Von Sven Loerzer

Vernachlässigte, misshandelte oder missbrauchte Kinder - in immer mehr Familien spitzen sich auch in München die Probleme zu. Sozialreferent Friedrich Graffe will nun 32 neue Mitarbeiter einstellen, um Problem-Haushalten zu helfen.

Von 2000 bis 2006 hat sich allein die Zahl der Verdachtsfälle auf sexuelle Gewalt von 397 auf 763 erhöht und damit fast verdoppelt. Sozialreferent Friedrich Graffe will jetzt 32 Sozialpädagogen zusätzlich einstellen, um die Situation zu entschärfen.

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Ohrfeige (nachgestellte Situation). (© Foto: Joergensen)

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Rund 350 Sozialpädagogen kümmern sich in München um die 27000 Haushalte, die ihre Probleme - Arbeitslosigkeit, Schulden, Sucht, Kindererziehung, Pflegebedürftigkeit - ohne fremde Hilfe nicht mehr in den Griff bekommen. Allein in den letzten drei Jahren - also nach Einführung von Hartz IV - hat die Zahl der zu betreuenden Haushalte um zehn Prozent zugenommen. In mehr als der Hälfte davon leben Kinder.

Die städtischen Bezirkssozialarbeiter sind inzwischen völlig überlastet, wie die SZ im Sommer berichtete. Sie sollen sich nicht nur um Kinder kümmern, sondern auch um ältere Menschen, die wegen Krankheit oder Behinderung hilflos sind, sowie sich bei drohendem Verlust der Wohnung einschalten. Der Einsatz ist ebenso gefragt bei krisenhafter Zuspitzung psychischer Erkrankungen.

Die vielen Anforderungen sind nicht mehr zu bewältigen, wie Grünen-Rathausfraktionschef Siegfried Benker und Stadträtin Jutta Koller schon vor Monaten warnten. Auf Antrag der Grünen wird Graffe nächste Woche dem Stadtrat ein erstes Konzept vorlegen, wie der strapazierte Sozialdienst vor dem Kollaps zu bewahren ist. Unter den derzeitigen Bedingungen könne der Dienst kaum mehr seiner Aufgabe gerecht werden, schutzbedürftigen Menschen rechtzeitig zu helfen, so Benker.

Die Polizei hat in diesem Jahr eine zentrale Stelle zur Beratung von Opfern häuslicher Gewalt eingerichtet, die eng mit der Stadt zusammenarbeitet. Allein 70 Meldungen über Einsätze der Polizei bei häuslicher Gewalt in Familien mit Kindern haben die Bezirkssozialarbeiter dadurch im August und im September erhalten. Über das Jahr hinweg rechnet die Polizei mit etwa 1000 Meldungen, in der Hälfte der Fälle sind die Familien schon dem Sozialbürgerhaus bekannt.

Bei den Gefährdungsfällen im Bereich Kinderschutz sind bereits ohne diese Fälle eklatante Anstiege zu verzeichnen, betont Graffe in seinem Bericht. Seit 2003 habe die Zahl der Fälle im Jahresmittelwert um 18 Prozent zugenommen, was sicher auch auf die erhöhte Sensibilität von Fachleuten und Gesellschaft zurückzuführen sei. Seit dem Tod von Kevin in Bremen "werden Meldungen über mögliche Vernachlässigung oder Misshandlung von Kindern deutlich häufiger und schneller an die Bezirkssozialarbeit weitergegeben", so Graffe.

Immer häufiger muss das Jugendamt Kinder, weil ihr Wohl gefährdet ist, zumindest kurzzeitig aus Familien herausnehmen: Waren es 2003 erst 205 Kinder, so sind im ersten Halbjahr 2007 bereits 277 Kinder betroffen. Die von Hartz IV forcierte Armutsentwicklung hat den Unterstützungsbedarf der Familien erhöht: "Eine schwierige wirtschaftliche Situation belastet Familien und setzt sie unter Stress", erklärt Graffe, der dazu auch auf ein SZ-Interview mit Elfriede Seus-Seberich verweist, der Leiterin des SOS-Beratungs- und Familienzentrums in Berg am Laim. I

nsgesamt sei die Zahl der betreuten Haushalte in den letzten drei Jahren um zehn Prozent gestiegen. 70 Prozent der Arbeitszeit wenden die Bezirkssozialarbeiter für die Probleme rund um Kinder und Jugendliche auf. Um die gestiegene Belastung zu bewältigen, fordert Graffe 32 neue Stellen. Die Kosten dafür betragen 1,683 Millionen Euro jährlich.

Sein Korreferent, Grünen-Fraktionschef Benker, ist davon überzeugt, "dass wir um eine Stellenzuschaltung nicht herum kommen". Damit würden in einem ersten Schritt die schlimmsten Lecks gestopft. Offen bleibe aber der künftige Kurs. Auf Grund der hohen Belastung mit Kinderschutzaufgaben kämen andere Aufgaben, wie etwa die Hilfe für alte Menschen oder Wohnungslose, zu kurz. Die Bezirkssozialarbeit habe sich zum reinen Krisendienst entwickelt, die präventive Arbeit sei völlig in den Hintergrund getreten: "Das muss wieder mehr werden", fordert Benker. Denn nur frühzeitige Hilfe sorge dafür, dass der soziale Friede in der Stadt erhalten bleibt.

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(SZ vom 26.11.2007)