Bei der Einführung des achtstufigen Gymnasiums macht Bayern Fehler, die vermeidbar wären.
Es war einmal ein Land mit guten Schulen. Die Gebäude sahen sauber aus, die Kinder lernten aus neuen Büchern, und wenn einmal ein Lehrer erkrankte, sprang flugs ein anderer Kollege ein. Als das Land dann noch die besten Pisa-Noten einheimste, schien das Schulparadies perfekt. Unzufriedene Eltern, die bei Wahlen wegen der Schulpolitik gegen die Regierungspartei stimmen, gab es so gut wie gar nicht.
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Das gelobte Land heißt Bayern, und es ist gerade dabei, seinen guten Ruf zu verspielen. Ministerpräsident Edmund Stoiber, der das Bildungswesen des Freistaats doch so gern als Vorbild anpreist, erschreckt die bayerischen Eltern plötzlich mit einer ganz anderen schulischen Realität.
Demnächst müssen sie Lesefibeln bezahlen, im neuen Fach Natur und Technik fehlen die Bücher. Kinder verbringen ohne Mittagessen neun, zehn Stunden ununterbrochen in der Schule. Eltern sollen jetzt fehlende Lehrer ersetzen. Nun muss nur noch eine Grippewelle kommen, und das Chaos wäre perfekt.
Ausgerechnet der Freistaat Bayern vernachlässigt seine Schulen, weil er sparen will. Sparen mag vernünftig sein, doch Bayern gibt inzwischen, gemessen an seiner Wirtschaftskraft, weniger für Bildung aus als fast alle anderen Bundesländer - weitsichtig ist diese Politik nicht.
Der andere Grund für die Misere, die sich nicht nur mehr an Grund- und Hauptschulen abspielt, sondern auch an Gymnasien, ist Stoibers Ehrgeiz. Er wollte anderen Unionsländern voraus sein und trieb die Schulen ziemlich unvorbereitet in eine große Reform.
Gegen das achtstufige Gymnasium ist prinzipiell nichts einzuwenden: Das Ziel ist richtig, weil deutsche Schüler ihr Abitur zu spät machen. Doch Bayerns Weg ist der falsche. Würde der Lehrplan ausgedünnt und reformiert, wäre "G 8" die wichtigste Schulreform der letzten Jahrzehnte.
Doch im Freistaat hält man am Irrglauben fest, den Kindern müsse möglichst viel Stoff eingetrichtert werden - und das an einem überlangen halben Tag, weil die Ganztagsschule verpönt ist.
Lange Zeit herrschte Apathie, jetzt aber hat ein Wettbewerb um die beste Bildungspolitik im Land begonnen. Auch in anderen Teilen der Republik unterlaufen den Reformern Fehler. Doch zumindest beim G 8 haben einige vorgemacht, wie es besser geht.
Im Saarland etwa hat man viel Spezialwissen aus den Lehrplänen gestrichen - und erst dann auf acht Jahre umgestellt. In Baden-Württemberg schaffen neue Bildungspläne mehr Freiheit für die Schulen. Die Gymnasien wurden dort über ein ganzes Jahrzehnt hinweg auf eine achtjährige Schulzeit vorbereitet, 1100 Lehrerstellen geschaffen - und G8 funktioniert reibungslos.
Die Reform ist zu wichtig, als dass man sie übers Knie brechen dürfte. Jetzt sollte Stoiber sein mit falschem Ehrgeiz vorangetriebenes Schulkonzept noch einmal überdenken. Das ist er schon seinen Kultusbeamten schuldig, die gerne sagen: "Lehrermangel? Den gibt es in Bayern doch nicht." Das war einmal.
(SZ vom 22.10.2004)
FKK-Slackliner Alexander Schulz
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