Knapp kalkuliert Kunst hat ihren Preis

An der Kultur spart sich's leicht, möchte man meinen. Aber der Teufel steckt im Detail: Bei den laufenden Kosten sind kaum Kürzungen möglich und Projekte wie Stadtmuseum, Volkstheater und Gasteig nicht aufzuschieben

Von Franz Kotteder

Die Sache mit dem Haushaltsloch ist eigentlich nicht besonders schwer: Man bräuchte doch lediglich darauf zu verzichten, den Gasteig und das Stadtmuseum aufwendig zu sanieren, und das Volkstheater bekommt eben kein neues Haus, sondern bleibt ganz einfach weiter Mieter in der Brienner Straße. Und schon sind - nach derzeitigem Stand - 765 Millionen Euro eingespart, die Stadt steht finanziell wieder super da. Schließlich geht es aktuell ja nur um rund 300 Millionen Euro, die in der Planung fehlen.

Wenn's ans Sparen in öffentlichen Haushalten geht, denken viele gleich an die Kulturausgaben. Nicht, weil sie unverbesserliche Banausen wären. Sondern weil Kulturausgaben nach der Logik öffentlicher Haushalte überwiegend zu den "freiwilligen Leistungen" zählen, die sich eine Gemeinde oder ein Land eben leisten kann, aber nicht zwingend leisten muss. Also setzen Haushaltspolitiker eben gerne dort an, wenn es ums Kürzen geht. Auch wenn man weiß, dass schon das Streichen vergleichsweise geringer Beträge einer kulturellen Institution den Garaus machen kann - weil viele Kleintheater, Musikinitiativen, Stadtteilhäuser oder freie Gruppen aller Sparten ohne Zuschüsse ihren Betrieb einstellen müssten.

Das ist im Münchner Kulturhaushalt nicht anders. Er umfasst fürs kommende Jahr rund 197 Millionen Euro, das macht gerade mal 3,5 Prozent vom städtischen Gesamtbudget in Höhe von 5,7 Milliarden Euro aus. Mit den großen Etatposten für Schulen und Soziales, die 2016 jeweils etwa 1,3 Milliarden Euro umfassen, lässt sich das nicht vergleichen. Viel Spielraum bleibt aber trotzdem nicht, weil der größte Teil dieser Summe fest gebunden ist für Personalkosten und Institutionen wie die Volkshochschule, die Stadtbüchereien, die Kammerspiele und die Münchner Philharmoniker. Tatsächlich ist das Kulturreferat bei der Sparrunde fürs kommende Jahr nur mit rund 1,6 Millionen Euro betroffen, ein vergleichsweise geringer Betrag.

Noch ist man in der städtischen Kulturbehörde guter Dinge. Man wolle diese Summe im kommenden Jahr "nach innen" einsparen, sagt Sprecherin Jennifer Becker, "also ohne dass unsere Partner oder Zuschussnehmer betroffen sind oder die Serviceleistungen für das Publikum spürbar eingeschränkt werden". So kommt es der Behörde entgegen, dass man 2014 zu optimistisch war, was den Besucherservice im damals gerade neu eröffneten Lenbachhaus anging. Die Ausgaben dafür erweisen sich bislang als doch nicht so hoch, wie man angenommen hatte, und so kann man die künftigen Ausgaben dafür um eine Million Euro nach unten korrigieren, ohne dass die Ausstellungsbesucher etwas davon merken. Weitere 352 000 Euro werden gespart, indem die Stadtbibliothek einige 24-Stunden-Rückgabe-Automaten später aufstellt als geplant und eine Stelle einspart. Überhaupt die Technik: 172 000 Euro spart sich das Kulturreferat 2016, indem es das Langzeitprojekt einer neuen Museumsmanagement-Software für das Stadtmuseum und die Villa Stuck nicht ganz so forsch vorantreibt wie ursprünglich geplant. Und der Rest an Einsparungen ergibt sich dadurch, dass drei vorübergehend geschaffene neue Stellen nun doch nicht sofort besetzt werden, sondern erst in den kommenden Jahren.

So rettet das Kulturreferat also seinen Etat im Großen und Ganzen zumindest fürs kommende Jahr über die (Spar-)Runden. Schwieriger wird das dann in den kommenden Jahren, insbesondere wegen der anstehenden Großsanierungen, die ja nun wirklich viel kosten. "Die großen Sanierungsarbeiten im Kulturbereich wurden bisher nicht thematisiert", sagt Jennifer Becker, "sie laufen derzeit wie geplant weiter." Besonders ehrgeizig ist die Zeitplanung beim Volkstheater, das soll ja schon 2020 auf das Gelände des ehemaligen Viehhofs an der Tumblingerstraße umziehen. 115 Millionen Euro wird der Neubau dort nach bisherigem Planungsstand kosten. Ein beachtlicher Brocken, der womöglich Begehrlichkeiten weckt, was das Sparen angeht? Insbesondere auch, weil nicht alle Anwohner glücklich sind über die Aussicht, ein neues Theater vor die Haustür zu bekommen und lieber einen sommerlichen Biergarten mit angeschlossenem Freiluftkino hätten?

So einfach ist das freilich nicht. Denn der Zeitplan für den Neubau des Volkstheaters ist gerade deshalb so eng, weil es ums Sparen geht. Würde man das Theater in der Brienner Straße belassen, wären schon aus Sicherheitsgründen erhebliche Umbauten fällig. Auf 40 Millionen Euro kam eine Studie vor eineinhalb Jahren, hinzu kämen unter anderem noch die Mieten und hohe Transportkosten für das ausgelagerte Depot. Insgesamt ergäben sich da Kosten von 122 Millionen Euro. Und an der bisherigen Raumnot würde sich nichts ändern. Die anderen damals untersuchten Standortalternativen für das Volkstheater kämen ebenfalls teurer und stünden nicht vor 2025 zur Verfügung, es bräuchte also obendrein ein kostspieliges Ausweichquartier. Sehr viel billiger kommt die Stadt also so oder so nicht davon - es sei denn, sie macht das Volkstheater ganz dicht.

Ähnlich sieht das bei den anderen beiden Großprojekten der kommenden Jahre aus. Im Stadtmuseum sollen die Bauarbeiten voraussichtlich Ende 2016 oder Anfang 2017 beginnen. Die bestehenden, unter Denkmalschutz stehenden Gebäudetrakte sind zum Teil in einem sehr maroden Zustand und entsprechen nicht mehr den bautechnischen und sicherheitsrechtlichen Standards. Viel abspecken lässt sich an den kalkulierten Kosten von 200 Millionen Euro für die Generalsanierung also wohl kaum. Beim Gasteig ist die Lage ähnlich. Allein die unumgängliche Grundsanierung - um das Haus so zu erhalten, wie es jetzt dasteht - würde schon 270 Millionen Euro kosten. Sinnvolle Verbesserungen, etwa bei der Anlieferung, und vor allem eine akustische Optimierung der großen Philharmonie kosten aber noch einmal 180 bis 210 Millionen Euro, nach derzeitiger Schätzung. Und auf die will eigentlich niemand verzichten, wenn man schon einmal so ein Riesenprojekt angeht, bei dem das Kulturzentrum von 2020 an für einige Jahre gesperrt sein wird.