Kehrtwende Laien sollen Pfarreien leiten

Die katholische Kirche löst sich probeweise von einer alten Vorgabe

Von Jakob Wetzel

Kehrtwende bei der katholischen Kirche: Das Erzbistum München und Freising löst sich von dem umstrittenen Grundsatz, dass an der Spitze einer Pfarrgemeinde oder eines Pfarrverbands immer ein geweihter Priester stehen muss. Wie die Kirche am Donnerstag mitteilte, sollen mehrere Pfarreien in den drei Seelsorgsregionen demnächst in Pilotprojekten neue Leitungsmodelle erproben. Dabei soll jeweils ein Team aus haupt- und ehrenamtlichen Laien die Führung in ihren Pfarreien übernehmen.

Die Kirche gibt damit zunächst probeweise eine Vorgabe auf, die in der Erzdiözese viel Unfrieden gestiftet hat. Denn wenn eine Gemeinde stets einem Priester unterstehen muss, die Zahl der geweihten Priester aber langfristig abnimmt, muss auch die Zahl der Gemeinden sinken. Auch deswegen wurden in den vergangenen Jahren Hunderte Einzelpfarreien zu Pfarrverbänden zusammengefasst oder verschmolzen. Gemäß der 2010 verabschiedeten Strukturreform sollen nur 43 Pfarreien in der Erzdiözese eigenständig bleiben; 698 andere sollen in 230 Verbänden gebündelt werden. Doch die Pfarrer an der Spitze solcher Verbände klagten, sie seien immer mehr mit Management-Aufgaben beschäftigt, es bleibe nicht genug Zeit für die Seelsorge. Gemeindemitglieder fühlten sich vernachlässigt. Und nicht geweihte Seelsorger wie etwa Pastoralreferenten waren düpiert. Denn Kardinal Friedrich Wetter, der Vorgänger von Kardinal Reinhard Marx im Amt des Erzbischofs von München und Freising, hatte die Leitung von Gemeinden in Einzelfällen auch in deren Hände gegeben. Kritiker wie die Priester und Diakone des "Münchner Kreises" oder die Laien in der "Gemeindeinitiative" sowie in der Bewegung "Wir sind Kirche" fordern seit Jahren, die Erzdiözese solle Laien wieder erlauben, Pfarrgemeinden zu leiten.

Die jetzige Kehrtwende hatte sich abgezeichnet. Schon vor zwei Jahren korrigierte die Kirche vorsichtig den Kurs und kündigte an, eigene Verwaltungsleiter einzustellen, um die Pfarrer zu entlasten. Seit 2013 arbeitet im Erzbischöflichen Ordinariat eine Projektgruppe an Ideen für eine zukunftsfähige Seelsorge. Im vergangenen Jahr ließ die Kirche Wissenschaftler der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Paderborn erheben, wie die Katholiken im Erzbistum die Strukturreform bewerten. Und im selben Jahr rief Kardinal Marx zudem die Katholiken im Erzbistum zum Experimentieren auf: In einem Brief an Priester und andere Mitarbeiter in der Seelsorge schrieb er, sie sollten Experimente wagen und dabei auch neue Modelle finden, wie Pfarreien geleitet werden können. Die dabei entstandenen Ideen werden nun in der Praxis erprobt.