Das Erfrischende, aber auch das Anstrengende an München ist oft seine Gewissheit, nichts könne dieser Stadt und den Menschen, die hier leben, auch nur das Geringste anhaben. Am wenigsten etwas Peinliches.
Zum Beispiel die Dame in der Tram, die einem Handybrüller das Fürchten lehrte. Warum immer nur Männer in der Öffentlichkeit so laut mit ihrem Handy telefonieren müssen, als ob sie gerade versuchen, George Bush vom Abwurf der Atombombe abzuhalten, ist mir eh ein Rätsel.
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Wilde Schale, lieber Kern: In München ist alles möglich. (© Foto: Andreas Heddergott)
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Jedenfalls schrie der junge Mann derart leidenschaftlich die banalsten Erkenntnisse über die ihn an diesem Tag erwartenden beruflichen Aufgaben in sein Handsprechgerät, dass sich wirklich jeder in der Bahn fragte, was einem selbst wohl so an diesem Tag erwarten würde - und zwar aus Notwehr, um nur ja nicht weiterhin betäubt jede Silbe mitzuhören.
Da erhob sich besagte Dame ging energisch zu dem Mann mit der Jeans-Jacke und dem Gel-Haar, tippte ihm auf die Schulter und sagte: "Ich möchte Ihrem Gespräch nicht zuhören. Es interessiert mich nicht. Würden Sie bitte leiser sprechen?" Wer weiß, was geschehen wäre, wenn sie ein Mann gewesen wäre. Zweifelsohne hätte man das nie selbst getan, wie peinlich, aber dankbar war man der Dame doch. Der junge Mann duckte sich erschrocken und flüsterte fortan, als sei ihm der israelische Geheimdienst leibhaftig auf den Fersen. Allerdings, das merkten wir bald, hört man einem Flüsternden noch mehr zu als einem Schreienden. Aber geschenkt.
München hält eben viel aus, sogar deutsche Wörter, wo sonst nur noch Platz für englische ist, die bekanntlich vorwiegend dazu gebraucht werden, um zu zeigen, dass wir alle super drauf sind. Die junge Frau beim Geburtstags-Brunch hatte ihren zweiten Latte Macchiato gerade ausgetrunken und ihr Ehemann um ein Weißbier gebeten, da fragte ich - und es war nicht die erste Frage -, worin ihre selbständige Tätigkeit eigentlich bestünde. Die junge Frau antwortete: "Ich bin Veranstaltungs-Ausstatterin." Bitte was? "Ja", sagte die Dame: "Veranstaltungs-Ausstatterin." Und weil ich mich sehr über soviel unglamouröse Genauigkeit zu freuen begann, fügte sie hinzu: "Ich mag das Wort Event-Design nicht."
Danke München, dachte ich. Wer ist denn sonst selbstbewusst genug, in diesem Land allen Ernstes ein solches Wortungetüm in den Mund zu nehmen, obwohl er mitteljung ist (was heutzutage nicht mehr sehr jung ist), zwischen lauter Großstädtern in einem In-Stadtteil herumsitzt und überhaupt sehr modern wirkt. Aber das ist genau das Münchner Gefühl. Manchmal macht es einen verrückt, wegen dieses Selbstverständnisses, eine Art Erbanspruch darauf zu besitzen, die Nummer 1 zu sein, also die ganze Angeberpalette mit BMW, FC Bayern München und Deutschlands Top-Universitäten. Aber manchmal ist es einfach großartig, dass offenbar jeder hier denkt, er macht genau das Richtige, auch wenn es woanders ganz bestimmt das Falsche wäre!
Wie die beiden langhaarigen Großväter im Supermarkt, die noch immer in ihren schwarzen Sponti-Klamotten mit Kapuzenpulli und abgewetzter Lederjacke doch sehr jugendlich-antibürgerlich herumschlurften, und die dann mit einem charmanten Lächeln herzlich wie zwei Alpenveilchen zur Kassiererin riefen: Pfiat di!
Das zu tun, was man will, ob's zum Image nun passt oder nicht, das finden die Münchner einfach gut. Das ist zwar schon fast wieder so etwas wie eine Art Imagezwang, aber sei's drum: Uncool ist cool!
(SZ vom 03.05.2008/wib)
Bundespräsident Gauck in Jerusalem
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liebe diese Stadt!