Von Alex Rühle

Theater zwischen Träumen und Resignation: Regisseure und Dramaturgen der Kammerspiele gründen mit Schülern die "Hauptschule der Freiheit".

Dieser Resopalgeruch. Die Holzstühle, die kreideverschmierte Tafel und die hallenden Geräusche aus den langen Gängen - könnte alles eine echte Schulstunde sein. Stünde da nicht dieser Junge im Formel-Eins-Anzug, und erzählte von seinem Jet-Set-Leben als Flavio Briatore, die Disco auf Sardinien, die Beziehung zu Heidi Klum.

"Ihr müsst mal nach oben kucken! Es gibt auch ein Oben, nicht nur ein Unten": René Dumont liest seinen Schülern die Leviten. (© Foto: Kammerspiele/Andrea Huber)

Anzeige

Er selber heißt Sedra, geht in die neunte Klasse, Hauptschule Schwindstraße, und ringt schwer mit seinem Text. Hinter ihm, auf der Tafel, stehen die vernichtenden Sätze: "Ihr könnt nix. Ihr seid nix. Ihr werdet nix." Der Regisseur Peter Kastenmüller unterbricht ihn nach dem fünften Stolperer: "Okay, das üben wir dann morgen nochmal."

Sedra verblüfft: "Wie jetzt? Morgen?" Darauf lacht der Dramaturg Björn Bicker leise in der letzten Bank: "Wenn wir es schaffen, dass bei der Premiere alle 50 Schüler da sind, geb ich einen aus."

Kastenmüller und Bicker haben schon einmal, vor fünf Jahren, mit Hauptschülern zusammengearbeitet: Für "Bunny Hill" luden Sie Jugendliche aus dem Münchner Hasenbergl in die Kammerspiele und verwandelten diese für mehrere Monate in eine Art soziologisches Theaterlabor. Diesmal sind sie gemeinsam mit der Regisseurin Christine Umpfenbach und der Dramaturgin Ruth Feindel aus dem Theaterraum rausgegangen, in eine Hauptschule, das Riesengebäude am Ackermannbogen, in das in zwei Jahren die Schwind- und die Bayernplatzschule als gemeinsame Hauptschule ziehen werden und haben dort, zusammen mit den Schülern der Schwindschule, die "Hauptschule der Freiheit" gegründet.

Reifeprüfung und Störstunde

Man kann auch wenige Tage vor der Premiere schwer sagen, wie das Ergebnis am heutigen Freitag sein wird: Viel ist noch im Fluss, oft verheddern sich die Schüler in ihren Texten; "und hat jemand den XY gesehen? Der sollte doch längst hier sein." - "Oh, hat der nicht sogar heute morgen seinen Quali verschlafen?"

Wenn denn alles klappt, werden die Zuschauer zu Beginn des Stücks in verschiedene Klassen aufgeteilt und bekommen dann von den Schülern 20-minütige Schulstunden präsentiert, neun Fächer wird es geben, die recht symbolische Namen tragen wie "Reifeprüfung", "Störstunde" oder "Deutsche Geschichte".

Der Ton bei den Proben ist mal herzlich und frotzelnd, mal genervt und rau: "Mann, konzentrier dich, du kannst es, jetzt sag den verdammten Satz!" Der Filmemacher Tobias Zintel, der zusammen mit dem Schauspieler Sebastian Weber für eine der Stunden kleine Filme über die Träume der Schüler dreht, sagt über seine Erschöpfung und seine Aggressionen: "Ich komm mir inzwischen vor wie im Kongo. In mir drin - Kongo, das Drehen - Kongo."

Er und Weber wollten zunächst Bewerbungsfilme mit den Schülern drehen. "Aber da kam von denen immer nur Mechatroniker und Kosmetikerin. Totale Lähmung." Also fragten sie die Schüler nach deren Träumen - und inszenieren sie jetzt als Aikidomeisterin, Parkours-Läufer und einsamer Edward mit den Scherenhänden, was in seiner Mischung aus kleinen Träumen und großem Kino anrührend zu sehen ist. Zintel sagt, er habe vorher gedacht, "Mann, Hauptschule, die hauen einen sicher um, und dann sind das hier so halbe Kinder."

"Und, Cynthia", sagt der Dramaturg Björn Bicker zu einer Schülerin auf dem Gang, "was machste denn jetzt nach dem Quali?" - "Na, Hartz IV natürlich."

Die Schüler lämen sich selbst

Der Berliner Psychologe Michel Knigge befasste sich in seiner Promotion mit dem Selbstbild von Hauptschülern. Dazu befragte er 900 Hauptschüler, was sie über ihr Image denken und welche Folgen das wiederum für ihr eigenes Selbstbild hat. Das Ergebnis war verheerend, die negativen Attribute, die Knigge selbst auf seinem Fragebogen anbot, reichten gar nicht aus, die Schüler sprachen von sich in extrem abwertenden Begriffen.

Knigge schreibt, der Stempel, Mitglied einer Restschule zu sein, erschüttere das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit, was die fatale Rückkopplung zur Folge habe, dass diese Schüler "dazu neigen, Situationen zu vermeiden, in denen von ihnen Leistung gefordert wird." Je stärker Hauptschüler sich das negative Image zueigen machen, desto schwerer fällt es ihnen, sich in der Schule zu engagieren, oder sich schlicht und einfach auf die Schule zu freuen.

Dies deckt sich mit der Studie der US-Psychologen Claude Steele und Joshua Aronson, die in den neunziger Jahren die beeindruckende Wirkmacht stereotyper Klischees nachwiesen: Afroamerikaner, die erfolgreich in Stanford studierten, schnitten bei Tests schlechter ab, wenn sie zuvor Auskunft über ihre ethnische Herkunft erteilt hatten. Kein Wunder, dass es in vielen Klassen der "Hauptschule der Freiheit" auf die eine oder andere Art um Identität, Projektionen, Verletzungen geht. Die eingangs erwähnte Szene mit Flavio Briatore spielt im "Twin Power Training", in dem die Schüler von ihren Idolen erzählen. "Immer schaut ihr nur nach unten", schimpft ihr Lehrer, der Kammerspielschauspieler Rene Dumont, ihr müsst mal nach oben kucken, es gibt auch ein Oben in der Welt."

Lesen Sie auf der nächsten Seite, welche Ideen in dem Theaterprojekt umgesetzt werden und was die Regiesseure bei der Arbeit erlebten.

Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite

  1. Sie lesen jetzt Na, Hartz IV natürlich!
  2. Theater zwischen Träumen und Resignation
Leser empfehlen