheitszentren ausbauen mussten, war eine Vorgabe des Bundeskriminalamtes. In der Schweiz, sagt Martin, seien die Auflagen nicht so rigide. In der Schweiz wird auch aufgenommen, wer eine Behandlung braucht.

Auch Gabi Martin wird immer wieder angerufen. Von Abhängigen, von Arztpraxen, die für einen Patienten Hilfe suchen. Doch sie muss allen absagen. Während Karlsruhe die Anzahl der Heroin-Patienten vor kurzem verdoppelte, lässt München die Versorgung nur bei jenen 17 Männern und Frauen weiterlaufen, die von Anfang an im Projekt dabei sind. Dabei habe seine Studie gezeigt, dass der "Versorgungsbedarf in einer Stadt wie München sicherlich größer ist", sagt Christian Haasen vom Hamburger Suchtforschungs-Institut.

Es liege gar nicht in erster Linie an den Kosten, dass München sein Angebot nicht aufstockt, sagt Birgit Gorgas, Leiterin der städtischen Drogenberatung. Zwar ist die Heroinbehandlung viermal so teuer wie jene mit Methadon. Wobei aber vor allem die Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft der Betreuer zu Buche schlägt, die unabhängig von der Anzahl der Patienten aufrechterhalten werden muss. Es würde sich also rechnen, mehr Patienten aufzunehmen. Man wolle aber, sagt Gorgas, bei den "unsicheren Rahmenbedingungen" einfach niemanden neu aufnehmen, für den man später Verantwortung trage. Abwarten und hoffen, lautet ihre Devise.

Ein Hoffnungsschimmer ist, dass die CDU-regierten Länder Hessen und Hamburg gerade aus der Phalanx der Ambulanz-Gegner ausgeschert sind und die Heroin-Therapie per Bundesratsinitiative legalisieren wollen. Höchste Zeit, meint Mario Keller: "Da draußen warten so viele, die eine Chance verdient haben."