Kolumne NullAchtNeun Als Designer-Hasi auf die Wiesn

Eigentlich muss man sich gar nicht zum Deppen machen oder zum Hasi, wenn man auf das Oktoberfest geht. Es geht ganz ohne Verkleidung! Auch wenn es heutzutage einen anderen Anschein macht.

Von Franz Kotteder

Normalerweise ist man als Münchner vor dem Phänomen der Massenhysterie gefeit. Schließlich wohnt man in einer Weltstadt und hat alles schon mal erlebt, da bringt einen nichts aus der Ruhe. Gerade an einem Wiesnsamstag muss man noch einmal darauf hinweisen.

Ursprünglich war das Dirndl ein einfaches Trachtenkleid. Die heutigen Interpretationen gehen darüber weit hinaus.

(Foto: dpa)

Besonders unter den Frauen in dieser Stadt breitet sich nämlich derzeit eine fiebrige Nervosität aus, die nichts Gutes verheißt. Viele Münchnerinnen wissen noch gar nicht, was sie so umtreibt, ahnen es nur dunkel. Anderen ist es unter Schmerzen in diesen Wochen klar geworden: "Saxndi, ich hab' ja noch nie ein Dirndl designt!"

Es ist nämlich so, dass es in diesen Tagen kaum ein Ereignis mit mehr als fünf Teilnehmern gibt, das nicht von einer Dirndlmodenschau gekrönt wird. Ob im P1, im Mamasita, beim Branchentreff im Kongresshotel, bei der Ausstellungseröffnung, ja selbst auf dem Straßenfest: An allen Ecken und Enden findet sich eine neue, junge Designerin, die ihre ganz spezielle Interpretation des althergebrachten Kleidungsstücks präsentiert.

Da rächt es sich, dass München durch die Ansiedlung einschlägiger Ausbildungsinstitute einmal zur Modehauptstadt aufsteigen wollte. Deren Absolventinnen, so scheint es, werfen nämlich jetzt ihre ganzen Entwürfe auf den Markt. Die wurden zuvor an der Modeschule sicher als "zu affig", "zu kitschig" oder "zu überladen" verworfen. Aber in Dirndlform geht es plötzlich durch.

Hemmungen gibt es kaum, jede noch so abgefahrene Idee kommt auf den Laufsteg. Die Landtauglichkeit des Dirndls wird bestenfalls am Starnberger See getestet, meist im Bierbichler zu Ambach, der ja wochenends eh so etwas wie die "Country"-Version vom Schumann's ist. Wichtig ist, dass das Stück schön bunt daherkommt, das Holz vor der Hütte überdeutlich betont und viele Verzierungen aufweist, damit es problemlos auch als Kostüm für die närrischen Tage im Karneval zu Köln genutzt werden kann.

Der Lederhose wurde im Vergleich zum Dirndl bisher von Designerseite her wenig Beachtung geschenkt. Aber das kommt schon noch. Sollen sie nur: Es muss erst alles ganz schlimm werden, bevor die Menschen dazulernen. Man muss sich nämlich gar nicht zum Deppen machen oder zum Hasi, wenn man auf die Wiesn geht.

Es geht ganz ohne Verkleidung! Daran erkennt man die Einheimischen. Denn wer weiß, was Tracht eigentlich ist, der kommt dann doch lieber in Jeans.

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