Kafka in den Kammerspielen Vor dem Gesetz

Andreas Kriegenburg inszeniert Kafkas "Prozess" an den Kammerspielen. Auf der Bühne stehen acht K.'s.

Von Egbert Tholl

"Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." Mit diesem Satz beginnt Franz Kafkas Roman "Der Prozess". Und mit diesem Satz fangen die Probleme an. Wie kann einer verhaftet sein, und die Schergen, die dies vollbringen sollen, stehen nur dumm in seiner Wohnung herum? Weshalb wird er verhaftet? Wer ist Josef K.? "Es liegt in unserer Natur, dass wir versuchen zu verstehen." Das sagt Andreas Kriegenburg, der den Roman auf die Bühne bringt.

Es käme ihm nie in den Sinn zu behaupten, er habe die allein glücklichmachende Deutung des Romans gefunden: "Alle Interpretationsversuche verwandeln sich in Staub. 'Der Prozess' und die beängstigende Wahrnehmung darin sind beschreibbar; die Interpretation jedoch versetzt uns in die Situation von K." Womit wir also die Grenze des Verstehens erreicht hätten.

Heute um 19.30 hat Kriegenburgs Inszenierung ihre Premiere im Schauspielhaus. Die Kammerspiele eröffnen damit ihre Saison; am Samstag reichen sie dann die multiple Interpretation des Saison-Mottos nach, mit einem vielteiligen "Brandherde"-Theater- und Debattenabend unter dem Titelmotto "Geschieht dir recht" - in der Typographie der Kammerspiele auch wahlweise zu deuten als "Geschieht dir Recht?".

"Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Illusion"

Was Recht ist, was das Gesetz sein könnte, hat Kafka selbst in der Szene im Dom entworfen. Darin empfiehlt ein Geistlicher K., er solle gar nicht zu verstehen versuchen, Meinungen seien nicht wichtig. Für K. entschwindet die letzte Hoffnung, Gericht und Kirche gehen eine enge, unheilvolle, nicht zu entwirrende Liaison ein. Wenn K. der Schrift folge, werde er nie etwas erreichen. Aber wem oder was soll er folgen? Ist ja vielleicht auch egal; wenn Kirche und Gesetz eins sind, ist jedermann schuldig.

Diese Bitterkeit der Weltsicht fasziniert Kriegenburg. "Die Trennung von Kirche und Staat ist eine Illusion, weil die Kirche unsere Moralvorstellungen durchwuchert." Dieses Wuchern wird man wohl auch in der Aufführung wahrnehmen, auf Kriegenburgsche Art eben. Bewusst wählte er über "Gesprächsumwege" zusammen mit den Kammerspielen den Roman, der Programmatik des Spielzeit-Beginns wachsam bewusst, weil hier die Zweckmäßigkeit nicht so sichtbar sei.

"Wir versuchen, uns jeden sich anbietenden Kontext zu verweigern." Eine brachiale Zurechtstutzung des Stoffes um damit scheinbar tagespolitisch relevante Aussagen zu treffen, wird es bei Kriegenburg nicht geben. Das würde den Roman nur verkleinern.

Zustand tätiger Euphorie

Das ist durchaus das Credo seiner Regiearbeiten, ob am Hamburger Thalia-Theater, wo er als Hausregisseur drei Inszenierungen pro Saison macht, oder bei den einmal jährlichen Gastinszenierungen, die ihn regelmäßig an die Kammerspiele führen. Hier fühlt er sich wohl, mit Johan Simons, Frank Baumbauers kommenden Nachfolger als Intendant, habe er schon eine Verabredung für die Zukunft getroffen, über die er sich sehr freue.

Kriegenburgs Beziehung zu den Kammerspielen ist eine gegenseitig fordernde. Ihn überredeten sie beispielsweise, seinen ersten Tschechow ("Drei Schwestern") zu machen, er hält die Technik auf Trab, in seiner Doppelfunktion als Regisseur und Bühnenbildner, was man im "Prozess" eindrucksvoll erleben kann. Doch die Technik will gefordert werden von diesem klugen Menschen, der so eine wunderbare Ruhe um sich verbreitet, die alle, die mit ihm zu tun haben, in einen Zustand tätiger Euphorie versetzt, in dem alles möglich scheint.

Zum Beispiel acht K.'s auf die Bühne zu stellen. Bei Kafka stellt sich grundsätzlich die Frage, wie ein Bühnengeschehen mit dem Leseerlebnis korrelieren kann. Im "Prozess" etwa herrscht eine scheinbare Linearität der Erzählung, die spätestens dann zusammenbricht, wenn man am Tag der Hinrichtung erfährt, dass sich der erzählte Zeitraum über ein Jahr erstreckte.

Balance zwischen Angst und Übergriff

Gleichzeitig neigt der Theaterzuschauer nun mal dazu, den Figuren auf der Bühne eine begleitende Psychologie mitgeben zu wollen. Diese hermeneutische Falle umgeht Kriegenburg mit den acht K.'s. Die Hauptperson spiegelt sich ständig, alle haben K. im Kopf, gerade die Frauen, zu denen K. ein Verhältnis in der Balance "zwischen Angst und Übergriff" habe, so Kriegenburg. Die Hysterie K.'s findet ihr Bild in dessen Allgegenwart, seine überreizte Sinnlichkeit in der Groteske, die der dem Humor keineswegs abholde Kafka liebte. Nur eines sollte man von der Inszenierung nicht erwarten: eine simple Lösung. "Es gibt viele Fragen, aber die Antworten stehen nicht im Buch." Antworten von außen indes wären nicht befriedigend.

Vielleicht erhält man solche ja zwei Tage später, beim "Brandherde"-Abend am Samstag. Beim Stationen-Theater im Schauspielhaus wird man vielen Texten begegnen, die 20 Autoren für diesen Abend geschrieben haben. Einer davon stammt von Elfriede Jelinek, dem die Autorin die schöne Regieanweisung mitgab: "Es ist egal, wie man ihn realisiert, ich stelle mir vor, dass drei oder vier Männer ihn möglichst laut schreien."

Was sie schreien sollen, ist eine mitunter biomorphe Variation über Heuschrecken, Gewerkschaften und Banken, sehr nah an aktuellen Geschehnissen, scharf und bizarr und darin vielleicht gar nicht so weit von Kafka weg: "Ein Gericht hat immer recht, wenn es Recht spricht, außer das Urteil hält nicht." Der Abend endet mit einer "Haushaltsdebatte" und einer Party mit Generation Aldi. Bei der kriegt dann ein jeder Recht.