Die Münchner halten grundsätzlich jeden Neubau für missraten - auch die Haltestelle der neuen Parkstadt-Tram an der Münchner Freiheit. Obwohl sie schön ist.
Als Münchner ist man verpflichtet, jeden Neubau für missraten zu halten. Nichts, was hier errichtet wird, kann vor dem kritischen Auge der Bürger bestehen, es gilt die stillschweigende Übereinkunft, dass nach der Ära König LudwigsI. nur noch Murkser am Werk waren, ausgenommen der Olympia-Architekt Behnisch und Väterchen Timofej, der russische Schwarzbaumeister.
Ein Blickfang: Die Haltestelle der neuen Parkstadt-Tram an der Münchner Freiheit. (© Foto: Rumpf)
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Dies mal vorausgeschickt, damit jeder Leser ermessen kann, wie kühn, wenn nicht gar verwegen die folgende Behauptung ist: Die Haltestelle der neuen Parkstadt-Tram an der Münchner Freiheit ist schön. Wie Blumenstängel wachsen die grün-weißen Stützen aus dem Boden, weiten sich in der Höhe zu elegant geschwungenen Kelchen, die ein geschlossenes Dach bilden. Die Münchner Freiheit, die etwa so einladend ist wie eine Kiesgrube, hat nun wenigstens einen Blickfang, der das Auge von den umliegenden Scheußlichkeiten ablenkt.
So, das musste raus, auch auf die Gefahr hin, demnächst ausgebürgert oder zu einer Investition in die Schrannenhalle gezwungen zu werden. Selbstverständlich wäre es uns auch lieber gewesen, in den Chor der Kritiker einzustimmen, die die neue Schwabinger Wartehalle als peinliche Kopie einer Tankstelle aus den fünfziger Jahren geißeln. Na und? So schlecht sahen die Tankstellen damals nicht aus, und es gab einen Tankwart, der sogar wusste, wo man das Motorenöl hineingießen muss.
So etwas findet man heute kaum noch, da ist es doch gut, dass eine Trambahn-Haltestelle an die große Zeit der Tankstellen erinnert. Derartige Spielereien lässt die Münchner Architekturpolizei natürlich nicht durchgehen. Um Gottes Willen, heißt es, das hat's ja noch nie gegeben, diese weiß-grüne Tropfsteinhöhle verstößt eindeutig gegen die seit Heinrich dem Löwen geltende Vorschrift, ein Bauwerk müsse, wenn es schon nicht unsichtbar ist, exakt der Umgebung angepasst sein. Wenn das so ist, dann fügt sich in die Trostlosigkeit der Münchner Freiheit nur etwas Trostloses ein, etwa ein Baucontainer, flankiert von zwei Dixie-Klos.
Spinnt man den Gedanken weiter, dann lässt sich sagen, dass es meistens das Unpassende war, das die Stadt verschönert hat. Man kann über die griechischen Tempel am Königsplatz sagen, was man will, aber münchnerisch sind sie gewiss nicht. Den Zeitgenossen LudwigsI. ist das keineswegs verborgen geblieben, für sie war die Glyptothek nur das "narrische Kronprinzenhäusl".
Auch für die italienische Renaissance der Ludwigstraße hatten die Bürger hauptsächlich Spott übrig, sie war auch so eine ausländische Spinnerei. Inzwischen gelten die Fremdkörper als gut integriert, einzelne Einheimische statten ihnen sogar einen Besuch ab. In seinem tiefsten Inneren liebt der Münchner ja das Neue. Es bietet ihm Anlass zum Granteln, und nach ein paar Jahren ist er stolz darauf.
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(SZ vom 12.12.2009/sonn)
Kapitalabzug aus Südeuropa
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Ich glaub so ernst war das gar nicht gemeint, dass die Münchner alle Grantler sind.
Aber zur Haltestelle: Ich habe die Haltestelle gesehen und finde sie hässlich - und das nicht aus Prinzip. Das Ding wirkt weder modern noch leicht noch passt es zur Umliegenden Architektur. Das ist einfach nur ein vermurkstes Etwas. Sieht aus als hätte man sich aus Angst es könnte nicht ins Stadtbild passen auf einen Kompromiss geeinigt (wie das ja so oft ist) Jetzt passt es nicht ins Stadtbild und iist auch noch hässlich. Aber man gewöhnt sich wahrscheinlich an alles.
vorher ist mir die Returntaste ausgerutscht, nun mein Beitrag
Sie tun den Münchnern Unrecht mit diesem Satz:
Als Münchner ist man verpflichtet, jeden Neubau für missraten zu halten. Nichts, was hier errichtet wird, kann vor dem kritischen Auge der Bürger bestehen.
1. Es ist gut, daß der Bürger ein kritisches Auge hat. Als echter Münchner (hier geboren und aufgewachsen) erlaube auch ich mir ein kritisches Urteil zu Neubauten.
2. Finden Sie den sogen. "Vierkantbolzen" am Westfriedhof oder den sogen. "Uptown Munich" (schon der "münchnerische Name") etwa für gelungen?
Die Münchner haben sich glücklicherweise gegen ein Münchhattan (Skyline wie Frankfurt a. Main) entschieden.
Das hat jede Menge Ärger vor allem bei Hochhausfan OB Ude hervorgerufen.
Aber zum Thema, ich habe die Haltestelle noch nicht gesehen und erlaube mir daher noch KEIN Urteil. Ob gelungene Architektur oder nicht werde ich noch früh genug sehen.
Was ich mir wünsche, wäre ein etwas gemässigter Ton in der Berichterstattung. Schließlich sind es die Bürger, die hochgelobte Architekturprojekte täglich erleben müssen.
Man kann nicht die Münchner Bürger pauschal als Grantler, ewige Nörgler und Miesmacher bezeichnen. Das bitte ich zu überdenken.
Als Münchner ist man verpflichtet, jeden Neubau für missraten zu halten. Nichts, was hier errichtet wird, kann vor dem kritischen Auge der Bürger bestehen
der nicht an diesen beiden neuen Projekten rumnörgelt.
Die neue Tram-Haltestelle ist viel schöner als der vorherige graue Busbahnhof. Und wie immer: Im Vorfeld wurde die Tram verteufelt und am Samstag waren dann doch zigtausende bei der Einweihung dabei.
Und die U-Bahn-Station ist auch toll geworden mit den dezent beleuchteten blauen Säulen, die mit der gelben Wand doch gut harmonieren, was man vorher doch bezweifelt hatte.
Also dieses Gede von "...ja die Münchner waren ja schon immer dagegen ......" wir ständig benutzt um irgendwelche architektonischen oder städtebaulichen Vorhaben zu rechtfertigen. Aber so einfach ist das nicht.
Ich hab wirklcih nichts gegen diese Haltestelle. Aber wer die jüngste Geschichte kennt, der weiss: die Highlight-Türme, die über das Siegestor hinauswachsen - wurden von Herrn Ude damals auch gerechtfertigt mit dem Argument: Ja die Münchner waren ja auch schon gegen die Ludwigstrasse.
Komischerweise distanzieren sich Herr Ude und Herr Braunfels in einem jüngsten Artikel von diesen Projekten.....sie sagen. ...ja damals (immerhin schon gigantische 4 Jahre her) hat man halt so bauen wollen, war das halt Mode. Auch heute siehen diese neuen Hochhäuser grausam aus!!!
Von einem seriösen Journalisten, der über Geschmack und Architektur schreibt, erwarte ich einfach, dass er so absolut aus der Luft gegriffene Vergleiche unterlässt. Und das ewige "der Münchner grantelt halt gern" -Getue........mei ....is ihm nichts anderes eingefallen.