Von Beate Wild

Bye-bye, Glockenbach: Die legendäre Kneipe X-Cess muss demnächst schließen. Münchens Nachtschwärmer sind fassungslos - und organisieren den Protest.

Es ist kein Durch- bzw. Reinkommen mehr. Die drängelnde Menschenmasse vor dem Eingang erweckt den Eindruck, als würde hier irgendetwas ganz Wertvolles verschenkt - Gratis-Tickets für das U2-Konzert im Sommer zum Beispiel, ein Tisch in einem Wiesn-Zelt oder wenigstens ein paar Freibier.

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Isi in seinem X-Cess: Ende Mai ist Schluss mit lustig. (© Foto: Rumpf)

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Aber nein, die Leute sind da, weil sie noch einmal so oft wie möglich in diesem Etablissement im Glockenbachviertel vorbeischauen wollen, das bestätigten Gerüchten zufolge bald schließen muss. Die Rede ist vom legendären X-Cess in der Kolosseumstraße. Münchens wohl coolster Kneipe, was vor allem an Isi, dem Russenmützen tragenden Wirt, liegt.

Ach, was hatten wir dort für unglaubliche Nächte! Machen die anderen Bars im Viertel die Schotten dicht, geht es im X-Cess nämlich erst richtig los. Zwischen zwei und fünf Uhr morgens ist Rush-Hour. Die unterschiedlichsten Nachtschwärmer treffen hier aufeinander: angeschwipste Studentinnen, verschmähte Liebhaber, Kumpel-Gangs, Möchte-gern-DJs, knutschende Pärchen, lonesome cowboys. Die Bar ist Münchens Anlaufstelle für Hedonisten, Melancholiker und sonstige Sinnsuchende. Und genau diese Mischung macht die Stimmung aus!

Auf die kruden Kumpanen im X-Cess kann man sich immer verlassen, auf die Musik eher weniger, was aber auch wiederum seinen Reiz hat. In Isi's Kneipe dürfen nämlich die Gäste selbst auflegen. Jeder, der will, kann sich in einen Kalender eintragen und darf am ausgewählten Abend dann auch wirklich auflegen, wie es ihm beliebt. Das hat zuweilen schon zu den abstrusesten Mixes geführt. Ein paar Mal sind wir wegen Beleidigung unseres guten Geschmacks auch schon woandershin geflohen, doch im Großen und Ganzen ist das System des "Rotating DJs" wundervoll - und zudem einzigartig in München.

Ebenfalls beispiellos sind die Lollis, die Isi an alle Frauen, die seinen Laden betreten, verteilt. "Zum Üben", sagt er dann oft mit seinem etwas anzüglichen Lächeln. Früher gab es noch Schleck-Muscheln für die männlichen Gäste, doch die sind in keinem Großhandel unserer Stadt mehr aufzutreiben, jammert Isi. Aber das ist eigentlich nicht so schlimm, da sich die Jungs sowieso lieber mit Bier ihre Zeit vertreiben.

Unglaublich voll war Isi's Laden eigentlich auch schon immer. Jetzt, da es dem Ende zugeht, ist die Platzsituation schier unerträglich geworden. Jeder will noch mal rein und Teil des verrückten Ganzen sein, bevor wohl Ende Mai Schluss ist. Vor der Bar stehen die Gäste ohne zu meutern an, um doch noch irgendwann hineinzupassen, wenn andere Besucher die Kneipe endlich verlassen.

Die Nachbarn wird das wohl nicht gerade freuen. Die waren es schließlich auch, die dem X-Cess den Garaus gemacht haben.

Lesen Sie auf Seite 2, was die Nachbarn gestört hat.

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