Kellnerinnen beim Oktoberfest 2013 Für die Wiesn zu alt

Ist eine 63-Jährige zu alt, um auf dem Oktoberfest als Bedienung zu arbeiten? In der Ochsenbraterei offenbar schon: Die Geschäftsführung des Wiesnzeltes engagiert grundsätzlich keine Kellnerinnen, die älter sind als 60 Jahre. Ein Stammgast hält das für einen "Skandal".

Von Astrid Becker

Ist eine Frau mit Anfang 60 zu alt, um auf der Wiesn als Bedienung zu arbeiten? In der Ochsenbraterei ist auf diese Frage offenbar eine klare Antwort zu finden: Ja. Bei Wirtin Antje Schneider dürfen keine Bedienungen mehr arbeiten, die älter als 60 Jahre sind. Die Ochsenbraterei ist dem Vernehmen nach das einzige Festzelt, in dem derartige Regelungen existieren.

Seit 1972 hatte Anna G. (Name der Redaktion bekannt) in der Ochsenbraterei Maßkrüge geschleppt und Essen serviert. Doch heuer werden die Stammgäste im Mittelschiff des Zeltes ihre Lieblingskellnerin vermissen. Bereits im vergangenen Jahr bekam die 63-jährige ausgebildete Servicekraft, die einst von Antje Schneiders mittlerweile verstorbenen Vater, Hermann Haberl, engagiert worden war und für ihn auch im Ausland auf Messen gearbeitet hatte, keinen Vertrag mehr zugeschickt.

Als sie deswegen bei Schneiders Geschäftsführer André Hollenbenders nachhakte, bekam sie zur Antwort, sie sei ja älter als 60 Jahre und habe damit eigentlich längst die Altersgrenze überschritten. 2012, so hieß es dann, dürfe sie aber noch ein letztes Mal kommen.

Pink oder Pailletten?

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In diesem Jahr soll sich Wirtin Antje Schneider nach einem Gespräch mit Anna G. und ihren ebenfalls betroffenen drei Kolleginnen bei dem Geschäftsführer für deren Verbleib eingesetzt haben. Daraufhin schickte er Anna G. doch noch einen Vertrag zu - allerdings mit wesentlich schlechteren Konditionen. Statt wie bisher drei Tische bekam sie nur mehr zwei Tische zugeteilt. Zu wenig für die Österreicherin, die sich nach eigenem Bekunden damit unterfordert fühlt. Zudem bedeutet die Reduzierung ihrer Tische für sie einen schlechteren Verdienst, von dem sie ja auch alle anfallenden Nebenkosten wie Fahrt und Übernachtung bestreitet. Also lehnte sie den Vertrag ab.

Für ihren langjährigen Stammgast, den Münchner Unternehmensberater Albert Baustetter, ist das Gebaren der Ochsenbraterei eine "Ungezogenheit gegenüber einer verantwortungsvollen, zuverlässigen und beliebten Bedienung vom alten Schlag" und ein "Skandal". Der Geschäftsleitung sei bekannt, dass Anna G. nach jeder Wiesn noch weitere fünf Wochen auf dem Schänzlifest in Zürich arbeite: "Von Altersschwäche also keine Spur", schimpft er in einem Schreiben, das er an Wiesnchef Dieter Reiter geschickt hat. Dessen Referat sieht sich nicht imstande, diesen konkreten Fall "vom Schreibtisch aus" zu beurteilen, wie ein Sprecher sagt, aber: "Wir erwarten grundsätzlich von unseren Wirten, dass sie sich an die Gesetze halten. Dazu gehört auch das Diskriminierungsverbot."

Als Benachteiligung älterer Mitarbeiter will man die Altersgrenze von 60 Jahren in der Ochsenbraterei aber nicht sehen. Antje Schneider hält diese Regelung sogar für "fair", wie sie sagt: "Es ist doch viel grausamer, wenn man jemandem sagen muss, Du schaffst es einfach nicht mehr."

Auf Anna G. angesprochen, reagiert sie sogar mit Bedauern. Eine richtig gute Bedienung sei sie gewesen, sagt Schneider, die ja so lange für die Familie gearbeitet habe und sich dabei nie irgendetwas zu Schulden habe kommen lassen. Auch Schneiders Geschäftsführer ist voll des Lobes, verteidigt allerdings auch die Altersgrenze: "Wiesnbedienung ist ein richtiger Knochenjob. Mit 60 kann man einfach nicht mehr so wie mit 30."

In den anderen Wiesnzelten sieht man das offenbar völlig anders. Im Löwenbräuzelt beispielsweise arbeiten die Bedienungen so lange sie wollen: "Das reguliert sich doch von allein. Wenn es jemand nicht mehr schafft, dann hört er freiwillig auf", sagt Wirt Ludwig Hagn, selbst 73 Jahre alt. Christian Schottenhamel, 50, schätzt seine älteren Bedienungen sogar als seine "wertvollsten Kräfte", weil sie Erfahrung hätten und diese an die Jüngeren weitergäben. Und auch Wiesn-Wirtesprecher Toni Roiderer, Jahrgang 1944, kann sich eine Altersgrenze für Wiesn-Bedienungen nicht vorstellen: "Warum auch? Gerade die Bedienungen in diesem Alter sind es doch, die das Bild von der Wiesn geprägt haben."