Kommentar Mehr Mut beim Haus der Kunst

Der britische Architekt David Chipperfield will die Bäume vor dem Gebäude fällen und Parkplatz dahinter verschwinden lassen. Das ist gut, denn es ist höchste Zeit für einen unverstellten Blick auf das Haus

Von Susanne Hermanski

Die Münchner haben sich entschieden, das Haus der Kunst nicht zu sprengen, sondern es zu erhalten. Dann sollen sie es endlich auch nicht mehr schamhaft verstecken. So in etwa lautet die Quintessenz des britischen Architekten David Chipperfield, der mit der "Renovation and Innovation" des NS-Baus beauftragt ist. Und deshalb will er die Bäume vor dem Haus fällen lassen, den Parkplatz hinter dem Gebäude aufgeben und endlich einen Durchblick zum Englischen Garten freigeben. Das wird nicht nur bei Naturschützern in der Stadt einen Aufschrei geben. Aber Chipperfield hat recht.

Es gibt viele Gründe, dieses Gebäude zu erhalten. Dass Künstler in dessen hohen, lichtdurchfluteten Räumen ideale Ausstellungsflächen finden, ist nur ein pragmatischer. Das Haus der Kunst soll aber auch gerade wegen seiner problematischen Geschichte erhalten bleiben. Nur dadurch bleibt sie sichtbar, wird über sie diskutiert. Nicht indem man sie durch eine Leerstelle ersetzt - oder gar durch ein brandneues Denkmal für die verfemten Künstler, das man irgendwo an anderer Stelle in der Stadt errichtet.

Was könnte deutlicher zeigen, dass die Demokratie gesiegt hat über jene Bewegung, deren Hauptstadt München einst war? Was wäre ein wirksameres Gegengift als moderne, kritische, multikulturell geprägte Kunst, die gerade dort selbstbewusst gefeiert wird, wo sie einst verboten war? Nun müssen die Verantwortlichen in Freistaat und Stadt nur noch den Mut aufbringen, das Konzept auch konsequent umzusetzen. Selbst wenn sie in der Diskussion um den Standort für den neuen Konzertsaal damit durchgekommen waren: Hinter Protesten von ein paar Baumschützern dürfen sie sich diesmal nicht wieder verschanzen. Die Bäume vor dem Haus der Kunst sind jung, weil sie nach dem Bau des Altstadttunnels gesetzt wurden.

Und leichter wird es den Münchnern nicht mehr gemacht werden: Ein Brite (Chipperfield) und ein Nigerianer (Okwui Enwezor, Chef des Hauses) fordern diesen selbstbewussten Auftritt und die Öffnung. Mit deutschem Nationalismus hat das also nichts zu tun. Kultusminister Ludwig Spaenle ist sich dessen bewusst, ist er doch der Historiker im Kabinett. Seine Entscheidung "jetzt auch radikale Veränderungen zu wagen", kann man also nur unterstützen.