Kinder und Hunde Vorsicht vor dem Hund

Damit das Zamperl nicht plötzlich zubeißt: Kinder können in speziellen Kursen lernen, sich Hunden gegenüber richtig zu verhalten.

Von Marie Schmidt

Die wichtigste Übung ist: den Baum machen und dem Hund die kalte Schulter zeigen. "Ihr sollt langweilig sein. Wenn ihr Blödsinn macht, finden die Hunde das spannend", erklärt Hildegard Jung. Sie ist Tierärztin und Verhaltenstrainerin, und gibt in der Klasse 2c der Grundschule an der Fritz-Lutz-Straße einen Kurs, bei dem die Kinder lernen, wie man richtig mit Hunden umgeht.

In der Grundschule an der Fritz-Lutz-Strasse können Kinder in einem speziellen Training lernen, sich im Umgang mit Hunden richtig zu verhalten.

(Foto: Foto: Alessandra Schellnegger)

Kleine Kinder werden häufiger von Hunden gebissen als Angehörige anderer Altersgruppen, oft weil sie Hunde wie andere Menschen behandeln und sich ihnen nicht vorsichtig genug nähern. Vom Beschwichtigungsmantra der Hundebesitzer - "Der tut nichts, der will nur spielen" - ist beim Sicherheitstraining von Hildegard Jung deshalb wenig zu spüren. "Wir üben defensives Verhalten", erklärt sie. Die Kindern lernen, dass Hunde jederzeit beißen können, weil sie verängstigt, überrascht oder missgelaunt sind. Dagegen hilft nur: ruhig bleiben und sich vom Hund abwenden.

Bevor sie mit echten Hunden üben, bekommen die Kinder eine Theoriestunde, in der Hildegard Jung problematische Situationen erklärt und die Kinder zu Empathie anhält. "Sie sollen überlegen, was in dem Hund vorgeht", erklärt Jung. "Wenn ein Kind einen Hund mit der einen Hand streichelt und dabei eine Leberkässemmel in der anderen Hand hat, wird der Hund nach der Semmel schnappen. Das müssen die Kinder begreifen."

Üben am lebenden Objekt

Weil die Kinder abstrakte Regeln schwer in Verhalten umsetzen können, folgt auf die Theorie die Praxis: In der Turnhalle üben sie mit drei "Schulhunden", die extra für diese Kurse ausgebildet sind. An zwei Wochenenden trainieren Herr und Hund zuvor für den Einsatz in der Schule. Dann hören sie so gut auf ihre Besitzer, dass die Kinder bei den Übungen nicht in Gefahr sind. Die Hunde werden zwischen den in kleinen Gruppen spielenden Kindern hindurchgeführt, und die Kinder sollen sich ruhig verhalten, wenn sich ein Hund nähert.

Die Schüler sind sehr beflissen und bleiben wie angewurzelt stehen, wenn sie die Glöckchen an den Halsbändern der Hunde hören. Sie legen die Hände an die Hosennaht und würdigen die Hunde keines Blickes. Und tatsächlich: Die Hunde marschieren durch die Reihen, die Augen fest auf das nebenherlaufende Frauchen gerichtet, und scheinen die Kinder gar nicht zu bemerken.

Neben Hektor, einem großen braunen ungarischen Jagdhund haben die beiden Cattle-Hunde River und Chicco heute ihren ersten Einsatz in einer Klasse. Cattles sind Hütehunde, gezüchtet, um riesige Rinderherden zusammenzuhalten. Wenn man das weiß, verzeiht man ihnen ihr schrilles Bellen. Sie sind Arbeitshunde, die viel Bewegung und Auslauf brauchen. "Manche denken, ein Spaziergang wäre für so einen Hund genug, aber das ist keine Anstrengung für ihn", sagt Anja Kröner, die mit Chicco hier ist und Cattle-Hunde züchtet. Auch von solch besonderen Hundeeigenschaften erfahren die Kinder bei dieser Gelegenheit.

"Nicht den Kopf tätscheln!"

Die Sicherheitstrainings für Kinder in der zweiten Klasse hat Hildegard Jung vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Da lernen Kinder vor allem, wie man sich fremden Hunden gegenüber verhält. Weil aber noch kleinere Kinder zwischen drei und sechs Jahren oft vom Hund der eigenen Familie gebissen werden, gibt es jetzt auch ein Präventionsprogramm für diese Altersgruppe. Hildegard Jung hat es zusammen mit einem internationalen Team von Wissenschaftlern entwickelt und geprüft. "Der blaue Hund" besteht aus einer interaktiven CD-Rom und einem Begleitheft für Eltern. Mit einem Mausklick können die Kinder beeinflussen, wie sich ein Kind in der Animation dem gezeichneten blauen Hund gegenüber verhält. Und der kann ganz schön wütend werden. Aber auch wenn er freundlich ist, sieht man seine Zähne im Mundwinkel. Das soll zeigen: Hunde können jederzeit gefährlich sein. Richtiges Verhalten bedeutet in den Geschichten vom blauen Hund oft: einen Erwachsenen dazurufen. Die CD-Rom sollen Kinder deshalb mit ihren Eltern benutzen. Denn auch die müssen oft erst lernen, wie das Zusammenleben von Kindern und Hunden gut funktionieren kann.

Zum Schluss des Trainings an der Fritz-Lutz-Schule darf jedes Kind einem Hund etwas zu fressen geben und ihn streicheln. Aber nicht ohne vorher zu fragen, das gehört zum Lernstoff. "Und dem Hund nicht den Kopf tätscheln, wie Tante Erna, wenn sie sagt: ,Du bist aber groß geworden!'", mahnt Hildegard Jung. Als der Kurs vorbei ist, legen sich die gedrungenen, energiegeladenen Cattle-Hunde erschöpft auf den Turnhallenboden. So viele Kinder auf einmal erschöpfen sogar veritable Arbeitshunde.

Informationen zum Training für die zweite Klasse unter www.schulhunde.de. "Der blaue Hund" ist zu bestellen unter 0641 244 66, Informationen unter www.thebluedog.org.