Juristisches Problem Obike-Pleite: Was passiert mit den 3000 Rädern in München?

Im April kündigte die Firma Obike bereits an, die meisten Räder wieder abzuziehen. Sie sind aber noch immer da.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)
  • Der asiatische Leihradanbieter Obike hat in Singapur Insolvenz angemeldet.
  • Ob die 3000 noch verbliebenen Räder in München jemals abgeholt werden, ist derzeit völlig offen.
  • "Wir versuchen seit Wochen und Monaten, bei Obike jemanden zu erreichen, der sich um die Entfernung der Räder kümmert", sagt Münchens Radlbeauftragter Paul.
Von Thomas Anlauf

Es ist ein Knäuel aus Schrott. Räder mit gelben Felgen ragen aus dem Haufen in die Höhe, einige haben Achter in den Felgen. Zwei Obikes stehen tatsächlich aufgeständert vor dem Gewirr, als sei dieser Ort am Rand des Englischen Gartens ein natürlicher Abstellplatz für die Leihräder aus Singapur. Florian Paul kennt groteske Stillleben wie dieses zur Genüge im Stadtbild. "Ich sehe täglich Hunderte der Räder auf dem Weg in die Arbeit", sagt der Fahrradbeauftragte der Stadt.

Eigentlich wollte der asiatische Leihradanbieter, der München mit fast 7000 gelb-silbernen Billigbikes überschwemmt hatte, Anfang April mehr als 6000 Stück aus München abziehen. Doch drei Monate später sind noch mehr als 3000 Räder da. Und sie stapeln sich in Grünanlagen, wachsen langsam in Gebüschen ein oder liegen am Grund der Isar oder des Eisbachs. "Die vielen meist verwahrlosten und kaputten Obike-Räder sind ein großes Ärgernis und mir auch persönlich ein Dorn im Auge", sagt Oberbürgermeister Dieter Reiter. Das Problem: Obike hat in Singapur Insolvenz angemeldet. Ob die Räder in München jemals abgeholt werden, ist derzeit völlig offen.

Stören die 7000 Obikes in München - oder nicht?

Die eine kann die Aufregung um die Leihräder nicht verstehen und hält die mehr als 700 000 Autos in München für das viel größere Problem. Die andere fordert die Stadt zum Handeln auf. Ein Pro und Contra von Ingrid Fuchs und Nina Bovensiepen mehr ...

Denn in der Deutschlandzentrale geht derzeit niemand ans Telefon. "Diese Rufnummer ist im Moment nicht erreichbar", hieß es am Mittwoch beim Anruf unter der Münchner Obike-Nummer. "Wir versuchen seit Wochen und Monaten, bei Obike jemanden zu erreichen, der sich um die Entfernung der Räder kümmert", sagt Münchens Radlbeauftragter Paul. Dabei soll der deutsche Ableger des asiatischen Unternehmens noch gar nicht Insolvenz angemeldet haben. "Man kann sich einige der fahrtüchtigen Räder auch noch ausleihen", hat Paul festgestellt. Das stellt die Stadt vor ein juristisches Problem: Denn die Fahrräder sind damit nicht herrenlos, ohne Weiteres könne man sie deshalb nicht aus dem Verkehr ziehen oder gar verschrotten. "Sie gehören dem Unternehmen, und das ist verpflichtet, sich darum zu kümmern." Doch OB Reiter dringt auf eine schnelle Lösung für das Obike-Problem. "Wir entwickeln gerade mit den Juristen einen Plan B", sagt Paul. Wie der aussehen könnte, ist noch unklar.

In Rotterdam hat die Stadtverwaltung die Sache selbst in die Hand genommen. Dort gibt es offenbar noch etwa 700 Leihräder des Unternehmens, ursprünglich waren es 2500. Räder, die zerstört sind oder sichtlich nicht mehr benutzt werden, sammelt die niederländische Hafenstadt einfach kurzerhand ein. In Hamburg stehen derzeit etwa 10 000 Obikes in einer Lagerhalle, die ein Hamburger Geschäftsmann den glücklosen Asiaten vermietet hat. Auch er hat offenbar keinen Kontakt mehr zu den Eigentümern der Räder.

Im August 2017 standen plötzlich Tausende gelbe Leihräder in der Stadt herum - sehr zum Verdruss der Münchner.

(Foto: Florian Peljak)

Nach dem Marketing-Desaster in München hatte Obike im April den geordneten Rückzug aus der Landeshauptstadt angekündigt, dafür aber sein Angebot in anderen Städten gestartet. In Frankfurt etwa stehen derzeit 1200 gelbe Drahtesel, in Wien hatte das Unternehmen ebenfalls einen Standort, sich aber mittlerweile offenbar zurückgezogen, ohne die Räder wieder einzusammeln. In München hatte die Stadtspitze grundsätzlich nichts gegen den Anbieter aus Fernost, als dieser im August 2017 nach München kam. Allerdings zeigte sich rasch, dass die Räder schnell kaputt gingen, frustrierte Nutzer ließen sie dann irgendwo in der Landschaft liegen. Dazu kam, dass Obike sich oft wochen- oder monatelang nicht um die defekten Räder kümmerte, sodass schließlich die halbe Stadt mit schrottreifen Rädern übersät war.

Als Folge der Radlschwemme und des angekündigten Rückzugs von Obike aus München schrieb Reiter im Frühjahr einen Brief an das Verkehrsministerium, um zu erreichen, dass ein bayerisches Gesetz für Bikesharing erlassen wird. Gerade Obike habe gezeigt, "dass ein ungeordneter Betrieb solcher Systeme in dieser Größenordnung zu Beschwerden und heftiger Kritik führen kann". Die neuen Münchner Benimmregeln für Leihradanbieter, die bislang noch freiwillig sind, sehen unter anderem vor, dass kaputte Räder innerhalb von drei Tagen aus dem Stadtbild verschwinden müssen.

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