Klinikum rechts der Isar in München Umstrittene Warteliste

Im Münchner Klinikum rechts der Isar wurden offenbar Patienten für ein Spenderorgan vorgesehen, die nicht unter die strengen Richtlinien fallen - zum Beispiel Alkoholiker. In Fachkreisen wurde das Krankenhaus offenbar schon länger kritisch beäugt.

Von Christina Berndt

Das Lebertransplantationsprogramm am Klinikum rechts der Isar steht unter Druck.

(Foto: Uwe Lein/dapd)

Die Transplantationspraxis im Klinikum rechts der Isar wird in Fachkreisen schon seit längerem kritisch beäugt. Insbesondere der Umgang mit der Warteliste wird hinterfragt. Transplantationsexperten monieren nach Recherchen der SZ, dass in dem Münchner Klinikum offenbar Patienten auf die Warteliste gesetzt wurden, die nicht unter die strengen Kriterien bei der Organvergabe fallen. Spenderorgane sind ein knappes Gut. Bekommt ein nicht berechtigter Patient eine Leber, geht ein anderer leer aus. Unter Umständen stirbt er, bevor er ein Organ erhält. Deshalb gibt es Richtlinien der Bundesärztekammer (BÄK), welche Patienten auf die Warteliste aufgenommen werden dürfen.

Am Klinikum rechts der Isar interpretierte man diese Regeln womöglich großzügiger als anderswo. Es seien Alkoholkranke, die nicht vollständig trocken waren, transplantiert worden, berichteten mehrere Ärzte der SZ. Einzelne dieser Patienten seien zuvor am Klinikum Großhadern abgelehnt worden. Nach den Richtlinien der BÄK müssen Alkoholkranke aber "für mindestens sechs Monate völlige Alkoholabstinenz eingehalten" haben, bevor sie Anrecht auf eine Spenderleber haben. "Es gab ganz offensichtliche Differenzen bei der Bewertung solcher Patienten", berichtet ein Chirurg. In einem konkreten Fall soll eine Patientin, die gar als "hochgradig alkoholabhängig" beschrieben wurde, im Jahr 2011 eine Leber erhalten haben. Sie starb nur Tage nach der Transplantation. Das Klinikum rechts der Isar gab dagegen an, für die Patientin habe ein psychosomatisches Gutachten vorgelegen, das ihr vor ihrer Listung eine sechsmonatige Abstinenz bescheinigte. Auch habe sie zuverlässig alle Untersuchungstermine wahrgenommen.

Gleich zwei anonyme Briefe schilderten in den vergangenen Jahren fragwürdige Zustände bei Transplantationen am Rechts der Isar. Zudem schrieb ein Arzt in leitender Position einen Brief an Klinikdirektor Reiner Gradinger. Darin wies der Mann, der inzwischen in einem anderen Krankenhaus arbeitet, auf Unregelmäßigkeiten hin und bat um ein vertrauliches Gespräch. Gelegenheit dazu bekam er nie. An einem Klinikum werde viel geredet, begründete Gradinger dies im Gespräch mit der SZ. "Auf Gerüchte gebe ich nichts."

Auch von dem am Montag bekannt gewordenen Fall eines Patienten, der im Jahr 2010 eine Spenderleber wohl nur deshalb erhalten hat, weil Ärzte eine Blutprobe vorsätzlich vertauschten, sollen mehrere Personen im Klinikum gewusst haben. Immerhin hat ein Arzt dies in einem Gedächtnisprotokoll festgehalten, ein zweiter Arzt hat auf die Existenz des Protokolls hingewiesen, das der Tageszeitung taz zufolge ein dritter Arzt in seinem Schreibtisch verwahrte. Alle drei haben jedoch im August gegenüber der Klinikleitung geschwiegen.

Sicher ist: Das Lebertransplantationsprogramm am Rechts der Isar stand unter enormem Druck, seit im Jahr 2006 der Wissenschaftsrat die geringe Zahl der dort verpflanzten Lebern moniert hatte. Er empfahl, Lebern künftig nur noch in Großhadern zu transplantieren. Eine vom Wissenschaftsministerium berufene Kommission unter Vorsitz des Innsbrucker Chirurgen Raimund Margreiter forderte daraufhin, die Transplantationsabteilungen der beiden Münchner Klinika formal zu vereinen und die Organe auf die Standorte zu verteilen. Für Lebern wurde "vor einer endgültigen Entscheidung eine Übergangszeit vereinbart", teilte das Ministerium auf Anfrage mit. In dieser Zeit sei "die für die weitere Zulassung als Transplantationszentrum erforderliche Qualität, zu der auch die Einhaltung von Mindestmengen gehört, sicherzustellen". Diesen Auftrag nahm man am Rechts der Isar offenbar ernst. Binnen vier Jahren stieg die Zahl der verpflanzten Lebern dort rasant von 14 im Jahr 2007 auf 37 im Jahr 2011.

Ob dabei tatsächlich unlautere Methoden genutzt wurden, ist noch unklar. In dem besonders verdächtigen Fall mit dem Gedächtnisprotokoll geht das Klinikum selbst inzwischen von Vorsatz aus. Die Staatsanwaltschaft hat aber bisher kein Ermittlungsverfahren eingeleitet.