Königsplatz Neues Denkmal soll an Bücherverbrennung der Nazis erinnern

Bei einer Gedenkaktion am Donnerstag brannte der Künstler Wolfram Kastner einen schwarzen Fleck in die Wiese auf dem Platz - damit kein Gras drüber wächst.

(Foto: Florian Peljak)

Der Künstler Arnold Dreyblatt wird das Mahnmal "Schwarze Liste" auf dem Königsplatz gestalten. Die Namen von 359 Autoren werden sich dort aneinanderreihen.

Von Pia Ratzesberger

Andreas Kielmann steckt gerade eine der letzten Papierfahnen in den Boden. Zwischen Sigmund Freud und Egon Erwin Kisch, gleich daneben Anna Seghers und Mascha Kaléko. "Wenn all diese Autoren nicht mehr in die Köpfe der heute Lebenden Eingang fänden, hätten die Nazis ja ihr Ziel erreicht", sagt Kielmann.

Er und viele andere sind an diesem Donnerstagvormittag auf den Königsplatz gekommen, um an den 10. Mai 1933 zu erinnern. An den Tag, an dem die Nationalsozialisten die Bücher der Autoren verbrannten, die jetzt auf den weißen Fahnen stehen. Ringelnatz. Fallada. Schnitzler.

Auf der zentralen Kiesfläche vor der Staatlichen Antikensammlung auf dem Königsplatz soll das acht Meter große, kreisförmige Denkmal an die Bücherverbrennung der Nazis erinnern.

(Foto: NS-Dokumentationszentrum)

"Die vergessen sonst doch, was los war"

Vor der staatlichen Antikensammlung steht ein kleines Schild, eine Kopie der Einladung von 1933 zum "Verbrennungsakt" um 11 Uhr in der Nacht, und man muss nur diese paar Zeilen lesen, um zu ahnen, welche Stimmung damals geherrscht hat. Neben dem Schild haben Kielmann und die anderen einen großen, schwarzen Fleck in die Wiese gebrannt. "Hier verbrannten ca. 50 000 Nazis und ihre Sympathisanten Bücher der von ihnen verfemten Autoren", steht darunter.

Der Brandfleck wird wieder verschwinden, das Gras wachsen, aber bald schon soll eine große Scheibe in den Boden gelassen werden, um das ganze Jahr über zu mahnen, zu erinnern. "Finde ich gut, solange wir aber auch weiter jedes Jahr diese Lesungen machen", sagt eine der Frauen auf den Zuschauerbänken. Sie hat gerade die weißen Papierfahnen abfotografiert und an ihre Kinder geschickt, beide um die 20 Jahre alt. "Die vergessen sonst doch, was los war." Auch deshalb soll es das Mahnmal geben.

Der Kulturausschuss des Stadtrats hat sich am Mittwoch für den Entwurf "Schwarze Liste" des 1953 in New York geborenen Künstlers Arnold Dreyblatt entschieden, der schon mehrere Denkmäler gestaltet hat, zum Beispiel in der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem ehemaligen Stasi-Gefängnis, oder im Jüdischen Museum in Berlin. "Schwarze Liste" heißt der Entwurf, weil die Auswahl der Buchtitel, die dann auf dem Königsplatz zu lesen sein werden, auf der historischen schwarzen Liste eines Berliner Bibliothekars basiert, die wiederum grundlegendend bei der Auswahl der verbrannten Bücher war.

In dem fortlaufenden Text stehen 359 Buchtitel.

(Foto: NS-Dokumentationszentrum)

Die Titel werden ohne Punkt und Komma aneinandergereiht

Noch in diesem Jahr soll die begehbare Scheibe mit einem Durchmesser von acht Metern auf den Königsplatz kommen, darauf eine Spirale mit Buchtiteln von 359 Autoren. Die Titel werden ohne Punkt und Komma aneinandergereiht, der neuen Assoziationen wegen: "Deutschlands Theater Bismarck und seine Zeit Einer sagte die Wahrheit Das kunstseidene Mädchen" wird dann zum Beispiel am Boden zu lesen sein. Neben dem Bodendenkmal soll es eine erklärende Hinweistafel und eine Webseite mit Hintergrundinformationen geben.

Vorne auf der Bühne wird jetzt gerade aus dem Gedicht Donna Clara von Heinrich Heine gelesen, noch bis zum Abend wird einer nach dem anderen nach vorne treten, um aus den verbrannten Werken zu lesen, um 19 Uhr werden Schüler der Neuen Münchner Schauspielschule auch auf den Treppenstufen der Oper lesen. Zuerst wollte die Staatsoper dafür keine Genehmigung erteilen, denn durch die Lesung würden Fluchtwege blockiert, hieß es.

Die Organisatoren der Lesung antworteten dem Betriebsdirektor daraufhin, apropos Fluchtweg: Viele der geächteten Autoren hätten damals keinen Fluchtweg mehr aus Deutschland gefunden und seien von den Nazis ermordet worden. Zudem, wenn Gäste aus der Oper fliehen müssten, würden sich die Schauspielschüler sicher anschließen. Die Genehmigung kam dann doch.

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